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Mado wo akeru - Ein Fenster öffnen

Untersuchungen an Alamannenschwertern in Japan

16.1.2001
Der Sax in unpoliertem Zustand. (Foto: Tadashi Ono)
Der Sax in unpoliertem Zustand. (Foto: Tadashi Ono)

In Japan werden aus Grabhügeln des 5. bis 8. Jahrhunderts n.Chr. Schwerter geborgen, deren Zustand dem europäischer Bodenfunde entspricht. Sind diese Schwerter nicht vollständig korrodiert, d.h. weisen sie der Röntgenanalyse zufolge noch einen soliden Stahlkern auf, werden ausgesuchte Exemplare nach dem traditionellen japanischen Verfahren poliert. Auf diese Weise wird gewissermaßen ein Fenster zu den Eigenschaften des Stahls und den schmiedetechnischen Besonderheiten des jeweiligen Schwertes geöffnet (Ishii & Sasaki 1995, Abb. 1-10, 12, 14, 16 u. 18), die schon bei der Betrachtung mit bloßem Auge mit der Individualität eines Fingerabdrucks zutage kommen. Im Anschluß können die in der Stahloberfläche sichtbar gemachten Erscheinungen anhand der japanischen Terminologie beschrieben und ausgewertet werden.

Das Beproben und Anpolieren von sog. “eisernen” Bodenfunden für metallographische Untersuchungen mag aus der Sicht mancher heute angewandten Konservierungs- und Restaurationstechniken als fragwürdig erscheinen, da ein irreversibler Eingriff in die erhaltene Substanz eines Objektes vorgenommen wird. Dennoch haben solche Untersuchungen im Verlauf der Forschungsgeschichte Erkenntnisse von fundamentaler Bedeutung für material- und technikgeschichtlich ausgerichtete Fragestellungen erbracht. Abgesehen vom, im Vergleich zu metallographischen Längs- und Querschnitten, “zerstörungsarmen” Charakter der japanischen Methode, wäre für die Zukunft eine Überprüfung der japanischen und der am weitesten entwickelten europäischen Methoden auf Ergänzungsmöglichkeiten angebracht (Westphal 1986, 222 ff; 1991, 360 f.). Das “Öffnen eines Fensters”, wie das Anschleifen und Polieren einer isolierten Klingenpartie in Japan umschrieben wird, erhöht nicht nur den kulturgeschichtlichen Aussagewert eines Stückes, sondern stellt auch unter musealen Gesichtspunkten eine leicht nachvollziehbare Wertsteigerung dar. In Japan legen zahlreiche über 1000 Jahre alte Schwertklingen beredtes Zeugnis über die Möglichkeiten des Schwertpolierers zu ihrer langfristigen Erhaltung ab.

Der Sax in unpoliertem und poliertem Zustand. (Foto: Tadashi Ono und Konichi Nakajima)
Der Sax in unpoliertem und poliertem Zustand. (Foto: Tadashi Ono und Konichi Nakajima)

Im Winter und Frühjahr 1999 wurden ein alamannischer Sax und eine Spatha von der Außenstelle Freiburg des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg zur Verfügung gestellt und in Misato-shi, Saitama-Präfektur, Japan, von dem Schwertpolierer SASAKI Takushi bearbeitet. Dieser Schritt wurde unter Berücksichtigung des technologischen und metallographischen Erkenntnisstandes zu frühem europäischem Klingenstahl unternommen, der für die Durchführung des japanischen Polier- und Begutachtungsverfahrens an alamannischen Klingen ohne Ausnahme ein positives Ergebnis erwarten ließ. Im Verlauf des Aufenthaltes in Japan wurde der polierte Sax aus Bad Krozingen verschiedenen Autoritäten auf dem Gebiet der Klingenkunde vorgelegt. Der Schwertschmied AMADA Akitsugu, der 1998 vom japanischen Kultusministerium mit dem seltenen Status eines “Ningen Kokuhô” (“lebender Nationalschatz”) ausgezeichnet wurde, bescheinigte dem Stahl und der Machart der Waffe ein hohes kunsthandwerkliches Niveau und befürwortet weitere Untersuchungen auf dem hier vorgestellten Gebiet.

Die Summe der im Vorfeld gesammelten Argumente für die Anwendbarkeit eines auf japanischen Beurteilungskriterien basierenden Analyseverfahrens an europäischen Klingen war bereits 1961 von E.H. Schulz prägnant zusammengefaßt worden: “Der Grundcharakter eines Eisenerzeugnisses aus der Zeit vor der Gewinnung des schmiedbaren Eisens auf flüssigem Wege ist der gleiche, ob es lange vor Christi Geburt oder aber erst im 19. Jahrhundert hergestellt wurde.”

Vor dem Hintergrund der individuellen Variationsbreite dieses Grundcharakters, wie sie mittels der japanischen Politur auch für die beiden Klingen aus Baden-Württemberg nachweis- und definierbar gemacht werden konnte, ergeben sich für die Fragestellungen der Archäologie, Archäometallurgie und Blankwaffenkunde aufschlußreiche Einblicke in bisher unerforschte Bereiche frühgeschichtlicher Hochtechnologie. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, nochmals auf die Möglichkeiten der japanischen Verfahrensweise zum Nachweis von Qualitätsmerkmalen, Werkstättenkreisen und Handelsbeziehungen, hinzuweisen. Die im Zitat von E.H. Schulz zusammengefaßten Erkenntnisse archäometallurgischer Forschungen legen außerdem die Vermutung nahe, daß sich weitere Perspektiven auch für diachron angelegte Untersuchungen ergeben werden.