13.02.2012 - 19:52:34

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)
Die Alemannen.

von Dieter Geuenich - 16.1.2001

4. Waren die Alemannen unter einem Großkönig geeint?

Der römische Schriftsteller Ammianus Marcellinus (ca. 330-395), dem wir die wichtigsten Informationen über die Alemannen verdanken, nennt nicht nur die Namen einer großen Zahl von Königen (reges), die auf alemannischer Seite - etwa in der Schlacht bei Straßburg (357) - kämpften. Er überliefert auch die Namen einzelner Bevölkerungsgruppen (populi, nationes, gentes), aus denen sich die Gesamtheit der Alemannen zusammensetzte. So nennt er etwa die Bucinobantes, die rechts des Rheins gegenüber von Mainz siedelten, weiter oberhalb gegenüber von Straßburg und Basel die Brisigavi, nördlich des Bodensees die Lentienses und noch weiter nördlich, oberhalb der Donau, die Juthungi. Diese Personenverbände wurden von »Gaukönigen« angeführt, die unabhängig voneinander Verträge mit den Römern, aber natürlich auch miteinander gegen die Römer, abschließen konnten. Einen »Gesamtkönig« aller Alemannen hat es im 4. Jahrhundert offenbar nicht gegeben.

Politische Situation in Europa am Ende des 5. / Anfang des 6. Jahrhunderts, als die legendäre Schlacht bei Tolbiacum (Zülpich?) stattgefunden haben soll, die in Verbindung mit dem Taufverspechen des fränkischen Königs Chlodwig I. in den historischen Quellen genannt wird. (nach einer Zeichnung von I. Bell)
Politische Situation in Europa am Ende des 5. / Anfang des 6. Jahrhunderts, als die legendäre Schlacht bei Tolbiacum (Zülpich?) stattgefunden haben soll, die in Verbindung mit dem Taufverspechen des fränkischen Königs Chlodwig I. in den historischen Quellen genannt wird. (nach einer Zeichnung von I. Bell)

Nun ist in der Forschung immer wieder behauptet worden, dass sich gegen Ende des 5. Jahrhunderts bei den Alemannen das Einkönigtum durchgesetzt habe. Denn in der »Entscheidungsschlacht« der Alemannen gegen die Franken 496/97 müsse dem Frankenkönig Chlodwig ein ebenbürtiger alemannischer Großkönig gegenübergestanden haben. Durch den Tod dieses alemannischen Großkönigs in der »Schlacht bei Zülpich« sei die Niederlage der Alemannen zur Katastrophe geworden, die das Schicksal des unterlegenen Volkes für immer besiegelt habe. Auch die legendenhafte Erzählung des Bischofs Gregor von Tours (ca. 540-594), Chlodwig habe im Verlauf dieser Schlacht, als den Franken eine Niederlage drohte, dem Christengott für den Fall seines Sieges die Taufe gelobt, hat dazu beigetragen, dass diese fränkisch-alemannische Auseinandersetzung 496/97 zum Mythos einer Schicksals- oder Entscheidungsschlacht stilisiert wurde.

Die Quellen lassen jedoch vermuten, dass es um 500 mehrere Schlachten zwischen Alemannen und Franken gegeben hat, bei denen jeweils ein Alemannenkönig fiel. Daraus ist zu folgern, dass es auch zu dieser Zeit keine Zusammenfassung aller alemannischen Kräfte unter einem König gab. Dies mag auch einer der Gründe für die Unterlegenheit der Alemannen gewesen sein, die nun ihre Selbständigkeit verloren und deren Siedlungsgebiet langfristig als Provinz in das Frankenreich der Merowingerkönige integriert wurde.

5. Das alemannische Herzogtum bis zum »Blutgericht zu Cannstatt«

Wenn wir im 6. und 7. Jahrhundert von Alemannenherzögen hören, so handelt es sich um Amtsträger der Franken, um »Amtsherzöge«, die von den Merowingern ein- und gegebenenfalls auch abgesetzt wurden. Erst Herzog Gotfrid gelang es um 700, seine Familie als Herzoghaus fest zu etablieren und das Amt des Alemannenherzogs an seine Söhne weiterzugeben. Deren antifränkische Opposition, die sie im Bündnis mit dem verwandten bayrischen Herzogshaus zu stärken versuchten, richtete sich nicht gegen die Merowingerkönige, sondern gegen die karolingischen Hausmeier, die selbst nach der Königswürde strebten. Die Hausmeier erwiesen sich letztlich als die Stärkeren. Im sogenannten »Blutgericht zu Cannstatt« gelang es 746 dem Hausmeier Karlmann, das alemannische Herzogtum zu beseitigen. Damit endete die Geschichte der Alemannen, die von nun an durch ein System von Grafschaften in das Großreich der fränkischen Karolinger eingegliedert wurden.

Das in der Ottonenzeit neu eingerichtete »Herzogtum Schwaben« knüpfte nicht an das 746 untergegangene alemannische Herzogtum an, sondern hatte eine ganz andere Machtbasis. Das Herzogsamt war im 10. und 11. Jahrhundert ein königliches Amt, sein jeweiliger Inhaber war Lehnsmann und Vasall des Königs.

Literatur

  • Hübener, Wolfgang (Hrsg.), Die Alemannen in der Frühzeit. Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br. 34 (Bühl 1974).
  • Behr, Bruno, Das alemannische Herzogtum bis 750. Geist und Werk der Zeiten 41, (Bern - Frankfurt/Main 1975).
  • Müller, Wolfgang (Hrsg.), Zur Geschichte der Alemannen. Wege der Forschung 100 (Darmstadt 1975).
  • Christlein, Rainer, Die Alamannen. Archäologie eines lebendigen Volkes (Stuttgart - Aalen 1979).
  • Hartung, Wolfgang, Süddeutschland in der frühen Merowingerzeit. Studien zu Gesellschaft, Herrschaft, Stammesbildung bei den Alamannen und Bajuwaren. Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 73 (Wiesbaden 1983).
  • Staab, Franz (Hrsg.), Zur Kontinuität zwischen Antike und Mittelalter am Oberrhein. Oberrheinische Studien 11 (Sigmaringen 1994).
  • Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg (Hrsg.), Die Alamannen. Begleitband zur Ausstellung (Stuttgart 1997).
  • Geuenich, Dieter, Geschichte der Alemannen. Urban-Taschenbücher 575 (Stuttgart - Berlin - Köln 1997).
  • Geuenich, Dieter (Hrsg.), Die Franken und die Alemannen bis zur »Schlacht bei Zülpich« (496/97). Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 19 (Berlin - New York 1998).

Die Quellen zur Geschichte der Alemannen sind in Auszügen und mit deutscher Übersetzung bequem zugänglich in: Quellen zur Geschichte der Alamannen, Hefte 1-7, hg. von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Kommission für Alamannische Altertumskunde (Heidelberg - Sigmaringen 1976-1987).