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Die Alemannen

16.1.2001

1. Wer sind die Alemannen?

Da wir für die ersten Jahrhunderte der Geschichte der Alemannen kein schriftliches Selbstzeugnis dieses Volkes, sondern nur Fremdzeugnisse römischer Autoren besitzen, haben wir als Alamanni notgedrungen diejenigen anzusehen, die von den Römern als solche bezeichnet wurden. Wir haben aber keine Sicherheit, dass die Menschen, die von den römischen Schriftstellern unter dem gemeinsamen Namen Alamanni zusammengefasst wurden, sich selbst als solche betrachtet, dass sie sich überhaupt als zusammengehörig angesehen haben; und erst recht fehlt jeder Hinweis darauf, dass die in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts in das zuvor von den Römern beherrschte rechtsrheinische Gebiet eingedrungenen Germanenscharen einem »Volk« angehörten oder gar als »Stamm« (im Sinne einer Abstammungsgemeinschaft) zu bezeichnen sind. Denn es gibt aus den ersten Jahrhunderten nach der Erstnennung ihres Namens keinerlei Indizien für ein gemeinsames Stammesbewusstsein, für Mythen gemeinsamer Abstammung oder auch für sprachliche Gemeinsamkeiten. Insofern entbehrt es jeder Grundlage, wenn Rainer Christlein das Jahr 260 n. Chr. »die Geburtsstunde des alamannischen Stammes als Staatsgebilde« nennt, eines Stammes, der sich bereits zuvor »weit im Innern Germaniens« gebildet habe.

2. Woher kommen die Alemannen?

In Ermangelung früher Sprachzeugnisse vermag die Sprachwissenschaft keine Aussagen über die Herkunft der Alemannen zu machen. Da auch die schriftliche Überlieferung der römischen Autoren nichts über die Provenienz der Alamanni berichtet, sind wir auf archäologische Zeugnisse angewiesen. Signifikante Übereinstimmungen im frühesten Fundgut aus südwestdeutschen Gräbern einerseits und aus Gräbern des Elb-Saale-Gebietes andererseits erlauben die Aussage, dass ein großer Teil der neuen Bevölkerung, die sich vom 3. Jahrhundert ab im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg archäologisch nachweisen lässt, mit dem als »elbgermanisch« bezeichneten Kulturkreis in Beziehung stand. Da sich aber keine einheitliche, ethnisch-spezifische »alemannische« , »semnonische« , »suebische« oder »elbgermanische« Bestattungs- oder Beigabensitte erkennen lässt, und zwar weder im vermuteten Herkunftsgebiet noch im neuen Siedlungsgebiet, ist die in der Literatur immer wieder anzutreffende Vermutung, der Stamm der Alemannen habe sich bereits vor der Völkerwanderung »im Innern Germaniens« gebildet auch mit archäologischen Mitteln nicht nachweisbar.

Beigaben des Frauengrabes von Mengen, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald, aus der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts. Die Formen und Verzierungen der handgeformten Keramik aus diesen Gräbern haben ihre Tradition im elbgermanischen Raum, dem Herkunftsgebiet der Alemannen. (Foto: Y. Mühleis, LDA Baden-Württemberg)
Beigaben des Frauengrabes von Mengen, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald, aus der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts. Die Formen und Verzierungen der handgeformten Keramik aus diesen Gräbern haben ihre Tradition im elbgermanischen Raum, dem Herkunftsgebiet der Alemannen. (Foto: Y. Mühleis, LDA Baden-Württemberg)

Das Bild von der Wanderung des alemannischen Volksstammes als mehr oder weniger geschlossene Einheit von der Elbe an den Oberrhein sollte, da es weder von den Aussagen der schriftlichen Quellen, noch von sprachwissenschaftlichen Argumenten gestützt, noch durch die archäologisch fassbaren Hinterlassenschaften begründet wird, aufgegeben werden. Stattdessen ist von einem über einen längeren Zeitraum sich erstreckenden Prozess des Eindringens von unterschiedlichen Personenverbänden in den von den Römern preisgegebenen Raum östlich des Oberrheins und nördlich des Hochrheins auszugehen, der im 3. und 4. Jahrhundert eine gewisse Sogwirkung ausgeübt haben dürfte.

3. Die frühesten Zeugnisse des Alemannen-Namens

Im Gegensatz zur älteren Forschung, die von der ersten Erwähnung der Alemannen anlässlich eines Feldzuges des Kaisers Caracalla gegen diese im Jahre 213 n. Ch. ausgeht, ist festzuhalten, dass die zeitgenössischen Quellen in diesem Zusammenhang nur allgemein von Germanen oder Barbaren sprechen. Entsprechend lautet auch der inschriftlich überlieferte Beiname Caracallas Germanicus Maximus und nicht Alamannicus Maximus. Vor dem Fall des Limes im Jahre 259/260 war der Alemannen-Name offenbar unbekannt. Erst nachdem die germanischen Eindringlinge die Nachbarn der Römer am Oberrhein geworden sind, taucht jenseits des Rheins, erstmals im Jahre 289 in Trier in einer Lobrede auf Kaiser Maximian, der Name Alamanni für jene Volksscharen auf, »die bis zu diesem Zeitpunkt Germani genannt wurden« (Historia Augusta).

Zur Bedeutung des Namens hat sich der byzantinische Schriftsteller Agathias im 6. Jahrhundert geäußert. Er behauptet, Asinius Quadratus, ein Autor des 3. Jahrhunderts, habe 'Alama noí als »zusammengespülte und vermengte Menschen« erklärt, »und dies drückt auch ihre Benennung aus«. Obgleich diese Deutung des Volksnamens eher abschätzig gemeint ist, entspricht sie doch weitgehend der Worterklärung, die heutige Sprachwissenschaftler geben: »Menschen insgesamt, Menschen irgend-welcher Art« ; denn der erste Bestandteil des Namens, *al(a) meint stets »eine Gesamtheit von Individuen« . Diese Erklärung passt vorzüglich zu der neuerdings vertretenen Vorstellung einer Ethnogenese der Alemannen aus verschiedenen, ethnisch unterschiedlichen Personengruppen, wenngleich die Frage, wie, wann, warum und durch wen diese Benennung aufgekommen ist, unbeantwortet bleiben muss. Dafür, dass der Name Alamanni schon vor der Mitte des 3. Jahrhunderts bestanden hat, gibt es kein Zeugnis. Insofern spricht nichts dagegen, die Ethnogenese und Namengebung ins 3. Jahrhundert und damit in den Zusammenhang der Konfrontation mit den Römern zu datieren.