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Die Alamannen und das Christentum.

von Niklot Krohn - 16.1.2001

Daß sich dieses noch nicht institutionalisierte - oder vereinfacht: nicht kirchliche "Wildchristentum" - noch lange halten konnte, lag zum einen an der mangelnden kirchlichen Infrastruktur, die bis zur Einführung des Pfarreisystems von der Initiative einzelner Kirchengründer abhing, ebenso läßt sich dieser Zustand auch auf eine Diskrepanz zwischen den religiösen Verhältnissen in der Stadt und auf dem Land zurückführen. Nicht ohne Grund leitet sich der für das Heidentum gewählte antike Begriff "Paganismus" von lateinisch paganus = der Bauer ab, direkt übersetzt also in erster Linie "der Glaube der Leute auf dem Lande", der im Gegensatz zum städtischen Glauben schon seit vorchristlich-römischer Zeit mit dem traditionellen Vorurteil behaftet war, im wahrsten Sinne des Wortes 'bodenständig' und damit besonders primitiv zu sein. Die Alamannen waren von jeher ein landwirtschaftlich ausgerichtetes Volk und die wenigen urbanen Zentren auf alamannischem Territorium, welche den Untergang des römischen Reiches in einer wie auch immer gearteten Form überdauert haben könnten, waren keinesfalls mit den großen linksrheinischen Städten wie Köln oder Trier vergleichbar.

Christus als Kriegerfürst und Sieger über das Böse in Person von Löwe und Schlange. Handschriftenillustration aus dem Stuttgarter Psalter, 9. Jahrhundert. (Foto: Württembergische Landesbibliothek, bibl. fol. 23)
Christus als Kriegerfürst und Sieger über das Böse in Person von Löwe und Schlange. Handschriftenillustration aus dem Stuttgarter Psalter, 9. Jahrhundert. (Foto: Württembergische Landesbibliothek, bibl. fol. 23)

Das institutionalisierte Christentum bei den Alamannen konnte sich daher nur durch den Import aus den westlichen, fränkischen Gebieten des Merowingerreiches ausbreiten, doch selbst dort entsprach die Moral der Christen auf dem Land oft noch nicht den Vorstellungen des hohen Klerus. Der Begriff "Heidentum" ist in den historischen Quellen somit nicht selten lediglich die abschätzige Umschreibung für einen nicht den Dogmen und Vorstellungen der Kirche entsprechend praktizierten Glauben, den es galt, durch kirchliche Instanzen und Glaubensvorschriften umzuformen. Gleichwohl orientierte sich die Konsolidierung der christlichen Glaubenslehre noch lange Zeit an den für unsere Begriffe archaischen Lebenseinstellung der frühmittelalterlichen Gesellschaft. In der durch Gregor von Tours als Christianisierungsmotiv für Chlodwig geschilderten Vorstellung vom "stärkeren Gott" und "Siegeshelfer" kommt am deutlichsten die religiöse Mentalität vor allem der Eliten des Merowingerreiches zum Ausdruck, die von der Formel 'do ut des ', d.h. von den Überlegungen des beiderseitigen "Nehmens und Gebens" geprägt sind, welche auch die Grundlage für das gefolgschaftlich orientierte Zusammenleben der Menschen in jener Zeit darstellte.

Als Religionsphänomen blieb diese Vorstellung im Opfer- und Reliquienkult der katholischen Kirche auch nach dem Mittelalter bis in die Zeit der Aufklärung ein beherrschender Wesenszug der praktizierten christlichen Frömmigkeit. Das frühmittelalterliche Christentum passte sich in seiner dynamischen Entwicklung der martialischen, offenen Ranggesellschaft der Merowingerzeit an, wie sie sich unzweifelhaft auch in den Grabausstattungen jener Zeit widerspiegelt. Der Christus der Alamannen ist nicht das Lamm Gottes, sondern der Kriegerfürst, und dergestalt ist er auch auf zahlreichen Bilddenkmälern zu finden. Ein besonders ausdrucksstarkes Beispiel liefert etwa eine Illustration aus dem Stuttgarter Bilderpsalter, der trotz seiner Entstehung im 9. Jahrhundert bekanntermaßen reichliche Topoi auf die zurückliegenden spätantiken und merowingerzeitlichen Epochen aufzuweisen hat und damit zu den aufschlußreichsten und kostbarsten Handschriften gehört, welche die Schreibstuben alamannischer Klöster hervorgebracht haben. Als Kämpfer gegen das Böse, mit wehendem, purpurrotem Militärmantel und in zeitgenössischer Rüstung, mit Brünne, Spangenhelm und Lanze tritt Christus hier als Pantokrator des neuen Testamentes auf; nicht der leidende Christus steht sogar in zeitgleichen Passionsinterpretationen vorne an, sondern der Held. Mit einem solchen Gott, der in Personalunion von Wehrhaftigkeit und Rechtschaffenheit dem Lebensstil und den Idealen jener Zeit entsprach, identifizieren sich die Eliten des Merowingerreiches -und auch die Edlen Alamanniens, die so zum Wegbereiter für den Siegeszug des Christentums wurden.

Literatur

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