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Von Sternen und Schweinen. Religiöse Astronomie im Alten Ägypten

von Alexandra von Lieven - 12.10.2007

Die Phasen des zunehmenden Mondes, Darstellung im Tempel von Edfu
Die Phasen des zunehmenden Mondes, Darstellung im Tempel von Edfu (aus: Budge 1904)

Der Mond

Das nächste Kapitel wechselt das Thema vollständig, im Folgenden geht es um den Lauf des Mondes. Der Zyklus beginnt nicht etwa mit dem Neumond oder der ersten Sichtbarkeit des zunehmenden Mondes, sondern mit dem Altlicht, also der letztmaligen Sichtbarkeit des abnehmenden Mondes. Die einzelnen Tage des Mondmonats werden dann entsprechend ihrer ägyptischen Namen mythologisch ausgedeutet, und zwar im Hinblick auf den Horus-und-Seth-Mythos. Der böse Seth versucht dem guten Horus, der selbst bzw. dessen Auge mit dem Mond gleichgesetzt wird, zu schaden. Der Zyklus geht bis zum Vollmond und scheint dann im nächsten Kapitel nach einer anderen Quelle erneut zu starten, der abnehmende Mond wird dagegen ausgespart. Das Mondkapitel ist außerordentlich stark mythologisiert und dementsprechend schwer verständlich für den heutigen Leser. Auch fehlt uns hier der antike Kommentar, der sich auf die Abschnitte über die Dekane beschränkte und danach selbst mit der Bemerkung abbricht, den Rest habe er nicht verstanden. Nichtsdestotrotz verbergen sich hinter allen grundsätzlichen Aussagen solide Beobachtungen. Als Kostprobe hier ein kurzer Auszug aus der Beschreibung des fünfzehnten Mondmonatstages, an dem sich der Vollmond und die Sonne genau gegenüberstehen:

„Das ist das Hervorgehen des Horus gegenüber Re. Das ist die Sonne im Westen, und das ist der Mond im Osten. Das ist die Vereinigung der beiden Stiere am Tag der Reinigung, beim Morgengrauen des Festes des fünfzehnten Tages. Das ist Horus, der ausgestattet hervorkommt, nachdem ihm seine beiden Augen gänzlich gegeben wurden als rechtes Auge und als linkes Auge.“

Dieses Zitat ist eine der klarsten und am besten verständlichen Stellen dieses Kapitels. Dennoch können hier an einem vergleichsweise unproblematischen Fall auch die bei der „Religiösen Astronomie“ immer wieder auftretenden Probleme aufgezeigt werden. Während die ersten Sätze den Mond mit Horus, die Sonne mit Re gleichsetzen und beide als zwei verschiedene Wesen auffassen, die unter anderem als Stiere gedacht werden können, ist im letzten Satz nur noch von Horus die Rede, dem nun beide Himmelskörper als linkes und rechtes Auge zugeordnet werden. Das wirkt nach heutigen westlichen Maßstäben unlogisch, ist aber nur die in der ägyptischen Religion stets geübte „multiplicity of approaches“, wie ein bedeutender Forscher dies genannt hat. Daß man als Naturwissenschaftler modernen Schlages hier ins Schleudern gerät, wenn man die denkbaren Möglichkeiten nicht kennt, liegt auf der Hand. Zur Warnung sei jedoch hinzugefügt, daß man nicht nur ins Schleudern gerät, sondern buchstäblich aus der Bahn und auf die Nase fällt, wenn man „multiplicity of approaches“ mit „anything goes“ verwechselt.

Das letzte erhaltene Kapitel handelt noch einmal den zunehmenden Mond kurz ab, bevor die Planeten erwähnt werden. Leider ist dieser Teil des Textes in den verfügbaren Zeugen extrem fragmentarisch erhalten, so daß kaum weiterreichende Aussagen über seinen Inhalt möglich sind. Das eigentliche Ende des Textes ist in keiner der Handschriften erhalten.

Religiöse Astronomie

Wenn ich den „Grundriß des Laufes der Sterne“ hier recht ausführlich vorgestellt habe, so aus mehreren Gründen. Einerseits handelt es sich tatsächlich um den bedeutendsten zusammenhängend überlieferten Text zur ägyptischen Astronomie, andererseits lassen sich hier einige der Probleme, mit denen die moderne Forschung in solchen Texten konfrontiert wird, exemplarisch aufzeigen. Hinzu kommt, daß dieser Text den Ägyptern selbst so wichtig war, daß er nicht nur über Jahrtausende immer wieder abgeschrieben wurde, sondern daß auch eine tiefergehende Auseinandersetzung damit stattfand. Wie schon kurz angesprochen, wurden in der Spätzeit, als die archaische Sprachform des Textes nur noch wenigen Gelehrten verständlich war, mindestens zwei verschiedene Übersetzungen in die zeitgenössische Form der ägyptischen Sprache vorgenommen. Man kann sich das etwa so vorstellen wie eine Übersetzung vom Alt- ins Neuhochdeutsche. Beide Übersetzungen erhielten zusätzlichen je einen Kommentar, der einerseits schwierige Sachverhalte erklärt, andererseits aber - bewußt oder unbewußt - auch den Basistext im Sinne zeitgenössischer Vorstellungen umdeutet. Außerdem läßt sich nachweisen, daß man bewußt mehrere voneinander abweichende Versionen des Werkes sammelte und miteinander verglich.

Die Alten Ägypter verfügten also insgesamt über ein durch langfristige genaue Beobachtung gewonnenes Wissen über den Himmel und seine sichtbaren Phänomene. Die Informationen wurden in den Tempelbibliotheken in durchaus wissenschaftlicher Weise zusammengetragen, systematisiert und verglichen. Dennoch blieb der Fokus des Interesses stets ein religiöser. Dies erschwert für den modernen Forscher den Zugang, erhöht aber je nach Standpunkt auch wieder den Reiz des Forschungsgegenstandes.

Literatur

  • A. von Lieven, Der Himmel über Esna. Eine Fallstudie zur Religiösen Astronomie in Ägypten am Beispiel der kosmo­logischen Decken- und Architravinschriften im Tempel von Esna, Wiesbaden 2000
  • A. von Lieven, Wein, Weib und Gesang — Rituale für die Gefährliche Göttin, Rituale in der Vorgeschichte, Antike und Ge­genwart (Hg. C. Metzner-Nebelsick u.a.), Rahden (Westf.) 2003, S. 47-55
  • A. von Lieven, Grundriß des Laufes der Sterne. Das sogenannte Nutbuch, Kopenhagen 2007
  • C. Leitz, Studien zur ägyptischen Astronomie, Wiesbaden 19912
  • O. Neugebauer/R.A. Parker, Egyptian Astronomical Texts I-III, London 1960-1969

Abbildungsnachweise

  • Budge 1904: E. A. Wallis Budge, The Gods Of The Egytians. Studies In Egyptian Mythology (London 1904)
  • Frankfort 1933: H. Frankfort, The Cenotaph of Seti I at Abydos (London 1933)
  • Roeder 1930: G. Roeder, Der Tempel von Dakke II (Kairo 1930)