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Von Sternen und Schweinen

Religiöse Astronomie im Alten Ägypten

12.10.2007
Wichtige Akteure der ägyptischen Astronomie: (von links) die Himmelsgöttin Nut, der Große Wagen, Orion und Sothis. (Abb.: KHM, Wien)
Wichtige Akteure der ägyptischen Astronomie: die Himmelsgöttin Nut, der Große Wagen, Orion und Sothis.

Die mythologische Ausdeutung astronomischer Phänomene ist von eminenter Bedeutung für die ägyptische Religion. Tatsächlich ist die überwiegende Zahl von Quellen dem zuzuordnen, was ich „Religiöse Astronomie“ nenne. Diese wurden bislang in Studien zur ägyptischen Astronomie meist ignoriert, da sie gar nicht als astronomische Aussagen erkannt wurden. Sie sind aber durchaus brauchbar, da sie einen erheblich weiteren Einblick in die Kenntnisse der Ägypter erlauben, als das wenige mehr oder minder mythenfreie Material. Allerdings bedarf es dabei höchster methodischer Umsicht, um nicht in Phantastereien zu verfallen, die nicht abzusichern sind.

Rein abstrakte mathematische Astronomie ist hingegen äußerst selten belegt. Dies muß auch nicht verwundern, da die erhaltenen Quellen fast ausschließlich aus der Deckendekoration von königlichen und privaten Gräbern und Särgen sowie Tempeln stammen. Dort wurden sie aber natürlich nicht angebracht, um heutigen Forschern zu präsentieren, über welche wissenschaftlichen Kenntnisse man schon verfügte, sondern eben weil die Ägypter religiöse Konzepte damit verbanden. So sehr die Forschung diesen Fokus auf die religiös-mythische Dimension teils belächelt, teils beklagt hat, so sollte man ehrlicherweise sagen, daß wir ohne ihn vermutlich fast überhaupt nichts über die ägyptische Astronomie wüßten.

Nimmt man das Konzept der Religiösen Astronomie jedoch ernst und läßt sich darauf ein, so tut sich eine faszinierende Gedanken- und Bildwelt auf, die bei aller phantastischen Farbigkeit letztlich doch auf sehr exakten Naturbeobachtungen beruht. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Himmelsphänomenen war also durchaus vorhanden, nur wurden die Ergebnisse in Mythen, nicht in abstrakte Theorien gefaßt. Oder vielleicht sollte man treffender sagen, die naturwissenschaftliche Theorie der Ägypter war der Mythos.

Der Himmel über Ägypten

Konstitutive Elemente des ägyptischen Himmels sind Sonne, Mond, Planeten, Sothis, Orion, der Große Wagen und die Dekane. Der Himmel selbst wird als Göttin Nut personifiziert, die auch als Mutter der an ihr entlangziehenden Himmelskörper vorgestellt wird. Ihr Partner ist der Erdgott Geb.

Sonne, ...

Der Gott Chepri (aus: Budge 1904)
Der Gott Chepri

Der falkenköpfige Sonnengott Re war eine der höchstrangigen männlichen Gottheiten. Daß der Name ganz wörtlich „Sonne“ heißt, zeigt sich daran, daß er in späten Texten tatsächlich öfters mit dem maskulinen Artikel versehen wurde. Allerdings konnte die Sonne je nach Tageszeit auch andere Gestalten und Namen annehmen. Insbesondere die Morgen- und Abendformen entwickelten sich als Chepri („der Entstehende“) und Atum („der Vollendete“) zu eigenständigen Gottheiten. Re und Atum galten auch als Schöpfergötter. Atum beispielsweise steht am Beginn der wichtigsten konsistent ausgearbeiteten Göttergenealogie über mehrere Generationen. Seine Kinder sind Schu (je nach Schreibung sowohl als „Luft“ bzw. „Licht“ übersetzbar) und Tefnut (vermutlich „die Ausgespuckte“, bezogen auf einen entsprechenden Mythos, dabei ist aber wohl an ein feuerspeiendes Wesen gedacht, denn Tefnut hat eine feurige Natur). Diese wiederum zeugten Geb und Nut, von denen Isis, Osiris, Nephthys („Herrin des Hauses“) und Seth abstammen. Isis schließlich empfing posthum von Osiris den Gott Horus („der Ferne“).

... Mond ...

Thot als Mondgott erhält das lunare Auge (aus: Budge 1904)
Thot als Mondgott erhält das lunare Auge

Anders als Re, die Sonne, wurde der Mond unter dem eigentlichen Namen für das Gestirn, Iah, nie sehr populär. Unter anderen Namen, die jeweils eine bestimmte, unter anderem mit dem Mond assoziierte Gottheit bezeichnen, spielte er gleichwohl eine bedeutende Rolle. Die wichtigsten Mondgottheiten waren der ibisköpfige Weisheitsgott Thot, der falkenköpfige Chons („der Wanderer“), der ebenfalls falkenköpfige Horus, bzw. sein verletztes und wieder geheiltes Auge, und Osiris, der andererseits auch mit dem Sternbild Orion gleichgesetzt wurde. Am Mond faszinierte besonders sein monatlicher Zyklus von Ab- und Zunahme, um den sich zahlreiche Mythen rankten. Auch die einzelnen Mondphasen konnten personifiziert werden.

... und Sterne

Während Sonne und Mond von zentraler Bedeutung im religiösen Leben jedes Ägypters waren, blieben die Planeten ein eher esoterischer Gegenstand priesterlicher Spekulation. Sie wurden im Laufe der Geschichte mit unterschiedlichen Gottheiten identifiziert, wobei jedoch verschiedene Horusformen stets dominierten.

Rechts im Bild Orion und Sothis im Boot, darunter Ipet mit dem gefesselten Stierschenkel. Links menschengestaltige Dekanfiguren, die danebenstehende Zahl an Sternen gibt an, aus wievielen Einzelsternen das Dekansternbild besteht (reproduced with permission of the IFAO)
Orion und Sothis im Boot, darunter Ipet mit dem gefesselten Stierschenkel

Von überragender Bedeutung ist hingegen wieder Sothis („die Spitze“), obwohl auch sie, wie der Mond, mehr Prominenz unter anderen Namen besitzt, als unter der eigentlichen astronomischen Bezeichnung. Sie ist ursprünglich ein Sternbild aus drei Sternen, darunter dem Sirius. Dieser ist so bedeutend, daß die beiden anderen Sterne eigentlich keine Rolle spielen und später ganz wegfallen. So wie Re mit verschiedensten männlichen Gottheiten gleichgesetzt werden konnte, so wurde Sothis zur Identifikationsfigur verschiedenster weiblicher Gottheiten. Besonders eng ist ihre Verbindung einerseits zu Isis, andererseits zu Tefnut, der Tochter des Sonnengottes, bzw. mit ihr gleichgesetzten Gestalten wie der Liebesgöttin Hathor („Haus des Horus“) und der Seuchengöttin Sachmet („Die Mächtige“). Als Isis ist sie die Partnerin zu Osiris-Orion. Als Tefnut und mit ihr verbundene Göttinnen ist sie die Hauptgestalt eines der wichtigsten Mythenkomplexe, der große Auswirkungen auf das Fest- und Ritualgeschehen im Jahreslauf hatte, den Mythenkreis um die Gefährliche Göttin.