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Unruhige Zeiten

Das dritte Jahrhundert vor Christus

6.7.2007

Im Jahr 230 v.Chr. sahen sich die Einwohner Olbias, einer griechischen Stadt an der nördlichen Schwarzmeerküste, plötzlich einer bislang unbekannten Gefahr ausgesetzt. Ihre Stadt wurde von den Bastarnen und den Skiren belagert, zwei Barbarenstämmen, die aufgrund dieses kriegerischen Verhaltens erstmals in den historischen Quellen Erwähnung finden. Was jedoch hat die Schnippenburg, eine kleine Höhenbefestigung am äußersten nordwestlichen Rand der deutschen Mittelgebirge mit dem tausende Kilometer entfernten Olbia zu tun? Nun, die Ereignisse an der Schwarzmeerküste sind ein ferner Widerhall dessen, was im nördlichen Mitteleuropa im dritten Jahrhundert vor Christus geschah, und damit quasi der einzige historische Niederschlag dieser Ereignisse. Die Bastarnen lassen sich anhand archäologischer Quellen auf Bevölkerungsgruppen zurückführen, die ursprünglich an der südwestlichen Ostseeküste ansässig gewesen waren. Was genau sie dazu gebracht hatte, ihre Heimat zu verlassen, ist unbekannt. Es sind aber wohl Umstände gewesen, die sich auf zweierlei Art im ganzen nördlichen Mitteleuropa auswirkten: auf der einen Seite durch die Mobilisierung der Bevölkerung, auf der anderen durch den Bau von Befestigungen wie der Schnippenburg. Unruhige Zeiten also.

Am Anfang - eine Begriffsbestimmung

Das dritte Jahrhundert vor Christus gehört in eine Epoche, die von den Archäologen in Nord- und Nordwestdeutschland als vorrömische Eisenzeit bezeichnet wird. Warum? Archäologen pflegen Kulturen und Epochen nach bestimmten Kriterien voneinander abzugrenzen und nach berühmten Fundorten, typischen Objekten oder geographischen Gegebenheiten zu bezeichnen. Das Dreiperiodensystem Steinzeit - Bronzezeit - Eisenzeit, das die grundlegende Abfolge der kulturgeschichtlichen Entwicklung Europas widerspiegelt, ist ein Beispiel dafür. Die vorrömische Eisenzeit liegt, soviel ist klar, in deren letztem Abschnitt. Des Weiteren grenzt der Begriff vor-römisch sie von einer Zeit ab, die römisch ist oder doch zumindest römisch geprägt.

Die vorrömische Eisenzeit folgt auf die Bronzezeit und umfasst die letzten sieben Jahrhunderte vor Christi Geburt [1]. Nun fällt an dem Begriff auf, dass im Gegensatz zu vielen Epochenbezeichnungen, die auf etwas Typisches ihrer Zeit Bezug nehmen, die Bezeichnung vorrömisch eine negative ist. Sie schließt die Epoche von etwas Anderem aus. Ist also nichts Typisches da, was man namengebend hätte nutzen können? Das ist natürlich nicht der Fall, denn sonst könnte man diese Epoche ja gar nicht als solche abgrenzen. Die archäologischen Quellen wirken jedoch im Gegensatz zu denen anderer Zeiten oder anderer Gegenden ausgesprochen ärmlich: keine herausragenden Gräber, keine Burgen, keine Schätze, keine bedeutenden Opferfunde, nichts aus Gold oder anderen Edelmetallen - nichts, was es verdienen würde, als Eponym für die Epoche herangezogen zu werden. So taten sich die frühen Forscher denn auch schwer damit, die spärlichen Quellen dieser Zeit innerhalb des Dreiperiodensystems richtig einzuordnen, und genau dies spiegelt sich in dem Begriff wider. Man war froh, die Funde aus dieser Epoche überhaupt zwischen der Bronzezeit und der Römischen Kaiserzeit verankert zu haben.

Was im Norden als vorrömische Eisenzeit bezeichnet wird, ist im Süden die Eisenzeit schlechthin, und man gliedert sie in die (ältere) Hallstattzeit und die (jüngere) Latènezeit. Beide Namen gehen zurück auf zeittypische Fundorte, die zu Beginn der archäologischen Forschung so herausragend waren, dass man sie nicht nur für die Epoche, sondern zugleich auch für die in dieser Zeit existierenden Kulturen verwendete. Es heißt also auch Hallstattkultur und Latènekultur, und beides zusammen bildet die Kultur jener Menschen, die einen wesentlichen Teil des Volks der Kelten ausmachten.

  • [1] Datierung für das Osnabrücker Land. Weiter nördlich bzw. nordöstlich wird der Beginn der vorrömischen Eisenzeit um bis zu anderthalb Jahrhunderte später angesetzt.