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Die Schnippenburg im Fokus der Archäologie

6.7.2007
Das Grabungszelt - ein Teil der Ausstellung. (Foto: Axel Hartmann)

Die im Folgenden dargelegten Untersuchungsergebnisse beruhen auf den Prospektionen und Ausgrabungen auf der Schnippenburg zwischen November 2000 und Mai 2005. Zunächst werden ganz "klassisch" das Denkmal, sein Umfeld und die Forschungsgeschichte beschrieben. Anschließend gilt es, die neuen Forschungsergebnisse in Bezug auf verschiedene Fragestellungen, unter anderem zu Funktionen der Befestigungsanlage, zu beleuchten - immer dem "Rätsel Schnippenburg" auf der Spur ...

Die Schnippenburg ist schon seit Ende des 18. Jahrhunderts bekannt und wurde erstmals 1889 vom Heimatforscher Hartmann untersucht und vermessen. Noch im selben Jahr publiziert Hartmann den Plan und gibt dabei eine Erklärung für die Namensherkunft: "Der Name 'Schnippenburg' wird wahrscheinlich von der dreieckigen Form des Vorsprunges, auf welchem sie liegt, herrühren." Letztgenannter Hinweis lässt sich etymologisch nachvollziehen.

Nach fast 100-jähriger Pause kommt es dann in den 1980er und 90er Jahren zu einer ersten Grabung und Begehungen. Die Grabungsergebnisse von 1983 unter Bodo Zehm führten zu einem ersten Rekonstruktionsversuch des Befestigungsbaus. Holzkohlematerial aus der Brandschicht des Walls lieferte ein kalibriertes Alter von 130±60 v.Chr. Zehm ordnete die Schnippenburg den Fluchtburgen des nordwestdeutschen Mittelgebirgsraums zu. Funde lagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor.

Die überraschende Auffindung von eisernen Geräten, Waffen und Bronzeschmuck mittellatènezeitlicher Frauentracht führte im Herbst 2000 zu einer gezielten Nachuntersuchung durch den Autor, die schnell verdeutlichte, dass eine umfassendere Untersuchung des Platzes dringend erforderlich war. So wurde Anfang 2001 ein fünfjähriges, drittmittelgestütztes, interdisziplinäres Forschungsprojekt unter Leitung des Autors aufgelegt, bei dem die Anlage vollständig prospektiert, neu vermessen und Teile des Innenraumes sowie des Walls ausgegraben wurden. Parallel dazu wurde die Prospektion im Außenbereich der Anlage fortgesetzt. Den vorläufigen Abschluss der Auswertungsphase bildete ein internationaler Kongress im Frühjahr 2006 in Osnabrück.

Die Schnippenburg

Verteilung der eisenzeitlichen Burgen im Mittelgebirgsraum. (Grafik: S. Möllers, Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück)
Verteilung der eisenzeitlichen Burgen im Mittelgebirgsraum. (Grafik: S. Möllers, Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück)

Die Schnippenburg liegt auf einem Geländesporn im nordwestlichsten Teil des Wiehengebirges, einem Ausläufer des Weserberglandes,  im Bereich der Gemeinde Ostercappeln, Landkreis Osnabrück, Niedersachsen. Eisenzeitliche Siedlungsspuren im Umfeld der Anlage sind vor allem aus dem Bereich der nördlichen Hangsandzone bekannt, wo die zugehörige Siedlungskammer zu suchen ist. Einsehbar ist dieses Gebiet von der Schnippenburg aus jedoch nicht, da die Kämme im Norden und Süden die Anlage überragen, das heißt, die Anlage liegt natürlich geschützt, aber auch "versteckt" in Randlage zu einem überregionalen Wegesystem.

Im Feld der zeitgleichen eisenzeitlichen Befestigungen der Mittelgebirgszone hat sie ebenfalls eine deutliche Randposition. Sie gehört zu einer Gruppe von Anlagen, die im Abstand von etwa 30 bis 50 km am Nordrand des Weserberglandes aufgereiht sind. Innerhalb dieser Gruppe stellt sie den nordwestlichsten Vertreter dar. Obwohl die Befestigungskonstruktion bei den Anlagen der nördlichen Mittelgebirgsperipherie variiert, kann die Pfostenschlitzmauer als mehrfach verwendetes bauliches Element hervorgehoben werden. Ebenfalls scheint der Bezug auf überregionale Landwege von Bedeutung gewesen zu sein, was sich als allgemeiner Trend bei den mitteleisenzeitlichen Burgen herausarbeiten lässt - im Gegensatz zu den ältereisenzeitlichen Vorläufern, die offenbar noch stärker auf Flussläufe ausgerichtet waren.

Verkehrsgünstig gelegen

Ein wichtiger Standortfaktor für die Beurteilung der Schnippenburg ist ihre verkehrsgeographische Lage. Die Schnippenburg liegt an einem wichtigen überregionalen Verkehrsknotenpunkt, leicht abseits der eigentlichen Trassenverläufe. Etwa 500 m westlich der Anlage überquert der so genannte Bremer Heerweg das Wiehengebirge. Dieser Verkehrsweg verband im Mittelalter und in der Neuzeit die Städte Osnabrück und Bremen. Seine Trasse kann allerdings durch die routenbegleitende Lage von Großsteingräbern sowie von bronze- bis ältereisenzeitlichen Gräberfeldern wenigstens bis in die jungsteinzeitliche Trichterbecherkultur zurückverfolgt werden. Der Bremer Heerweg hat in Osnabrück Anschluss an die so genannte Frankfurter Heerstraße, welche über Paderborn und das Sauerland den nordwesthessischen Raum erschließt. Nach den Untersuchungen von Schlüter dürfte es sich bei dieser Wegekombination um eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Westdeutschlands handeln, die mit dem Wiehengebirge den letzten Höhenzug vor ihrem Eintritt in die Norddeutsche Tiefebene überwindet. Entsprechende Wegepunkte gelten generell als Orte von überregionaler Bedeutung.

Neben dieser Nord-Süd-Achse, die den nordwesthessischen Raum mit dem Nordseeküstengebiet verbindet - also die nördliche Peripherie des "keltischen Kulturraums" mit dem protogermanischen Nordwestdeutschland -, ist eine Ost-West-Trasse, die am Nordhang des Wiehengebirges verläuft, von ähnlicher Bedeutung. Der Altweg kommt aus dem Elb-Weser-Raum, zieht sich am Nordhang des Weserberglandes entlang und reicht bis in das Niederrheingebiet. Über diese Achse, welche ebenfalls durch zahlreiche wegbegleitende Funde und Denkmale als vorgeschichtliche Route belegt ist, wurden Impulse zwischen dem östlichen Mittelgebirgsraum und den heutigen Niederlanden vermittelt. Die Kreuzung beider überregionaler Wege liegt gut 1 km nordwestlich der Schnippenburg im Bereich der Hangsandzone des Wiehengebirges, inmitten einer der Schnippenburg zuzurechnenden Siedlungskammer.

Neben den bodenkundlichen, geomorphologischen und topographischen Voraussetzungen dürfte der Bezug auf die beschriebenen Wegesysteme ein entscheidender Faktor hinsichtlich der Platzwahl für die Anlage der Befestigung gewesen sein. Die überregionale Anbindung der Schnippenburg spiegeln nicht zuletzt die vielfältig inspirierten lokal produzierten Funde und Importe (s.u.) wider.

Topographie und Geländebefund

Ergebnis der Neuvermessung im Jahr 2001 durch Studierende des Instituts für Kartographie und Geoinformatik der Universität Hannover. (Kartierung: IKG Hannover)
Ergebnis der Neuvermessung im Jahr 2001 durch Studierende des Instituts für Kartographie und Geoinformatik der Universität Hannover. (Kartierung: IKG Hannover)

Die Schnippenburg hat eine Innenfläche von ca. 1,46 ha bei einer Ausdehnung von 170 m x 110 m (O-W/N-S). Sie liegt auf einem nach Westen leicht ansteigenden Sporn, der den Hauptkamm des Gebirges in diesem Bereich teilt, was eine seltene geomorphologische Situation im Wiehengebirge darstellt. Die Kämme nördlich und südlich des Sporns überragen ihn um über 30 m, was bedeutet, dass von der Befestigung aus keine weite Geländeübersicht möglich war. In diesem für eine Burgenlage eher ungewöhnlichen Umstand ist der Grund dafür zu suchen, dass der Standort nach der eisenzeitlichen Nutzung nie wieder als Burgenstandort in Betracht gezogen wurde. Entsprechend liegt eine ausschließliche Belegung des Platzes in der vorrömischen Eisenzeit vor. Überprägungen des Geländes durch jüngere Strukturen gibt es abgesehen vom neuzeitlichen Wegebau nicht.

Der Wallverlauf orientiert sich im Norden und Süden an der relativ steil abfallenden Geländekante. Die Wälle sind heute noch ca. 1 m hoch erhalten, bei einer Breite von 6 bis 8 m an der West- und Ostseite. Im Norden und Süden sind die Wallreste teils erodiert, wobei hier aufgrund einer gegenüber den Schmalseiten der Anlage abweichenden Wallkonstruktion auch weniger Ausgangsmaterial vorhanden gewesen ist. Trotz der mäßigen Wallerhaltung sind an verschiedenen Stellen auf der Nordseite der Befestigung noch Überreste der Frontmauer aus Trockensteinen in situ erhalten.

Durch neuzeitliche Wegebaumaßnahmen ist das südliche Viertel der Befestigung stark überprägt und teils zerstört. Neben weiteren vermutlich neuzeitlichen Wegen läuft vom Walldurchbruch im Osten ein Hohlweg teils in zwei dicht nebeneinanderliegenden Trassen quer durch die Anlage und endet ca. 10 m vor dem westlichen Wallverlauf. Diese Hohlwege können aufgrund der stratigraphischen Lage verschiedener Prospektionsfunde der eisenzeitlichen Nutzung des Geländes zugerechnet werden.

Der nördliche Hang weist mindestens zwei hangbegleitende künstliche Terrassierungen auf, welche offenbar ebenfalls im Zusammenhang mit der eisenzeitlichen Nutzung zu sehen sind. Da am erwähnten Walldurchbruch an der Ostseite der Anlage bisher der einzige Eingang identifiziert werden konnte, ist eine Wegeführung von Westen entlang der nördlichen Befestigungslinie zur Erreichung des Eingangs im Osten naheliegend, zumal die Terrassen im Bereich der Nordostecke der Burg in den auslaufenden Sporn übergehen.