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Die Burgen der Mittelgebirgszone

Eisenzeitliche Fluchtburgen, befestigte Siedlungen, Zentralorte oder Kultplätze?

6.7.2007
Plateau des Christenbergs bei Marburg (Hessen). (nach RAETZEL-FABIAN 2001, 129 Abb. 170)
Plateau des Christenbergs bei Marburg

Schon lange vor den Steinburgen des Mittelalters prägte ein dichtes Netz von Befestigungen die Mittelgebirge. Die verfallenen Wälle haben sich vor allem in den Wäldern erhalten, wo sie früh die Phantasie der Menschen bewegten. Die volkstümliche Verknüpfung mit übernatürlichen Wesen ("Hünenburg", "Riesenkopf") oder historischen Namen ("Wittekindsburg") waren erste Versuche, den Ursprung der rätselhaften Bauwerke zu erklären. Seit gut 100 Jahren beschäftigt sich die Ringwallforschung mit dieser Denkmälergruppe. Am Anfang standen die katalogartige Erfassung der Befestigungen und die Vorlage präziser Pläne. Begleitende Grabungen lieferten erste Hinweise auf die vorrömische Eisenzeit. Die Ringwälle wurden als konkrete Zeugnisse kriegerischer Auseinandersetzungen in den Jahrhunderten vor Christi Geburt betrachtet ("Fluchtburg").

Der Anspruch, das Phänomen der Burgen von der Hallstattzeit bis zur Spätlatènezeit darstellen und verstehen zu wollen, ist auf Grund des oftmals schlechten Forschungsstandes der Burganlagen nicht einzulösen. Was hat der frühkeltische Fürstensitz auf dem Glauberg mit der mittellatènezeitlichen Schnippenburg bei Osnabrück und der spätlatènezeitlichen Großsiedlung auf dem Dünsberg zu tun? Die drei Plätze stehen für unterschiedliche historische Erscheinungen. Bei genauem Hinsehen gibt es jedoch eine Gemeinsamkeit: Alle drei weisen in größerem oder kleinerem Umfang Funde des dritten Jahrhunderts vor Christus auf. Sie befinden sich damit in bester Gesellschaft. Eine Belegung am Übergang von der Früh- zur Mittellatènezeit ist für die Befestigungen im Mittelgebirgsraum geradezu typisch. Sie bilden vom Main bis zum Wiehengebirge die größte Gruppe. Noch wichtiger ist die Feststellung, dass im Kunsthandwerk, im Brauchtum/Kult, wohl auch in der Sozialordnung enge kulturelle Gemeinsamkeiten sichtbar sind. Die Burgen des dritten Jahrhunderts vor Christus bezeichnen ein spezifisches historisches Phänomen. Neue Funde und Befunde wie von der Schnippenburg unterstreichen diese Ansicht (siehe Beitrag MÖLLERS).

Der mittellatènezeitliche Burgenhorizont - Definition und Chronologie

Befestigte Höhensiedlungen der Stufe Lt B2-C1 im nordwestlichen Mittelgebirgsraum.
Befestigte Höhensiedlungen der Stufe Lt B2-C1 im nordwestlichen Mittelgebirgsraum.

Bereits vor 30 bzw. 15 Jahren haben Peter Glüsing und Karl Peschel einen signifikanten mittellatènezeitlichen Fundhorizont auf Wallanlagen im Mittelgebirgsraum herausgestellt (GLÜSING 1976/77; GLÜSING 1980; PESCHEL 1992). Sie stützten sich dabei auf zeittypische Tracht- oder Schmuckgegenstände: Ringe mit plastischen Wülsten, Rippen oder Buckeln sowie Fibeln mit langgestieltem Vasenfuß. Die Stücke stehen unverkennbar in der keltischen Stiltradition der ausgehenden Frühlatènezeit ("plastischer Stil"), lassen aber örtliche Herstellung erkennen. Zeitlich markieren sie den Übergang von der Stufe Lt B2 zur Stufe Lt C1 (Mittellatènezeit), also die Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christus. Grabfunde aus Süddeutschland belegen das Nebeneinander traditioneller und fortschrittlicher Elemente in dieser Phase. Den beiden Forschern standen damals nur wenige Funde zur Verfügung. Die Ära der Schatzsucher hat zu einer sprunghaften Vermehrung des Fundmaterials geführt. Die Ringwallforschung musste kurz vor ihrem 100. Geburtstag lernen, dass sie vom Reichtum des Fundstoffs keine Vorstellung gehabt hatte. In Hessen hat sich die Zahl der mittellatènezeitlichen Wallanlagen auf diese Weise fast verdoppelt. Diese Kennziffer, die viel über den begrenzten Wissensstand aussagt, dürfte auf den gesamten Mittelgebirgsraum übertragbar sein. Fundkomplexe wie Holzhausen-Oberwald bei Wetzlar, der Negenborn bei Einbeck oder die Schnippenburg bei Osnabrück sind Entdeckungsfahrten in eine neue Welt. Es versteht sich von selbst, dass damit auch die Frage nach der Funktion der Wallanlagen in Bewegung geraten ist. Die Themen Deponierung und Kult spielen dabei eine tragende Rolle. Auch neue Untersuchungen sind in Gang gekommen (Dünsberg, Schnippenburg, Gellinghausen). Mit Recht kann von einem neuen Kapitel der Burgenforschung gesprochen werden.

Auf 37 Wallanlagen im nordwestlichen Mittelgebirgsraum sind Funde des dritten Jahrhunderts vor Christus belegt. Fünf weitere Burgen können aufgrund entsprechender 14C-Daten in diese Zeit gestellt werden. In den meisten Fällen markieren die Funde einen Neuanfang der Besiedlung. Ältere Metallfunde fehlen auf den Anlagen. Denselben Initialhorizont finden wir auf der Amöneburg bei Marburg, der Altenburg bei Niedenstein in Nordhessen sowie im Siegerland (Obernau, Bad Laasphe, Aue). Im Norden sind Gellinghausen, die Schnippenburg, wohl auch Barenburg und Babilonie anzuschließen. Die 14C-Daten westfälischer Burgen sprechen dieselbe Sprache. Die Mehrzahl der beprobten Wälle wurde im dritten Jahrhundert vor Christus errichtet.