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Das neue Abbild der Schönen

3D-Scantechniken ermöglichen objektive Reproduktion der Nofretete-Büste

27.9.2011
Einrichten des 3D-Scanners (© TrigonArt Bauer Praus GbR)
Einrichten des 3D-Scanners (© TrigonArt Bauer Praus GbR)
Die Büste der Nofretete wird vom Streiflichtscanner abgetastet (© TrigonArt Bauer Praus GbR)
Die Büste der Nofretete wird vom Streiflichtscanner abgetastet (© TrigonArt Bauer Praus GbR)

Ihre Schönheit ist atemberaubend, die Lebendigkeit ihrer Ausstrahlung fasziniert, das Lächeln betört. Die Büste der Nofretete, um 1340 vor Christus von Bildhauer Thutmosis als Lehrwerk für seine Schüler geschaffen, ist ein Meisterwerk antiker Bildhauerkunst. Die technologische Entwicklung hat es nun möglich gemacht, ein objektives Ebenbild der „Schönen, die da kommt" zu formen. Bisher wenig beachtete Züge ihres Gesichtes kommen in der Kopie plötzlich zur Geltung. Berlin, Museumsinsel, stockfinstere Nacht. Eine Arbeitszeit, die für die Berliner Vermesser Thomas Bauer und Mark Praus nicht ungewöhnlich ist, stört doch Licht die Präzision des von ihnen verwendeten Messsystems. Außergewöhnlich ist sonst alles an diesem Abend. Das Objekt, das diesmal durch die Scannerlinse erfasst wird, ist kein anderes als die Büste der Nofretete. Ein Auftrag, für dessen Erfüllung nur wenige Stunden Zeit bleiben. Das Team des Vermessungsbüros TrigonArt legt in dieser Nacht den Grundstein für eine Kopie der Nofretete-Büste, wie sie in ihrer Präzision bisher technisch nicht realisierbar war. Es ist das erste Mal, dass eine derartig historisch wertvolle Plastik mittels 3D-Technik in hoher Auflösung gescannt und schließlich maschinell reproduziert wird. Institute und Universitäten weltweit können sich künftig mit einem neuen, der heutigen Zeit angepassten und in seiner Genauigkeit bisher unerreichten Replikat der Königinnenbüste schmücken, realisiert durch Quantensprünge in der Entwicklung von Vermessungs- und Reproduktionstechniken.

Die Vermessung erfolgt völlig berührungslos, somit wird die Oberfläche des Objekts geschont. Die Abtastung der Oberfläche wird mit einem optisch arbeitenden Verfahren ermöglicht. Nicht die kleinste Unebenheit kann so unregistriert bleiben, wie beispielsweise die oft dick aufgekleckste Farbe. So genannte Messbilder verraten mehr über diese Technik, die eine maßstabsgetreue bildhafte Darstellung der Büste ohne die bei Fotografien übliche Verzerrung ermöglicht. Die durch Kameras erkannte Verformung eines projizierten Lichtmusters erlaubt eine Berechnung der Oberfläche in wenigen Sekunden. Über die Verformung von auf die Büste geworfenen Licht- und Schattenlinien werden die Messpunkte digital errechnet.

Auswahl der relevanten Messpunkte für das 3D-Modell am Rechner (© TrigonArt Bauer Praus GbR)
Auswahl der relevanten Messpunkte für das 3D-Modell am Rechner (© TrigonArt Bauer Praus GbR)

Die Auflösung, also der Abstand der Messpunkte im Raster auf dem Objekt, beträgt während der Vermessung etwa 0,1 Millimeter. Die Dichte der Messpunkte lässt sich anhand einer vorher berechneten Kalibrierung festlegen. Die Darstellung ist äußerst akkurat, da die Genauigkeit des Messpunkts während des Scans fünfhundertstel Millimetern beträgt. Je nach Anforderung können so Objekte und Bereiche von wenigen Millimetern bis hin zu einigen Metern mit diesem Verfahren dokumentiert werden. Die fast einen halben Meter große Büste wurde mit nahezu 80 Millionen Messpunkten überzogen. Eine softwaregestützte Auswahl von etwa sieben Millionen Messpunkten bildet die Grundlage für ein komplexes und hochgenaues 3D-Modell. Je dichter und genauer die Messpunkte, desto detailgetreuer ist auch das 3D-Modell. Zusätzlich besteht die Möglichkeit anhand präziser, verzerrungsfreier Orthobilder ein Konstruktionsraster zu erstellen, das eventuell Rückschlüsse über die eigentliche Herstellung der Büste durch Thutmosis zulassen könnte.

Die ohne Restaurierung original erhaltene Bemalung der Büste macht eine klassische Abformung mittels Silicon oder Ton unmöglich. Zu groß ist die Gefahr einer Beschädigung der jahrtausende alten Farbfassung. Eine Kopie konnte bisher somit nur per Augenmaß und Einzelpunktmessung anhand mechanischer Hilfsmittel von einem Bildhauer geschaffen werden. Eine mühselige Arbeit, handwerklich höchst anspruchsvoll. Das Ergebnis war eine Kopie der Büste, die auch eine subjektive Betrachtung des Bildhauers widerspiegelt – nicht jede kleine Ecke, Kante oder Form kann mit dieser Verfahrensweise so reproduziert werden wie im Original.