13.02.2012 - 22:34:55

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)

Steinzeit - Das Experiment

"Living Science" oder (nur) gelebte Vergangenheit?

25.5.2007

Übermorgen, am 27.5.2007, beginnt in der ARD das Leben in der Steinzeit. Wer es trotz des großen Medieninteresses der letzten Wochen noch nicht mitbekommen hat: Im Sommer 2006 drehte ein Filmteam des SWR in Baden-Württemberg die Dokumentation "Steinzeit - Das Experiment", die an ähnliche Projekte (Auswanderer auf einem Segelschiff, Leben in einer Burg bzw. in einem Gutshaus) anknüpft. Sieben Erwachsene und sechs Kinder sollten in einem extra dafür nachgebauten steinzeitlichen Dorf im Landkreis Ravensburg am Bodensee die Zeit vor 5000 Jahren nacherleben. Zwei Monate sollten sie dort ohne uns heute alltägliche Hilfsmittel auskommen.

"Living Science" nennen die beiden Produzenten Egon Mayer und Walter Sucher das Fernsehformat und der SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen spricht gar von einem "Fernseh-Experiment mit sozialer Relevanz". Das sind hohe Ansprüche an ein Experiment, das auch abendliche Fernsehunterhaltung sein will und soll. Die wissenschaftliche Beratung hatten deshalb auch 3 Archäologen, 2 Archäotechniker und ein Überlebenstrainer übernommen, die die Siedlung und das Umfeld entsprechend gestalteten bzw. den Teilnehmern die nötigen Grundkenntnisse beibrachten.

Allein um den richtigen Ort für die Häuser zu finden, es sollte möglichst weit ab moderner Zivilistation sein, waren die Verantwortlichen über Monate immer wieder in den Wäldern rings um den Bodensee unterwegs: Vielfrequentierte Radwege, Wander- und Joggingstrecken, geräuschintensive Bundesstraßen und Einflugschneisen erwiesen sich als Hindernisse. Bei Orten, die auf den ersten Blick geeignet erschienen, machte der Naturschutz einen Strich durch die Rechnung, oder der See erwies sich als beliebter Badesee. Erst ein Flug über die Region brachte die Entscheidung für das "Himmelreichmoos".

Im Juli 2005 begannen die Vorarbeiten. Der See wurde ausgebaggert, das Ufer abgerundet, Fische eingesetzt. Es wurden Felder angelegt, Bäume gefällt, eine kleine Lichtung entstand. Die Häuser durften ebenfalls nicht bloße Kulissen darstellen, sondern mussten bewohnbar sein und steinzeitlichen Vorbildern entsprechen: das Team entschied sich für einen Haustyp, der bei Ausgrabungen in Hornstaad am Bodensee entdeckt worden war. Zwei Mitarbeiter des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen und drei Mitarbeiter der SWR-Ausstattung waren ständig vor Ort, unterstützt von weiteren Helfern bauten sie zwölf Wochen an den Häusern. 14 Tonnen Holz und zwölf Tonnen Lehm wurden verbaut. Viele Arbeiten mussten gänzlich von Hand ausgeführt werden – in steinzeitlicher Technik.

Verschiedene Forscher begleiten den Dreh

Da die Teilnehmer über eine längere Zeit sich zwar unter Beobachtung, aber doch fern von modernen Alltäglichkeiten wie Strom, Telefon und anderem befanden, waren sie nicht nur für Archäologen ein interessanter Forschungsgegenstand.

Zwei Projekte beschäftigten sich mit der Bekleidung dieser Zeit. Die Kleidung der Teilnehmer wurde basierte auf den Erkenntnissen aus dem Fund des "Ötzi" in den Alpen. Wie warm, "atmungsaktiv" und bequem war Ötzis Kleidung im Vergleich mit unserer modernen Ware? Das Ergebnis ist eher ernüchternd. Wollte Ötzi überleben, musste er intelligent mit seiner Kleidung umgehen, denn einmal nass geworden, dauerte es sechs Stunden, bis sie wieder trocken war. Von Atmungsaktivität keine Spur. Daraus resultierend muss man wohl auch die bisherigen Erkenntnisse zum Energiebedarf der Menschen von einst überdenken, wenn nicht gar revidieren. Man hat vermutlich in der Kleidung von einst mehr gefroren und musste daher auch mehr essen, um nicht zu unterkühlen.

Die Teilnehmer wurden während des Experimentes gesundheitlich überwacht. Trotz der täglichen körperlichen Arbeit, die nach Angaben der Wissenschaftler den Extremleistungen eines Radprofis gleicht, fühlten sich die "Steinzeitler" nach einer kurzen körperlichen Durststrecke fit und auch seelisch wohl. Ein Zustand, der in seiner Allgemeinheit wohl so nicht direkt auf die Menschen im Neolithikum übertragen werden kann. Auch das Schlafverhalten wurde untersucht mit dem Ergebnis, dass die Menschen wohl etwa eine Stunde länger schliefen. Verantwortlich dafür ist wohl nicht nur der durch die Sonne bestimmte Tages- und Nachtverlauf, sondern auch die gemeinschaftliche Atmosphäre im großen Raum des Hauses, wie die Psychologen meinen. Von Interesse war auch das Thema Zahnhygiene. Wie verändert sich die Mundgesundheit, wenn die Zahnbürste für acht Wochen Pause hat, dafür aber ganz auf Industriezucker verzichtet wird, fragten sich die Zahnmediziner. Der Vergleich des Zahnstatus vor und nach dem Aufenthalt im Pfahlbaudorf belegte ein deutliches Auftreten von bakteriellen Zahnbelägen bei allen Teilnehmern. Bedingt durch die Beläge ist bei allen in unterschiedlicher Ausprägung eine Zahnfleischentzündung aufgetreten. Bei den Kindern entwickelte sich außerdem in dieser kurzen Zeit neue Karies. Befunde, wie sie auch die Gebisse aus dem Neolithikum zeigen. Der Grund dafür ist nach Ansicht der Zahnmediziner und Anthropologen das Aufkommen von Klebteig durch die Verarbeitung von Getreide zu Brei, Brot und Fladen.

Unterhaltung macht Wissenschaft?

Die spannende Frage ist nun, was bei diesem Experiment herausgekommen ist. Das wierden wir als Zuschauer wohl erst am 11.6. wissen, wenn die letzte Folge gelaufen ist. Aber kann eine Unterhaltungssendung auch wirklich wissenschaftliche Erkenntnisse liefern? Ist das Experiment wirklich "Living Science" oder eher nacherlebte Vergangenheit? Dieser Frage ist auch Almut Bick in einem Artikel in Bild der Wissenschaft (Ausgabe 5/2007, S. 26-30) nachgegangen. Trotz einiger aufschlussreicher Beobachtungen sei der Erkenntnisgewinn für die Archäologie begrenzt, zitiert sie Gunter Schöbel vom Pfahlbaumuseum Unteruhldingen. Zumal das Experiment nicht ausreichend dokumentiert und somit nicht wiederholbar sei.

Auch mit "Living Science" bleiben populäre Wissenschaftssendungen im Fernsehen also ein Spagat zwischen Unterhaltung und Wissenschaft. Wieviel von jedem in dem "Steinzeit-Experiment" enthalten ist, können wir ab Sonntag selbst mitverfolgen.

Quelle: SWR/Bild der Wissenschaft

Sendetermine

Alle Folgen werden am abends in der ARD gesendet:

Folge 1: Der Härtetest
Sonntag, 27. Mai, 21.45 Uhr

Folge 2: Der Aufbruch
Montag, 28. Mai, 21.45 Uhr

Folge 3: Auf Ötzis Spuren
Montag, 4. Juni, 21.00 Uhr

Folge 4: Die Heimkehr
Montag, 11. Juni, 21.00 Uhr

Medien-Tipps

Kommentare

Manuel Greuling , 12.06.2007 12:06
Mag hier niemand einen Kommentar zu abgeben? Warum denn nicht? Das Thema nicht wissenschaftlich genug? Wissen wir alle schon genug über die Jungsteinzeit? Ich denke nicht und ganz davon abgesehen habe ich mit viel Freude alle vier Folgen gesehen, und das Interview auf dem SWR. Drücken wir es profan aus: Ich habe mich gefreut wie ein Plätzchen.
Das dieses Experiment nicht zu wiederholen ist, haben die Autoren bereits eingestanden und der Satz von Herrn Paulsen "dass die Hardware stimmt, die Software aber Fehler hat" zeigt doch auch, dass die Macher das Unternehmen bereits kritisch reflektiert haben. Und dennoch sind die gewonnenen Erkenntnisse nicht von der Hand zu weißen, und vor einer Alpenüberquerung in Steinzeit-GoreTex haben ich mächtig Respekt, da ich selbst vergangenes Jahr in Bozen wandern war und die Örtlichkeiten kenne. So weit nun, also Reaktionen eurerseits?? Gruß Manuel :razz:
Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Ralf Mueller , 27.06.2007 00:27
Es hat vor allem eines gezeigt: Ich kann einem Haustiger keinen Crash-Kurs geben und ihn dann in die Wildnis entlassen.
Meines erachtens, war bei diesem Experiment auch etwas naivitaet mit dabei.
Wichtigste Erkenntnis:
Unsere Vorfahren waren echte Freaks.
Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Oliver Teske , 05.07.2007 10:42
Wir hatten die Sendung aufgenommen und uns gestern Abend mal angesehen. Ich war sehr enttäuscht. Ich dachte es darum auszuprobieren wie der Mensch in der Steinzeit gelebt hat und was für ein Gefühl das ist, wie es war in der Steinzeit. Durch ausprobieren von Theorien zu neuen Erkenntnissen gelagen, ist es überhaupt so möglich das Leben in der Steinzeit wie wir es uns vorstellen. Experimente wie sie von Herrn Junkelmann gemacht wurden als er zum esten mal über die Alpen, als Römer, marschiert ist oder mit der Reiterei unterwegs war. Das alles hat der Archäologie viele neue Erkenntnisse gebracht. Aber in dem Steinzeit Experiment nichts von alle dem.

Im Grunde wurde nur untersucht, ob zwei Familien Camping tauglich sind.

Ich hätte mir gewünscht, daß die Teilnehmer Ahnung von der Sache haben, die Steinzeitmenschen hatten das nämlich auch. Ein entsprechendes Fachwissen ist dafür einfach nötig und das ist unmöglich in einem Crash-Kurs zu vermitteln. Von daher ist es den Teilnehmern gegenüber schon reichlich ungerecht gewesen.

Des weiteren muß man so ein Experiment auch wirklich leben wollen. Wenn man sich im Vorfeld gedanken machen muß ob die Kinder das essen werden was es dort gibt und nicht lieber Pommes wollen und die Kinder gefragt werden ob sie evtl. unter Umständen ggf. doch mal ein wenig mit helfen wollen, dann sind daß die falschen Grundlagen für so einen Versuch.

Ich finde es erstaunlich, daß die Teilnehmer das überhaupt mit sich haben machen lassen, Hut ab! Die Steinzeitmenschen waren nicht nur Freaks sondern absolute Profis. Meine Familie und ich stellen Antike Römer dar und versuchen auf Trainingslager und Veranstaltungen so authentisch wie möglich zu sein. Im Vergleich zur Steinzeit ist das ja noch fast ein Kinderspiel und wir schafen es kaum und schon gar nicht über so eine Zeit. Ich kenne auch keine Römergruppe die über so eine Zeit auch nur ansatzweise authentisch durchhalten würde.

Ich denke für so ein Experiment hätte man keine unvorbereitete Menschen nehmen dürfen die einen Crash-Kurs im Feuer machen bekommen haben sondern Menschen die wissen auf was sie sich da einlassen, die Techniken beherrschen die auch mal über den Tellerrand hinaus geschaut haben. Feuer machen und Korn malen muß da schon sitzen und darf die Menschen nicht mehr belasten, denn in der Steinzeit war das für die Menschen auch nichts neues sondern normal.

Archäologisch hat das Experiment wohl kaum etwas gebracht. Die Teilnehmer hatten mal einen Urlaub der besonderen art und können stolz auf das geleistete sein, aber mit dem Leben in der Steinzeit hatte das nichts zu tun.

Gruß
Oliver Teske
Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Holger Münzberg , 22.07.2007 06:50
Ich fand diese Sendung und das Experiment bemerkenswert. Das der Wissenstand der Teilnehmer über dieses Epoche und die Lebensumstände so begrenzt waren, hatte doch gerade seinen Reiz. Der Mensch von heute mit all seinem Wissen und Fähigkeiten hat größte Probleme, sich in einer archaischen Umgebung auch nur annähernd zu behaupten. Das fängt bei so alltäglichen Dingen wie der Mehlherstellung an und endet beim Sozialverhalten in der Gemeinschft, was nicht unproblematisch war. Es war doch geradezu köstlich, wie unsere beiden Alpenüberquerer ganz am Anfang im Bodensee abgesoffen sind, oder nicht? Wenn mich dieses Projekt eins gelehrt hat. dann Respekt vor unseren Vorfahren zu haben. Ich bin der römischen Epoche sehr zugeneigt, aber das was in dieser Zeit geleistet werden mußte, ist damit kaum noch zu vergleichen und dem gehört meine Hochachtung.
Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Manfred , 22.12.2007 21:39
Lieber Oliver,
Deine Meinung finde ich sehr negativ,denn ich denke mit dem Film sollte bewiesen werden,wie beschwerlich heute überhaubt das Nachempfinden und Nachleben unserer Vorfahren ist.Es gibt eben keinen Kursus über das Leben in der Vorzeit.Ich bin noch lange kein
Mensch aus der Steinzeit wenn ich mir ein Fell über die Schultern werfe,Feuer mit Pyrit herstellen und evtl. die Flintsteinbearbeitung behersche.Ich denke einfach nicht steinzeitlich,sondern bin in der technischen modernen Welt gefangen und beeinflusst.
Das Wissen der Menschen vor 5000 J. über die Natur und die geballte Masse an Fähigkeiten Geräte fürs tägliche Leben herzustellen kann ich nur bewundern,aber nicht nachmachen und nachleben.
Ich würde gern einem Jäger und Sammler oder einem frühen Bauern über die Schulter schauen und von ihm lernen,es bleibt aber ein Traum.
Tschüß und Gruß
Manfred
Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Kommentar hinzufügen *





*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*

* - Pflichtfeld