13.02.2012 - 22:21:03

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Ägypten im Zoo.

von Cornelius Holtorf -

Die kolonialisierte Tierwelt

Der Antwerpener Tempel läßt sich als Ausdruck der während der zweiten Hälften des 19. Jahrhunderts sehr populären ’Ägyptomanie’ erklären. Diese Modewelle ging auf den langfristigen Einfluß der wissenschaftlichen Ergebnisse von Napoleon’s Ägyptenexpedition 1798/9 zurück. Sie erfasste nicht nur die Architektur, insbesondere Friedhofsarchitektur, sondern auch viele andere Bereiche des kulturellen Lebens.

Afrikahaus im Zoo von Antwerpen. (Foto: Cornelius Holtorf)
Afrikahaus im Zoo von Antwerpen. (Foto: Cornelius Holtorf)

Um jedoch zu verstehen, weshalb gerade Zoos ägyptisierende Architektur enthalten, bzw. enthalten haben, ist es notwendig sich Zoogeschichte etwas genauer anzusehen. Das Halten exotischer Tierarten geht bis mindestens ins dritte Jahrtausend v.u.Z. zurück und läßt sich bereits in mesopotamischen und ägyptischen Herrscherpalästen nachweisen. Frühe Tiersammlungen fanden sich ebenso außerhalb der Alten Welt, z. B. in China. Moderne Zoos entwickelten sich jedoch erst aus den königlichen und kaiserlichen Tiersammlungen der frühen Neuzeit.

Die ältesten heute noch bestehenden Zoos finden sich in Wien und Paris. Der Tierpark Schönbrunn in Wien wurde 1752 von Kaiser Franz I in barockem Stil angelegt. Zugang war zunächst dem Kaiserhaus vorbehalten. Der Pariser Tierpark Ménagerie du Jardin des Plantes entstand 1794 während der Französischen Revolution, nachdem die kaiserliche Menagerie in Versailles aufgelöst worden war.

Später wurden überall in Europa, wie in Antwerpen, zoologische Gesellschaften gegründet, die die Idee des modernen Zoos als Stätte des Staunens und Lernens über exotische Tierarten in die Praxis umsetzten. Der älteste Zoo dieser Art wurde 1828 durch die Zoologische Gesellschaft in London gegründet.

Innerhalb weniger Jahrzehnte gehörten Zoos zum Bild so gut wie aller Hauptstädte und Metropolen Europas, aber zunehmend auch über Europa hinaus, vor allem in Nordamerika. Mehr und mehr wurden sie von privaten zu öffentlich zugänglichen Einrichtungen, die gegen ein Eintrittsgeld allen Besuchergruppen offenstanden.

Zoos waren gleichzeitig rasch zu nationalen Symbolen geworden, in denen die jungen Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts koloniale Ambitionen und Ansprüche zum Ausdruck brachten. Dank eines sich entwickelnden internationalen Tierhandels und kolonialer Expeditionen in ferne Welten konnte man während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bald überall in Europa exotische Tiere aus anderen Erdteilen bewundern. Auch wilde Tiere, die – eine sehr alte Tradition weiterführend – als diplomatische Geschenke aus der ganzen Welt in den Hauptstädten Europas eintrafen, wurden an die örtlichen Zoos weitergeben. Genauso wie ihre Vorgänger, die Menagerien der Herrscherhäuser, haben Zoos somit immer auch das Selbstbild der Menschen und der politischen Institutionen, die Sie trugen, widergespiegelt. Zoos symbolisierten die kolonialisierte Tierwelt.

Simulierte Exotik

Während Zoos zunächst der Aristokratie und dann Mitgliedern gelehrter Gesellschaften vorbehalten waren, wurde es durch Verkürzung der Arbeitszeiten zunehmend auch Arbeiterfamilien möglich, ihre freie Zeit im Zoo zu verbringen. Sie waren vor allem an direkten Begegnungen mit möglichst fremdartigen oder wilden Tierarten, etwa Löwen, Elefanten, Affen oder Giraffen interessiert. Zoos ersetzten und simulierten gewissermassen das Reisen (beziehungsweise romantische Träumen vom Reisen) in die Heimatländer der exotischen Tiere.

Dies ist der zoogeschichtliche Kontext, in dem auch das Entstehen exotischer Zooarchitektur zu sehen ist. Gebäude im Stil nordamerikanischer Blockhäuser, ostasiatischer Pagoden, indischer Tempel, arabischer Moscheen, oder afrikanischer Rundhäuser konnte man in vielen Zoos des ausgehenden 19. Jahrhunderts antreffen. Sie waren symbolischer Ausdruck für das politische, militärische und wirtschaftliche Ausgreifen der Nationen Westeuropas auf den Rest der Welt. Und sie trugen mit Blick auf die Besucher dazu bei, während des Zoobesuchs das Gefühl des Verlassens der eigenen Wirklichkeit zu verstärken.

Ägyptische Tempel suggerierten entsprechend einen Besuch in Nordafrika, zumal wenn sie dort einheimischen Tierarten als Unterkunft dienten. Im Zoo konnte man quasi nach Ägypten reisen, ohne die eigene Stadt zu verlassen. Dabei nahm man es aber geographisch oft nicht allzu genau und störte sich offenbar wenig daran, daß auch in Ägypten nicht-heimische Tierarten, wie etwa indische Elefanten, im ägyptischen Tempel gezeigt wurden.

Der europäische Zoo mit der vielfältigsten exotischen Architektur war der 1844 eröffnete Zoologische Garten in Berlin. Am Anfang des 20. Jahrhunderts bewohnten hier die Antilopen ein orientalisches Prunkgebäude mit vier Minaretten, die Zebras einen persischen Turmstall, die Nashörner und Elefanten eine indische Pagode, die Stelzvögel ein japanisches Gebäude, und die Bisons und Wisente ein nordamerikanisches bzw. russisches Holzhaus. Den Bedürfnissen der Besucher diente ein indisch-chinesisches Teehaus. Das 1984 originalgetreu wiedererrichtete chinesische Elefantentor des Zoos war das meistfotografierte Objekt der Westberliner Innenstadt. 1996 wurde auch das alte siamesische Rinderhaus neu errichtet.

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