11.12.2017 - 10:22:46

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)

Ein Spurenfossil der besonderen Art

Ein Handteilabdruck des Homo erectus

31.7.2013

Prolog

Abb. 1| Rotlehmschicht über Günz-Schottern nahe Haidershofen, NÖ ...
Abb. 1| Aufgeackerte Rotlehmschicht über Günz-Schottern auf dem Lehberg nahe Haidershofen, NÖ © A. Binsteiner

Erneut rückt der Lehberg nahe Haidershofen im niederösterreichischen Teil des Ennstales in den Brennpunkt der altpaläolithischen Forschung. Nachdem hier mehrere sehr gut erhaltene Faustkeile des Acheuléen mit einem ungefähren Alter von 500.000 Jahren entdeckt worden sind, fanden sich in der cromerzeitlichen, mit Ocker angereicherten Rotlehmschicht verschiedene Utensilien aus Stein zum Zerkleinern und Anreiben der anstehenden Ockerfarbsteine (s. Fundsache Homo erectus, Archäologie Online 2012). Darunter waren auch etliche Hammersteine mit deutlich ausgeprägten Pickfeldern an den Längskanten der ovalen Quarzit- und Quarzgerölle aus den örtlichen Günz-Schottern.

Der Hammerstein

Bei den nötigen Laboruntersuchungen der Funde unter einem stereoskopischen Auflichtmikroskop fiel ein Hammerstein aus Quarzit durch eine eigenartige Linienführung von Ockerfarbspuren entlang eines gut ausgeprägten Pickfeldes besonders ins Auge. Natürliche Sedimenteinlagerungen im Gestein waren auszuschließen. Die Linie zeichnet ohne Zweifel den Umriss des Daumenballes und des Daumens einer Hand nach und spart die Auflagefläche der Hand am Stein von der Farbe aus. Es entsteht somit ein Teilumriss einer Hand, vergleichbar den bekannten Handabdrücken in den Höhlenmalereien Frankreichs und Spaniens.

Der Benutzer des Hammersteines war Rechtshänder. Entstanden ist die geschwungene Farbspur auf dem Stein beim Anreiben des Ockers mit Flüssigkeit, denn zweifellos hat sich der Homo erectus vom Lehberg bemalt. Durch längere Benützung des Hammersteines immer in der gleichen Weise und zum gleichen Zweck reicherten sich die Farbpartikel zu einer Benutzungsspur an. Das beweist auch das Pickfeld, das von den Farbüberresten gleichsam umrandet wird. Im Laufe der Zeit drang die Farbspur in das körnige Quarzgestein ein und wurde dort gleichsam Teil der Oberflächenstruktur.

Abb. 2| Die geschwungene Linie stellt den Abdruck des Handballens und des Daumens dar, nachgezeichnet durch eine intensive Einfärbung mit Ocker entlang des Pickfeldes (vergrößerte Nahaufnahmen, Länge des Hammersteines 7,9 cm) ...
Abb. 2| Die geschwungene Linie stellt den Abdruck des Handballens und des Daumens dar, nachgezeichnet durch eine intensive Einfärbung mit Ocker entlang des Pickfeldes auf einem Hammerstein des Lehberges von Haidershofen in Niederösterreich. Die Färbung wurde durch die vielfache Benützung des Hammersteines beim Zerkleinern und Anreiben des Ockerfarbsteines in Verbindung mit Wasser hervorgerufen. Sie ist durch die lange Lagerung im Lehm versteinert und damit fossil. (vergrößerte Nahaufnahmen, Länge des Hammersteines 7,9 cm) © A. Binsteiner

Spurenfossilien

Da es sich bei Homo erectus um eine ausgestorbene Menschenart des Quartärs handelt, ist die Grenze zur Paläontologie, die sich mit den Fossilien der Erdgeschichte befasst, im Altpaläolithikum bereits überschritten. Die Paläontologie kennt einen besonderen Zweig, der ausschließlich die Spuren von Lebewesen behandelt. Allgemein bekannte Spurenfossilien sind beispielsweise die Saurierfährten der Jura- und Kreidezeit. Eher Fachleuten bekannt sind die 3,6 Mio. Jahre alten Fußspuren in versteinerter Vulkanasche von Laetoli nahe der Olduvai Schlucht in Tansania, Afrika. Als Verursacher werden Australopithecinen vermutet.

Die Handabdrücke aus den Höhlen Frankreich und Nordspaniens werden in den allermeisten Fällen dem Homo sapiens zugeordnet und liegen daher schon wieder außerhalb der Paläontologie. Ein Handabdruck des Homo erectus dagegen muss als Spur einer ausgestorbenen Art und damit als Spurenfossil gewertet werden, so man den Grenzziehungen zwischen den einzelnen Fachdisziplinen korrekt folgen will.

Der Abdruck vom Lehberg ist bislang ein Einzelfund, der sicher unter glücklichen Umständen erhalten geblieben ist. In Zukunft aber wird man mehr auch auf solche Erscheinungen achten müssen, die im Grenzbereich zwischen Archäologie und den Geowissenschaften liegen.

Literatur

  • Binsteiner, A. – Ruprechtsberger, E. M. 2009
    Späte Altsteinzeit im Linzer Raum. Linzer Arch. Forsch. Sonderheft 42, Linz.
  • Binsteiner, A. – Ruprechtsberger, E. M. 2010
    Von der Altsteinzeit zur Jungsteinzeit. Die »Berglitzl« bei Gusen im Spannungsfeld der Forschung. Studien zur Kulturgeschichte Oberösterreichs, Linz.
  • Binsteiner, A. 2010
    Der Neandertaler im Ennstal. Neue Funde im Donau-Enns- Paläolithikum erzählen eine andere Geschichte unserer Vorfahren. Oberösterr. Heimatblätter Heft 3/4 ,107-118.
  • Binsteiner, A . - Ruprechtsberger, E.M. 2011
    Das Donau-Enns-Paläolithikum. Mit Forschungsüberblicken zu Nieder- und Oberösterreich, Linzer Arch. Forsch., Sonderheft 45, Linz
  • Binsteiner, A. 2011
    Rätsel der Steinzeit zwischen Donau und Alpen. Linzer Arch. Forsch. 41, Linz
  • Binsteiner, A. 2012
    Eiszeit im Donau-Enns-Delta. Neandertaler trifft auf Homo sapiens. Oberösterr. Heimatblätter Heft 1/ 2, 3-15.
  • Binsteiner, A. – Ruprechtsberger E.M. 2012
    Schminkset des Homo erectus. Nordico Stadtmuseum Linz
  • Binsteiner, A. 2012
    Die altsteinzeitlichen Artefakte vom Lehberg, Gemeinde Haidershofen. Eine neue Fundstelle des Donau-Enns-Paläolithikums in Ober- und Niederösterreich. Linzer Arch. Forsch. Sh. 47, Linz.
  • Binsteiner, A. 2012
    Fundsache Homo erectus. Ein phallusförmiges Gerät vom Lehberg, Gemeinde Haidershofen, Niederösterreich. Fundpunkt - Archäologie Online, April 2012.
    http://www.archaeologie-online.de/magazin/fundpunkt/forschung/2012/fundsache-homo-erectus/