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Kretas Bergminoer bauten weder Paläste noch Festungen - aber für die Ewigkeit

15.11.2013
Abb. 1| Karte der Umgebung von Agios Nikolaos mit dem Gebiet der Berg-Minoer ...
Abb. 1| Karte der Umgebung von Agios Nikolaos mit dem Gebiet der Berg-Minoer (blau), dem Historischen Landschaftspark Kroustas (grün) und dem in Abb. 2 gezeigten Ausschnitt der Flur Pateragiorgis (gelb) © S. Beckmann

In den Bergen Nordostkretas oberhalb der Stadt Agios Nikolaos liegen über 300 ländliche massive Steinbauten in einer ungewöhnlich offenen Siedlungs-Struktur. Die Stätten waren, anders als die kretischen Paläste, erdbebensicher gebaut. Der Pionier der minoischen Archäologie, Sir Arthur Evans, hielt das Wenige was er davon 1894 sah für Verteidigungsmauern.

In der Nähe wurden keine Hinweise auf feudale Gebäude gefunden. Nur ausgeprägte Spuren offensichtlich hierarchieloser landwirtschaftlicher Nutzung.

Wer waren die kretischen Bergminoer?

Die Berge oberhalb von Agios Nikolaos liegen jenseits und weitab aller bekannten minoischen Paläste Kretas, waren aber in der mittleren Bronzezeit (ca. 2000-1650 v.Chr.) als Siedlungsgebiet durchaus ernstzunehmen. Es gibt aus dieser Zeit auf der ganzen Insel fast keine vergleichbar gut erhaltenen Siedlungsspuren, auch die hier vorgestellten wurden erst in den letzten Jahren im Laufe der Forschungen der Autorin entdeckt. Die einzelnen minoischen Gebäude sind klar getrennt, selten mehr als 300 m voneinander entfernt und untereinander durch ein Netzwerk von Pfaden verbunden. Sie wurden auf Fundamenten aus massiven, unbearbeiteten Steinblöcken errichtet, von denen heute noch oft meterhohe Ruinen zu sehen sind.

Im Umfeld sind die Überreste langer Umfassungsmauern sichtbar, die jeder Wohneinheit ein meist felsreiches, mit kleinen landwirtschaftlich nutzbaren Flächen durchsetztes Gelände unterschiedlicher Größe zuordneten. Bauweise und Lage zeigen klar, dass diese Umfassungsmauern zu den minoischen Häusern gehörten.

Auf minoischen Pfaden wandeln:

Der historische Landschaftspark Kroustas

2012 enstand in einem Teil der minoischen Berglandschaft der historische Landschaftspark Kroustas. Der Park liegt in einem seltenen Wald Ostkretas über dem munteren Dorf Kroustas bei Kritsa.

Wanderwege durch die bronzezeitliche Landschaft laden zum Entdecken der über die Berghänge verstreuten minoischen Stätten ein. Besucher können sich von der Größe der in den Ruinen verbauten Steinblöcke selbst ein Bild machen (wie in Abb.3 und 13) und dabei Ziegen, seltene Blumen und Vögel erforschen. Der offene Wald bietet hier und da atemberaubende Aussichten hinunter zur Küste - in jedem Fall einen Ausflug wert!
Der Eintritt ist frei!

www.kroustas-park.gr

Die Bergminoer von Agios Nikolaos in Zahlen:
Zeit: 2000-1650 vor Christus (minoische Altpalastzeit, mittlere Bronzezeit)
Gebiet: ca. 30 km2 Berghänge über 600 m süd-westlich von Agios Nikolaos
Funde
: 336 minoische Stätten, mit
- über 150 km Umfriedungsmauern, die jeweils Areale von durchschnittlich 3,5 ha umschließen
- über 100 km (oft mauergesäumte) Wege
- mehr als 50 der Ruinen sind z.T. 1,5 m und höher erhalten

Die Baumasse dieser Mauern – ursprünglich über 200 000 Kubikmeter - zusammengelegt ergäbe ein Gebäude von 100x100 m Fläche und 65 m Höhe, – so groß wie die ägyptische Pyramide des Mykerinos (ca.103 m im Quadrat und 65,5 m). Die Grundfläche aller Häuser dürfte zusammen etwas mehr als zweimal so groß gewesen sein wie die Grundfläche des Palastes von Knossos - oder fast viermal so groß wie der Palast von Malia. Wenn man für jedes Haus etwa 5 Bewohner rechnet, müssen in den Bergen von Agios Nikolaos über 1600 Menschen gewohnt und gearbeitet haben – ungefähr die heutige Einwohneranzahl des Städtchens Kritsa am Fuß derselben Hänge.

Die umgebende Landschaft an der Südostseite des Berges Katharo Tsivi (1665 m) ist von Natur aus mit lichtem Wald aus Kermes-Eichen, Zypressen und Kiefern (charakteristisch für das östliche Mittelmeer) bewachsen. Der Untergrund ist oft steil, felsig-karstig und übersät von vielen Senken und kleinen Tälern, in denen durch Terrassierung und Erosion Nischen mit guter Erde entstanden sind, die bis vor kurzem für Ackerbau genutzt wurden.

Die Region hat aufgrund ihrer Höhe und Lage ein günstiges Anbau-Jahr (das Winterhalbjahr), während an der Küste der früher beginnende, regenlose, heiße Sommer oft zu Ernteausfällen führt. Heute dient die Landschaft fast nur noch als Weide für Schafe und Ziegen und für die Aufstellung von Bienenstöcken.

Zyklopisch, megalithisch – oder wie?

Abb. 2|Teil des Gebiets der Berg-Minoer mit 38 der über 300 charakteristischen minoischen Stätten ...
Teil des Gebiets der Berg-Minoer (1,5 km2 von 30, Flur Pateragiorgis, Bereich Kritsa) mit 38 der über 300 charakteristischen minoischen Stätten. Nummerierte Punkte: Hausruinen, graublaue Linien: bronzezeitliche Umfassungsmauern, rote Linien: bronzezeitliche Straßenverläufe © S. Beckmann

Als Sir Arthur Evans im Jahr 1894 die Gegend bereiste, sah er mehrere aus massiven Steinbrocken bestehende Ruinen, die er aufgrund dieser Bauweise »megalithisch« oder »kyklopisch« nannte (so wie die mykenischen Stadtmauer-Anlagen auf dem griechischen Festland) und für militärische Einrichtungen und Teile eines bronzezeitlichen Verteidigungssystems hielt. Doch es waren Evans Vorstellungen vom harmonischen, kriegfreien Leben der Minoer, welche er einige Jahre später während der Ausgrabungen in Knossos entwickelte, die das Bild der kretischen Archäologie prägten.

Erst in den vergangenen dreißig Jahren wurden diese Friedensvisionen zusehends häufiger hinterfragt, besonders in Zusammenhang mit neuen Funden im äußersten Osten Kretas, wo ähnlich massiv gebaute Strukturen, wie die hier beschriebenen, Evans militärische Interpretationen wieder in Erinnerung brachten. Anhand der Entdeckungen der Autorin wird jetzt klar, dass Evans 1894 nur einen Bruchteil der tatsächlich vorhandenen Stätten am Tsivi sah: Er erwähnte drei, die von der von ihm berittenen Straße aus leicht zugänglich waren - die oberste in der Karte Abb. 2, zu Evans Zeiten die »Hauptstraße«, heute ein Wanderweg. Er hat also wohl Straße und Pferd bei seiner Reise kaum verlassen (s. Abb 1 und 2).