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Fundsache Homo erectus

Ein phallusförmiges Gerät vom Lehberg, Gemeinde Haidershofen, Niederösterreich

26.4.2012
Abb. 1| Die neue Fundstelle von Haidershofen, Bezirk Amstetten, im Donau-Enns-Paläolithikum Ober- und Niederösterreichs (Grafik: A. Binsteiner)
Abb. 1| Die neue Fundstelle von Haidershofen, Bezirk Amstetten, im Donau-Enns-Paläolithikum Ober- und Niederösterreichs (Grafik: A. Binsteiner)

Der sonderbar geformte Naturstein zieht den Betrachter sofort in seinen Bann. Erste Zweifel, ob es sich dabei ausschließlich um ein Spiel der Natur handelt, schwinden rasch, denn an den entscheidenden Stellen ist das Artefakt von »Menschenhand« geformt.

Dennoch ist es zunächst nur ein interessantes Quarzitgeröll aus den Günz-Schottern, der ersten sicher nachweisbaren Eiszeit im alpinen Raum. Die Ablagerungen dieser Kaltzeit, die vor rund 600.000 Jahren zu Ende ging, werden als »Ältere Deckenschotter« definiert.

Der Artefaktcharakter

Die quer zur Längsrichtung des Gerölles verlaufende, helle Quarzader schnürt den gut gerundeten Quarzit im oberen Drittel gleichsam ab und bildet einen rundum verlaufenden Wulst. Allem Anschein nach ist bereits unterhalb der Quarzader manipuliert worden, um den Ring besser herauszuheben. Zumindest finden sich dort an einigen Stellen feine Kratz- und Pickspuren. Möchte man diese Spuren noch kritisch betrachten, ist dann oberhalb des Quarzringes kein Irrtum mehr möglich.

Abb.2| Das stark patinierte, phallusförmige Gerät vom Lehberg inmitten von Quarzitgeröllen aus den Günz-Schottern (Länge des Phallus 7,76 cm) (Foto: A. Binsteiner)
Abb.2| Das stark patinierte, phallusförmige Gerät vom Lehberg inmitten von Quarzitgeröllen aus den Günz-Schottern, die, ebenfalls mit Quarzadern durchsetzt, die natürlichen Verwitterungsformen und Gesteinsfarben zeigen (Länge des Phallus 7,76 cm) (Foto: A. Binsteiner)
Abb. 2a| Phallusförmiges Gerät vom Lehberg, Gemeinde Haidershofen, NÖ (Länge 7,76 cm) (Foto: A. Binsteiner)
Abb. 2a| Phallusförmiges Gerät vom Lehberg, Gemeinde Haidershofen, NÖ (Länge 7,76 cm) (Foto: A. Binsteiner)

An der Spitze finden sich eindeutige Pickspuren, die bereits wieder verrundet und patiniert sind und den Effekt der Oberfläche einer Orangenschale hervorrufen. Beide Längsseiten sind zudem geschliffen und poliert. Besonders deutlich sieht man die helle Kante auf der linken Seite des phallusförmigen Gerätes (Bild 2 Vorderseite; Bild 3a/b hintere Kante). Hier handelt es sich nach der mikroskopischen Untersuchung nicht um eine der Quarzadern im Gestein, sondern um einen Schliff, der die Quarze und die quarzitische Matrix in einer Richtung schneidet.

Es ist unmöglich, dass die partiell dicht an dicht liegenden und unterschiedlichen Bearbeitungsspuren durch Wind, Wasser, Gletscher oder einen Verwitterungsprozess entstanden sein könnten. Zudem finden sie sich im Wesentlichen nur oberhalb des Quarzringes und nicht unterhalb am Schaft. Diese Art von Veränderungen der natürlichen Gesteinsoberfläche können nur intentionell erzeugt oder durch die längerfristige Benützung des Steines als Arbeitsgerät entstanden sein. Obgleich in den Quarziten Eiseneinlagerungen in natürlicher Form vorkommen, die als Verwitterungsprodukt in Form von Rost an der Oberfläche der Gerölle in Erscheinung treten, zeigt vor allem die Kuppe des Steines unnatürliche Rötelspuren, die auf einen künstlich erzeugten Auftrag mit der eisenhaltigen Naturfarbe hindeuten (Bild 3a).

Abb.3a| Haidershofen, Lehberg, NÖ. Phallusförmiges Gerät. Nahaufnahmen der Pick-, Schliff- und Rötelspuren an der Spitze oberhalb des Quarzringes. Farbaufnahme (Foto: A. Binsteiner)
Abb.3a| Haidershofen, Lehberg, NÖ. Phallusförmiges Gerät. Nahaufnahmen der Pick-, Schliff- und Rötelspuren an der Spitze oberhalb des Quarzringes. Farbaufnahme (Foto: A. Binsteiner)
Abb.3b| Haidershofen, Lehberg, NÖ. Phallusförmiges Gerät. Nahaufnahmen der Pick-, Schliff- und Rötelspuren an der Spitze oberhalb des Quarzringes. Graustufenaufnahme (Foto: A. Binsteiner)
Abb.3b| Haidershofen, Lehberg, NÖ. Phallusförmiges Gerät. Nahaufnahmen der Pick-, Schliff- und Rötelspuren an der Spitze oberhalb des Quarzringes. Graustufenaufnahme (Foto: A. Binsteiner)

Ein erster Datierungsansatz

Abb. 4| Faustkeil aus der Rotlehmschicht auf dem Lehberg. (Sammlung Franz Mitterhuber, Haidershofen) (Foto: A. Binsteiner)
Abb. 4| Faustkeil aus der Rotlehmschicht auf dem Lehberg. Länge 12,70 cm. Ansicht der linken (sinistrolateral) flächenretuschierten Dorsal- und Ventralseite. (Sammlung Franz Mitterhuber, Haidershofen)

Den ersten Hinweis auf eine mögliche Datierung gab bereits im letzten Jahr ein grob gearbeiteter Faustkeil (s. A. Binsteiner, Homo erectus am Alpenrand?), der zweifellos der Zeitstufe des Acheuléen zugeordnet werden kann. Nach der Rekonstruktion der Fundumstände in diesem Frühjahr steht fest, dass das Stück aus einer Rotlehmschicht stammt, die direkt der Oberkante der Günz-Schotter aufliegt.

Auch an der Fundstelle des phallusförmigen Gerätes in rund 120 Meter Entfernung tritt diese markante Schicht heute am flachen Hang an der Oberfläche zutage. Zahlreiche Bohrungen an den beiden Fundstellen, die auf gleichem stratigrafischem Niveau in rund 365 m NN durchgeführt wurden, zeigen eindeutig die geologischen Verhältnisse an. Direkt auf den Günz-Schottern liegt eine stark eisen- und tonhaltige Rotlehmschicht, die nur geringmächtig von einer humosen, am Hang abgeschwemmten Lage aus Lösslehmen überdeckt wird, sodass auf den umgeackerten Anbauflächen die rostfarbenen Lehme deutlich in Erscheinung treten (Bild 5, Seite 2). Das Ende der Günz-Eiszeit und der Ablagerung der fluvioglazialen Schotter wird übereinstimmend bei rund 600.000 Jahren vor heute angesetzt. Die Lehmschicht auf der Oberfläche der Günz-Schotter fällt in eine Warmzeit nach dem Ende der Günz-Kaltzeit, liegt also zwischen 500.000 und 600.000 Jahre vor heute. Sowohl die Typologie des Faustkeiles als auch die geologischen Verhältnisse an der Fundstelle auf dem Lehberg sprechen für diesen frühen Datierungsansatz. Demnach muss auch dieses phallusförmige Gerät in diesem Zeitraum hergestellt und abgelagert worden sein. Als Erzeuger beider Artefakte, Faustkeil und Gerät, kommt nur der Homo erectus in Frage.

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