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Zur Farbigkeit von antiken Objekten

22.8.2008

Ab dem frühen 19. Jahrhundert rückte die Farbigkeit der griechischen Skulpturen immer stärker in das Bewusstsein. Die Glyptothek München nahm eine Vorreiterrolle ein wegen der dort aufbewahrten Skulpturen des Aphaia-Tempels aus Ägina und der guten Erhaltung der Farbreste auf ihnen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts fand die Tatsache der Polychromie eine zögernde Annahme. Zunächst wurde jedoch noch die Idee der Dichromie Blau/Rot oder auch Weiß/Gold vertreten. Ab etwa 1900 wird die Farbigkeit als Tatsache akzeptiert. Die „Farbe“ im (deutschen) doppelten Sinn des Wortes findet ein zunehmendes Interesse.

Heute zweifelt niemand mehr, dass in der Antike nicht nur Götter, sondern Skulpturen aller Art und herausragende Bauten farbig gefasst waren. Über die „Art“ der Farben wird dagegen noch immer heftig diskutiert – leider mit oft geringer archäochemischer Sachkenntnis. Ziel dieses Beitrages ist, hier Ordnung in die Bezeichnungen zu bringen, chemische Fehler (besonders in dem Katalog „Bunte Götter“, herausgegeben von V. Brinkmann und R. Wünsche) klar zu benennen und die modernen Untersuchungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Zunächst muss festgestellt werden, dass die Bezeichnung „Farbe“ im Deutschen doppeldeutig ist. Sie bezeichnet zum einen den subjektiven Farbeindruck wie rot oder grün, zum anderen aber auch das Anstrichmittel oder den Anstrichstoff (Bezeichnungen, die zwar nicht besonders schön, aber genormt und eindeutig sind). Ein Anstrichmittel besteht im Wesentlichen aus dem Bindemittel und dem Farbmittel. Unlösliche Farbmittel werden „Pigmente“ genannt; mit ihnen haben wir es im vorliegenden Falle überwiegend zu tun. Farbstoffe sind lösliche Farbmittel, also z. B. Textilfarbstoffe oder die Farbstoffe in lasierenden Anstrichstoffen. Die folgende Tabelle zeigt diese Zusammenhänge, die im Interesse der Vermeidung von Missverständnissen streng beachtet werden müssen.

Tabelle 1 Nomenklatur zum Begriff "Farbe"
Nomenklatur zum Begriff "Farbe"

1. Pigmente

Die in der Antike verwendeten Pigmente sind überwiegend anorganischer Natur. Da ihre Erkennung und Analytik relativ einfach sind, befassten sich die Bearbeiter zunächst hauptsächlich mit ihnen. Es handelt sich meist um natürlich vorkommende Mineralien, die bereits in der Natur durch ihre Farben auffallen und relativ einfach gewonnen werden können. Meist stellen sie begehrte Handelsgüter dar. Hierzu zählen die Ocker mit ihren gelben, braunen und roten Farbtönen, der blaue Azurit, der blaue Lapislazuli, der grüne Malachit, der dunkelgrüne Chrysokoll, der rote Zinnober, weiße Kreide. Schwarzer Ruß kann leicht aus rußenden Flammen gewonnen werden; er stellt in der Entwicklungsgeschichte das erste künstlich gewonnene Pigment dar. Sehr früh konnten altägyptische Technologen ein sehr schönes blaues Pigment, das weithin verhandelte Ägyptisch Blau, herstellen. Durch eine geringe Variation des Prozesses konnte auch ein schönes Ägyptisch Grün gewonnen werden. Der rote Krapplack ist ein weiteres sehr früh hergestelltes synthetisches Pigment. Die antiken Maler lernten sehr bald, die verschiedenen Pigmente zu mischen oder in Malschichten übereinander zu legen, so dass eine Vielzahl von Zwischentönen erzeugt werden konnte.

Die verschiedenen Pigmente haben naturgemäß unterschiedliche Eigenschaften in Bezug auf Farbton (auch von Teilchengröße und Kristallform abhängig), Farbtiefe, Verarbeitbarkeit (Verteilung im Bindemittel) und Beständigkeit (Korrosionsempfindlichkeit). Verunreinigungen der mineralischen Pigmente durch Gangart (Begleitmineralien) führen zu Farbabweichungen, z. B. bei Lapislazuli oder Azurit, und schlechterer Verarbeitbarkeit.

Gelbe und rote Pigmente

Abb. 1. Oben: Gelber und roter Ocker. Unten: purpurfarbener Ocker. (Foto Autor)
Gelber, roter und purpurfarbener Ocker

Die wichtigsten gelben und roten Pigmente sind die Ocker. Unter der Bezeichnung „gelber Ocker“ verbirgt sich eine Vielzahl von wasserhaltigen Eisen(III)-oxiden (Fe2O3·aq), die sich in Kristallform, Wassergehalt sowie Beimengungen und somit auch im Farbton unterscheiden. Goethit ist eines der hierzu gehörenden gelben bis dunkelbraunen Mineralien, das nach dem Dichterfürsten benannt wurde. Ein Mineral Geothit, wie bei Brinkmann zu lesen, gibt es nicht. Roter Ocker (Pompeianisch Rot, Venetianisch Rot) ist ein praktisch wasserfreies Eisen(III)-oxid, je nach Korngröße hell- bis dunkelrot. Ein Purpurton entsteht durch beigemischtes schwarzes Eisen(II,III)-oxid Fe3O4, das durch Glühen bei 1200°C durch Sauerstoffabspaltung entsteht. Alle Ocker sind extrem stabil; roter Ocker fand sich in Neanderthaler-Gräbern, wo er offenbar eine gewisse kultische Bedeutung besaß. Es gibt keinen „flüchtigen Ocker“, wie bei Brinkmann zu lesen. Ocker sind durch ihre Farbe und den Nachweis von Eisen relativ leicht zu identifizieren.

Zinnober (chemisch: rotes Quecksilbersulfid) ist ein sehr schönes rotes Pigment mit guten Verarbeitungseigenschaften, aber leider nicht sehr stabil. Es verfärbt sich im Licht unter Bildung von elementarem, wegen seiner feinen Verteilung schwarz wirkendem Quecksilber, was einer ursprünglich schön roten Fläche eine violettstichige Tönung verleiht. Bereits Vitruv (ca. 55 v. Chr. – 14 n. Chr.) kannte diese Eigenschaft und empfahl, Zinnober nur in Innenräumen zu verwenden. Quecksilber ist analytisch leicht nachzuweisen.

Krapplack, genauer Aluminiumkrapplack, ist ein rotes Pigment, das aus Inhaltsstoffen der Wurzel der Krapp-Pflanze (Rubia tinctorum u. a. Rubia-Arten) in einem chemischen Prozess gewonnen wird. Die gepulverte Wurzel wird mit heißer Alaunlösung extrahiert. Anschließend wird das Pigment mit Sodalösung gefällt und abfiltriert. Es stellt die an Aluminiumhydroxid komplex gebundenen Farbstoffe Alizarin, Purpurin und Pseudopurpurin dar, die in dieser Form eine leuchtend rote Farbe besitzen. Die nicht an Aluminiumhydroxid gebundenen Farbstoffe besitzen nur eine schmutzig-rote, unattraktive Färbung. Jeder Chemiker kennt die “Alizarin-Reaktion“ zum Nachweis von Aluminium. Es ist erstaunlich, dass dieser Prozess bereits in der Antike bekannt war.

Farbige Bleiverbindungen wie Mennige (rot) und Bleiglätte (gelb bis rotgelb) müssen erwähnt werden. Sie sind auch synthetisch zugänglich (Bleiglätte ist ein Nebenprodukt bei der Silbergewinnung) und leicht nachzuweisen.