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Aus der Küche ins alchemistische Laboratorium. Die Entwicklung alchemistischer Gefäße

von Peter Kurzmann - 11.4.2008

Eine zumindest im oberen Teil aus Glas bestehende Apparatur zur Destillation von Schwefel
Abb. 8: Eine zumindest im oberen Teil aus Glas bestehende Apparatur zur Destillation von Schwefel; Griechisches Manuskript aus dem 10. Jahrhundert (Zeichnung: Autor)
Eine rekonstruierte Sublimationsapparatur
Abb. 9: Eine rekonstruierte Sublimationsapparatur, bestehend aus einem gläsernen Sublimationshelm aus Nishapur, 9. Jahrhundert und einem Sublimationsgefäß aus Keramik aus Basel, 2. Hälfte 13. Jahrhundert (Zeichnung: Autor)

Während des Hiatus bei den keramischen Gefäßen für alchemistische Zwecke erfolgte die weitreichende Erfindung der Glasmacherpfeife in der 2. Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts. Damit war die Möglichkeit der einfachen Herstellung auch komplizierterer Formen möglich.

Leider gelang es bisher nur selten, alchemistische Glasgefäße aus frühester Zeit im Boden zu finden; die frühesten Funde datieren meist etwa in das 14./15. Jahrhundert. Wir wissen jedoch aus Schriftfunden, dass die Entwicklung gläserner Apparaturen früher erfolgte: Abbildung 8 zeigt ein Beispiel aus einem griechischen Manuskript, das in das 10. Jahrhundert datiert ist. Der Destillierhelm (hier ein Tribikos) wird aus Glas gefertigt sein.

Ein Glücksfall ließ den Autor ein gläsernes Gerät, das in das 9. christliche Jahrhundert datiert ist, aus Nishapur, Iran, im Magazin eines Museums entdecken und identifizieren. Es handelt sich um einen gläsernen Sublimationshelm (Abbildung 9).

Seine Funktion: durch das nach oben weisende Röhrchen entweichen zu Beginn die Dämpfe. Danach verstopft sich die kleine Öffnung selbsttätig mit dem Sublimat, und der ungestörte Sublimationsprozess kann beginnen. Da der zu dem iranischen Helm gehörende Topf leider fehlt, wurde die Apparatur unter Zuhilfenahme des Basler Sublimationsgefäßes rekonstruiert.

Eine Destillierapparatur (destillatorium) mit einem Alembiken (alembicus) und zwei Kolben (cucurbitae)
Abb. 10: Eine Destillierapparatur (destillatorium) mit einem Alembiken (alembicus) und zwei Kolben (cucurbitae); Diese Apparaturen waren etwa 30 bis 100 cm hoch (Zeichnung: Autor)

Irgendwann im Laufe des ersten christlichen Jahrtausends wurden gläserne Destillierhelme erfunden, und zwar sicherlich im damals griechischen Orient. Sie erhielten die Bezeichnung Alembiken, die aus einem arabischen (dem Artikel „al“) und einem griechischen („ambix“ oder „ambikos“, eine Schale mit ausgebogenem Rand, ein Haushaltsgefäß) Wort entstand. Alembiken wurden in großer Anzahl im Boden gefunden, allerdings erst mit relativ später Datierung, etwa seit dem 14. Jahrhundert. Sie stellen eine sehr befriedigende Entwicklungsstufe dar, die sich bis in das 19. Jahrhundert bewährte und erhielt. Abbildung 10 zeigt eine Destillationsapparatur mit einem typischen Alembiken.

Der Alembik sitzt auf dem Hals eines Kolbens (einer cucurbita). Der beim Destillieren aus dem Kolben aufsteigende Dampf kondensiert an den Wänden des Alembiken, fließt hinunter und sammelt sich in der Rinne. Aus dieser fließt das Destillat durch den Schnabel (rostrum) in die Vorlage (receptaculum).
Alembik und Vorlage sind üblicherweise aus Glas gefertigt. Der Kolben dagegen besteht aus Gründen der Feuerbeständigkeit und der Festigkeit meistens aus Keramik. Es gibt auch Keramik-Alembiken, wegen der für Keramik nicht materialgerechten Form sind sie jedoch sehr selten.

Die Destillatorien mit Alembiken waren typische Apparaturen der Alchemisten und später der Pharmazeuten, die mit ihrer Hilfe wirklich alles, von Säuren über Hühner bis zu Blut, destillierten. Vereinzelt fanden sie, modisch bedingt, auch in der gehobenen Küche Verwendung: hier wurden Suppen destilliert, zur Verfeinerung über Edelsteinen. Zum Symbol für die Alchemie und die Chemie wurde jedoch ein später aus dem Kolben entwickeltes Destilliergefäß aus Glas, die Retorte.

Herleitung der cucurbita-Formen
Abb. 11: Herleitung der cucurbita- Formen; Kürbis (Foto: Autor)
Herleitung der cucurbita-Formen
Abb. 11a: Herleitung der cucurbita-Formen; links: cucurbita - Kolben, rechts: cucurbita retorta - Retorte (Zeichnung: Autor)

Die Form eines Kolbens ergibt sich beim Glasblasen praktisch von selbst. Die Ähnlichkeit seiner Form mit der einiger Kürbisarten führte zu der lateinischen Bezeichnung cucurbita (= lat. Kürbis). Die Abbildungen 11 und 11a verdeutlichen diese Zusammenhänge.

Der Hals des abgebildeten Kürbisses ist schon etwas gebogen, womit sich die Form der cucurbita retorta andeutet (zurückgebogen = lat. retortus): die Form der Retorte.

Die Retorte ist ein Gerät der Laboratoriumstechnik des 16. Jahrhunderts. Sie vereinigt in einem Teil die Funktionen des Kolbens und des Alembiken, stellt also eine rationelle Form dar, die aber die Nachteile der erschwerten Beschickung und Reinigung hat. Sie wurde wegen des kurzen Dampfweges zur Destillation hochsiedender Stoffe eingesetzt.

Üblicherweise war sie aus Glas; es gibt jedoch auch Retorten aus Keramik, obwohl die Form hierfür nicht materialgerecht ist. Auch in der rezenten chemischen Industrie spricht man von Retorten als großen Reaktionsgefäßen; sie haben aber mit dem Gefäß der Alchemisten nur noch den Namen und die Funktion, nicht mehr die Form gemeinsam. Damit soll das Gebiet der Destillation, Extraktion und Sublimation verlassen werden.

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