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Scott´s "Talisman", Damastsalat und Nanodraht

Beobachtungen zur Grundlage naturwissenschaftlicher Untersuchungen eines Phantoms, des sog. Damaszener Stahls

1.12.2006

Die vorliegende Arbeit wurde abgefasst, um der seit der Romantik andauernden Tendenz zur Mystifizierung von Schwertklingen aus dem arabischen Kulturkreis eine kurze Übersicht über kulturgeschichtliche Erkenntnisse gegenüberzustellen. Aus aktuellem Anlaß seien dem Verf. im Folgenden einige Anmerkungen zur Thematik des so genannten Damaszener Stahls gestattet. Diese muss aus historischer Perspektive deutlich differenzierter betrachtet werden, als dies in den materialkundlich ausgerichteten Veröffentlichungen der letzten Jahre der Fall war. Auch die jüngste in der Reihe [1] der von den Medien häufiger angekündigten „Lüftungen des Geheimnisses um den Damaszener Stahl“ belebt ohne konkrete Anhaltspunkte die lange widerlegte Mär von der Überlegenheit des „Damaszenerstahls“ über die Werkstoffe europäischer Schwertklingen.[2]

Für Fachleute, die sich seit Jahrzehnten um die differenzierte Erforschung der historischen Blankwaffen im Allgemeinen und der Schmiedetechnik im Besonderen bemühen, erscheinen die Reaktionen der Presse [3] auf die vermeintliche Sensation im Nano-Bereich zumindest bedenklich [4]. Nun soll hoch auflösende Transmissions-Elektronenmikroskopie, die erstmals an einer „Damastklinge“ carbon nanotubes und cementite nanowires nachgewiesen hat, „dazu beitragen eine verfeinerte Interpretation des Damaszenerstahls und seiner erstaunlichen mechanischen Eigenschaften zu ermöglichen“. Diesem Forschungsziel sind methodische Mängel der Studie keinesfalls zuträglich. Im Rahmen dieser Abhandlung kann nur schlaglichtartig auf eine Auswahl von Ungenauigkeiten eingegangen werden, die bei einer überfälligen Zusammenarbeit zwischen Historikern, Sprachwissenschaftlern, Archäologen, erfahrenen Metallographen und nicht zuletzt Klingenschmieden, in Zukunft vermieden werden sollten:[5]

Kritische Anmerkungen aus historischer und archäologischer Perspektive

1. Leider wurde die über 120 Jahre zurückreichende Forschungsgeschichte zur Metallographie und Archäologie von europäischen Schwertklingen der frühen Eisenzeit bis ins 19. Jahrhundert nicht berücksichtigt. Hätte man in diese Richtung recherchiert, wäre deutlich geworden, daß europäische Hammer-/Zein- und Klingenschmiede vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit aufgrund der Qualität ihrer Erzeugnisse und der politischen Gegebenheiten keinen Bedarf an arabischen, persischen oder indischen Stählen hatten. In der Arbeit des Dresdner Teams wird die erste Analyse eines europäischen Schwertes mittels Raster-Elektronenmikroskopie nicht erwähnt. Diese wurde im Jahr 2000 von einem spanischen Forscherteam vorgelegt.[6] Der Verfasser ist trotz jahrelanger Recherche noch auf keinen Anhaltspunkt dafür gestoßen, daß europäische Schmiede vor dem 18. Jahrhundert versucht hätten, einen östlichen Tiegelschmelzstahl zu imitieren. Formulierungen wie „However, European bladesmiths were unable to replicate the process, and its secret was lost at about the end of the 18th century. (sic, Anm. d. Verf.) It was unclear how medieval blacksmiths would have overcome the inherent brittleness of the plates of cementite (…)”, oder „It is believed that Damascus blades were forged directly from small cakes of steel (named „wootz“) produced in ancient India“ [7] sind in einer Veröffentlichung mit wissenschaftlichem Anspruch vor dem Hintergund bisher erzielter archäometallurgischer Erkenntnisse fehl am Platz.

2. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer: alle bisher metallographisch untersuchten Klingen verschiedener Zeitstufen und Weltgegenden verweisen auf hochindividuelle Werkstoffe, Werkstoffkombinationen, Härtemethoden, Oberflächenbehandlungen etc.. Verallgemeinernde Aussagen zu spezifischen Eigenschaften eines „Damaszener Stahls“ besitzen ohne Vergleichsstudien wenig Aussagekraft. Gemäß einer verbreiteten Auffassung von wissenschaftlichem Vorgehen hätte vor einer Veröffentlichung zumindest eine europäische Klinge aus derselben Epoche mit derselben Methode untersucht werden müssen. So wäre ein direkter und objektiver, wenn auch keineswegs repräsentativer Vergleich möglich gewesen. Ist es von vornherein auszuschliessen, daß in europäischen Stählen des 17. Jahrhunderts carbon nanotubes und cementite nanowires vorkommen?

  • [1] Basierend auf: Reibold, M. /Paufler, P./Levin, A.A./Kochmann, W./Pätzke,N./Meyer, D.C.: Carbon nanotubes in an ancient Damascus sabre. In: Nature, Vol. 444, 16. November 2006, 286. – siehe auch.: Levin, A./Meyer, D.C./ Reibold, M./Kochmann, W./Pätzke, N./Paufler, P.: „Microstructure of a genuine Damascus sabre” Crystal Research and Technology 40 (2005) 905-916.
    [2] S.u.a. Panseri, C., 1965: Damascus Steel in Legend and Reality. Gladius 4, 1965, 5-67.
    [3] Dem Autor liegt der Originalartikel in “Nature” vor, aus geographischen Gründen gilt das allerdings nicht für die sekundär veröffentlichten Printmedien. Hier einige der täglich zahlreicher werdenden Links zur Berichterstattung über den Artikel des Dresdner Teams aus dem Internet:
    Spiegel.de, Stern.de, NewScientisttech.com, NationalGeographic.com, ScienceDaily.com
    [4] www.messerforum.net/showthread.php?t=38344. s. Beiträge von A. Eckhardt, U.Gerfin u. R. Landes. In diesem Forum machen Fachleute aus dem praktischen Bereich des Klingenschmiedehandwerks ihr Wissen einem interessierten Publikum zugänglich.
    [5] Der Verfasser sammelt seit Jahren Belege für eine umfassendere Studie zur Geschichte des Begriffs „Damaszener-Stahl/Damast“, verschiedene Angaben finden sich bereits in der unveröffentlichten (über die Gründe folgt in absehbarer Zeit eine Glosse) Dissertation „Stähle, Steine und Schlangen - zur kultur- und technikgeschichtlichen Einordnung dreier Schwertklingen aus dem alamannischen Siedlungsraum“ (Humboldt-Universität Berlin 2001, auf Microfiche über Universitäts-Bibliotheken einsehbar).
    [6] Criado, A.J./Martínez, J.A./Jiménez, J.M./Calabrés, R., 2000b: Metallographic Study of the Steel Blade of the Sword Tizona / Metallographische Untersuchung der Stahlklinge des Schwertes Tizona. Practical Metallography 37, H. 7, 2000, 370-379.
    [7] S. Anm. 1 Reibold e.a. 2006, 286.

Kommentare

Fritz Kruse , 08.12.2009 21:12
Sehr geehrter Herr Mäder,
Habe for ca 40 jahren von meinem Vater ( einem alten Schmied)
ein Stück Feuerschweiß-Stahl zum verstählen von Klingen bekommen.
Auf meine Frage, was das sei:
"Dreifach-raffinierter Degenstahl"
1 Messer daraus ergab eine Härte von 62 HRC. Bitte um Kontakt! FK
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