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Das Sir John Soane‘s Museum – anders als alles Vertraute

19.6.2014

Der Zugang zu Kunst und Kultur erscheint uns heute als reine Selbstverständlichkeit. In Großbritannien beispielsweise ist er sogar zu weiten Teilen kostenlos. Doch das war nicht immer so. Und während wir durch die riesigen themen- oder epochenorientierten Säle der modernen Einrichtungen schreiten, erinnert uns kaum noch etwas an die mitunter turbulente Anfangszeit von dem, was uns heute als Museum vertraut ist. Im Hausmuseum des berühmten britischen Architekten Sir John Soane ist das anders. Hier – in der 13 Lincoln’s Inn Fields in London – steht es; unverändert und unscheinbar. Vor allem aber mit offenen Türen, die den Besucher entziehen; in die längst vergangene englische Aufklärungszeit.

Hinter den Türen eines Hausmuseums der Aufklärungszeit

Wer den Weg hierher gefunden hat, parkt nicht nur Mantel und Tasche im Eingangsbereich, sondern auch alles bislang Vertraute. Denn anstelle der weitläufigen Ausstellungsräume moderner Museen findet sich der Besucher des Soane’s Museums in den kleinen Zimmern eines typisch englischen Wohnhauses wieder. Tageslicht strömt durch die Fenster und reflektiert in den vielen vorhandenen Spiegeln. Zusätzliche alte Öl- und Gaslampen verleihen den Zimmern einen warmen Schimmer, der eine gewisse Verträumtheit über alles wirft. Die Gänge sind dunkel und schmal, die Decken hoch und wohin das Auge reicht, ringen unzählige Gegenstände um einen Platz an und vor den farbenfrohen Wänden – ganz gleich, aus welcher Epoche oder aus wessen künstlerischer Hand sie stammen. Es sind Gegenstände orientalischer Herkunft, aus dem Mittelalter oder der Renaissance; Gemälde und Zeichnungen; architektonische Modelle und Bücher, aber auch architektonische Fragmente, Kapitale, Friese oder Reliefs; Vasen und Urnen sowie Originale und Kopien griechischer, römischer und ägyptischer Werke, zu denen unter anderem ein Abguss des berühmten Apollo von Belvedere und ein ägyptischer Sarkophag zählen.

Blick in den Kuppelraum. Foto: Derry Moore, mit freundlicher Genehmigung der Treuhänder des Sir John Soane’s Museums
Ägyptischer Sarkophag von Seti I. Foto: A.C. Cooper Ltd, mit freundlicher Genehmigung der Treuhänder des Sir John Soane’s Museums

Die vielen gemischten Stile und die mangelnde historische Komposition verschmelzen in einem gefühlten wirren Konzept und jeder Versuch die Ausstellung mit den modernen museologischen Anforderungen zu verstehen, misslingt. Aber warum ist hier alles so anders, als (für uns) gewohnt? Sind die modernen Ausstellungskonzepte etwa gänzlich an den Kuratoren des Soane’s Museums vorübergegangen? Die Antwort hierauf findet sich auf dem Papier – denn der Hausherr legte den Erhalt des Gebäudes und aller darin enthaltenen Gegenstände testamentarisch fest, um vor allem Architektur- und Kunststudenten einen frei zugänglichen Ort der Weiterbildung zu gewährleisten. Aus damaliger Sicht eine überaus noble Geste; immerhin befand sich der Großteil der zu studierenden Werke in Privatsammlungen, die überhaupt nicht oder nur kostenpflichtig zugänglich waren. Aus moderner (kuratorischer) Sicht hingegen ein kleinerer oder größerer Albtraum, je nachdem, wie man es sieht; denn jegliches Umstellen ist schlichtweg unmöglich. Die Ausstellung bleibt also, wie sie ist, vollkommen unabhängig davon, wie sich die Museumswelt um sie herum verändert.

Die Chance im unveränderbaren Ausstellungskonzept

Aber ist dieser Umstand tatsächlich so ungünstig, wie er im ersten Moment erscheinen mag? Oder öffnen sich uns dadurch vielleicht völlig ungeahnte Möglichkeiten, die in unseren modernen Museen gar nicht mehr realisierbar sind? Immerhin übt die Frage, wie die Menschen früher lebten eine stetige Faszination aus und führt immer wieder zu Sonderausstellungen, in denen eben dies gezeigt werden soll. Allerdings werden unsere modernen Ausstellungen von ebenso modernen Kuratoren inszeniert, wohingegen die Konzeption des Soane’s Museums vom Hausherren selbst stammt und danach nie wieder verändert wurde. Auf diese Weise ist das Soane’s Museums – ähnlich wie die Gipsabdrücke der in Pompeji verstorbenen Menschen – eine Art Fotografie aus einer längst vergangenen Zeit; in die der Besucher hineinsteigen und einen Ort besuchen kann, den es heute eigentlich nirgends mehr gibt.

Apollo-Nische mit Apollo Belvedere. Foto: Derry Moore, mit freundlicher Genehmigung der Treuhänder des Sir John Soane’s Museums
Museumskorridor. Foto: Derry Moore, mit freundlicher Genehmigung der Treuhänder des Sir John Soane’s Museums

Ein Gesamtkunstwerk in sich

Auf diese Weise ergibt sich vor unserem kritischen modernen Blick ein Haus, das keine Werke großer Künstler oder Epochen thematisiert, sondern Gegenstände zeigt, die einst für ihren Besitzer einen ganz persönlichen Wert besaßen. Ihr Vorhandensein geht also nicht auf das historische oder wissenschaftliche Interesse zurück, welches wir heute haben. Es ist viel mehr von einem ästhetischen Blickwinkel zu betrachten, in dem die vielen unterschiedlichen Stile zu einem großen Ganzen verschmelzen. Einem großen Ganzen, das letztlich den Rahmen für das alltägliche Leben des Hausherren formte.

Dadurch haben die Werke im Soane’s Museum bis heute etwas bewahrt, das den Exponaten moderner Ausstellungen durch die historische Klassifizierung abhandengekommen ist – ihren rein ästhetischen Charakter. Denn jedes einzelne Stück der Sammlung steht dort, wo es einst für John Soane einen Sinn ergab. Aus dieser Perspektive erscheint das Soane’s Museum als eine Art Gesamtkunstwerk, das nicht nur den Geschmack seines Schöpfers widerspiegelt, sondern gleichzeitig ein Abbild der frühesten Ursprünge dessen ist, was wir heute als Museum kennen. Allein aus diesem Grund ist es einen Besuch wert!

 

Info

Sir John Soane's Museum
13 Lincoln’s Inn Fields, London WC2A 3BP.
http://www.soane.org

Öffnungszeiten: Di - So 10 bis 17 Uhr (letzter Einlass 16:30 Uhr)

Sir John Soane
Informationen zu Sir John Soane, dem britischen Architekten und Begründer der Sammlung, bei Wikipedia