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Gläserne Schätze aus Lüneburgs Boden.

von Peter Steppuhn - 30.5.2003

Stadt Lüneburg. Spitzkelch auf Löwenbaluster mit Diamantriss. Niederlande oder England, um 1600.
Stadt Lüneburg. Spitzkelch auf Löwenbaluster mit Diamantriss. Niederlande oder England, um 1600.

Die ältesten Glasobjekte stammen aus der Zeit um 500. Die drei sehr schön erhaltenen Sturzbecher aus dem fränkisch/sächsischen Gräberfeld von Buxtehude-Kattenbeck sollten den Verstorbenen, die Reise ins Jenseits gut gestärkt anzutreten. Zu den bemerkenswerten Funde des Spätmittelalters gehören weiterhin das Fragment eines sogenannten Hedwigsbechers aus dem 12. Jahrhundert sowie ein Becher mit Punktmuster, der in die Zeit um 1300 datiert werden kann. Dieses möglicherweise aus Frankreich stammende Stück zählt ebenso zu den frühen Importgläsern in Lüneburg, wie einige Keulengläser und Fadenrippenbecher des 14./15. Jahrhunderts aus der Region Böhmen/Thüringen. Waldglasprodukte deutscher Hütten (hier insbesondere Weserbergland, Thüringen, Mecklenburg und Schleswig-Holstein) sind durch geläufige Trinkglasformen des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts wie optisch geblasene Becher mit Rippen- oder Kreuzrippendekor, des weiteren Krautstrünke und Keulengläser vertreten. Glasgefäße des 16. und 17. Jahrhunderts sind in Form von Stangengläsern, Berkemeiern und Römern sowie birnförmigen Flaschen und Henkelflaschen präsent.

Neben den Waldglaserzeugnissen heimischer Glashütten kommt den luxuriösen Trink- und Tischgeschirrgefäßen des 16. und 17. Jahrhunderts aus farblosem und farbigem Glas eine herausragende Stellung zu. So finden sich an Bechern und Kelchgläsern außer Emailbemalungen ebenso Goldblattauflagen sowie verschiedenfarbige Netz- und Fadenglasverzierungen. In Lüneburg ist nahezu das gesamte Spektrum an Formen und Dekoren der südniederländischen Glasbetriebe dieser Zeit gerade auch mit vielen Stücken früher Produkte à la façon de Venise vertreten! Parallelstücke aus Antwerpen und den südlichen Niederlanden aus dem Zeitraum von etwa 1550-1620 belegen die Handelsbeziehungen Lüneburgs zu dieser westeuropäischen Region recht eindrucksvoll. Zu den bemerkenswertesten Exemplaren jenes Herkunftsgebietes zählen nicht nur verschiedene Varianten von Flügelgläsern, sondern gleichfalls ein sogenannter Kometenbecher, der aus Fundkomplexen deutscher Städte bisher nur aus Köln bekannt ist.

Hinweise auf einen gehobenen Lebensstil liefern weiterhin Glasgefäße, die weniger funktionalen sondern eher dekorativen und repräsentativen Zwecken auf der Tafel dienten. Dazu gehören Scherzgläser und Zierflaschen wie auch Schalen, die durch ihre farbigen Glasmassen eine Ergänzung zu den Trinkgläsern bilden. Gerade Glasschalen waren relativ häufig auf den festlichen Tafeln der Lüneburger High Society vertreten. Grüne, blaue und rote Exemplare mit optisch- oder formgeblasenen Mustern, aufgelegten Fäden sowie Fußschalen, die zum Teil eine Goldblattauflage tragen, zeigen, dass gläserne Schalen in Lüneburg offenbar mehr als andernorts beliebt waren.

Stadt Lüneburg. Becher mit Emailbemalung. Niedersachsen, datiert 1658.
Stadt Lüneburg. Becher mit Emailbemalung. Niedersachsen, datiert 1658.

Unter den Glasobjekten des 18. Jahrhunderts finden sich neue Glasarten und Verzierungstechniken. So sind im Fundgut neben den "normalen" Glasarten nun auch Kristallgläser zu finden, Diamantgravuren und Mattschliffe sind sowohl an Bechern als auch an Kelchgläsern festzustellen. An einigen Mineralwasser- und Weinflaschen angebrachte Glassiegel belegen, aus welchen Hütten die Flaschen stammen, was sich in ihnen befand und für wen deren Inhalt bestimmte war. Trotz des reichen Fundmaterials auch für die jüngsten Epochen lässt sich die zurückgehende wirtschaftliche Bedeutung der Stadt Lüneburg ebenso an ihrer gläsernen Hinterlassenschaft ablesen: Die herausragenden Glasobjekte fehlen, der eindeutig überwiegende Anteil des Glasmaterials besteht aus durchschnittlichem Gebrauchsglas und Importe aus weit entfernten Regionen sind kaum noch vorhanden, da sich die Bewohner der Stadt nun mehr den Erzeugnissen der Glashütten aus der näheren Umgebung zuwenden.

Die Lüneburger Glaskomplexe vermitteln einen guten Eindruck von der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt durch die Jahrhunderte. Parallel zu der mit dem Salzhandel verbundenen wirtschaftlichen Entwicklung lassen sich anhand der Glasobjekte unterschiedliche Prosperitätsphasen ablesen. Gleichzeitig geben die Fundkomplexe Hinweise auf soziale Gruppen innerhalb der Stadt und sie weisen einige Grundstücke bestimmten Bevölkerungsschichten und Gewerben zu.

Zur Ausstellung "Glaskultur in Niedersachsen" mit dem Untertitel Tafelgeschirr und Haushaltsglas vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit ist ein von Edgar Ring für die Lüneburger Stadtarchäologie herausgegebener Katalog erschienen (= Archäologie und Bauforschung in Lüneburg, Bd. 5; Husum 2003; ISBN 3-89876-100-2; 200 Seiten, 245 zumeist Farbabbildungen; € 19,95) der nicht nur die interessantesten Glasobjekte vorstellt, sondern sich außerdem verschiedenen Themen zur Glashistorie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie der Glasproduktion widmet. Die schönsten Stücke der Lüneburger Glasbestände sind von Mitarbeitern des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege fachmännisch restauriert worden. Zusammen mit diesen Glasfunden werden noch aus weiteren Städten Niedersachsens Glasobjekte zu sehen sein, die in ihrer Gesamtheit einen facettenreichen Überblick zur niedersächsischen Glaskultur vermitteln. Es ist vorgesehen, die Wanderausstellung u.a. auch in Wolfenbüttel, Göttingen, Celle, Hannover, Jever und Plön zu zeigen.

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