25.09.2017 - 04:34:15

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Keilschriftarchiv entdeckt

Keilschriftarchiv entdeckt

Sensationeller Fund eines Königsarchiv aus der Späten Bronzezeit in Syrien

61 Tontafeln des königlichen Archivs, welches rund 3400 Jahre alt ist. Das Foto zeigt einige der Keilschrifttafeln in einer ebenfalls gefundenen Schale (Foto: Guenther Mirsch)
61 Tontafeln des 3400 Jahre alten königlichen Archivs

Einem archäologischem Team der Universität Tübingen gelang im September 2002 die sensationelle Entdeckung eines königlichen Archivs im altsyrischen Palast von Qatna, das aus bisher 63 Keilschrifttafeln besteht. Die Texte stammen aus der Zeit um 1400 vor Christus und berichten unter anderem detailliert über die politische Situation des Vorderen Orients am Beginn der Späten Bronzezeit.

Seit 1999 führt das Archäologenteam des Altorientalischen Seminars der Universität Tübingen (Leitung Prof. Dr. Peter Pfälzner) in Zusammenarbeit mit der Antikendirektion Syriens (Leitung Dr. Michel Maqdissi) und der Universität Udine (Leitung Dr. Daniele Morando Bonacossi) in Mischrife Ausgrabungen durch. Die Stadt liegt in dem heutigen Ruinenhügel Tall Mischrife in Westsyrien verborgen, ca. 18 km nordöstlich der modernen Großstadt Homs und 200 km nördlich der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Das deutsche Team konzentriert seine Arbeiten auf die Freilegung des Palastes im Zentrum der über 100 Hektar großen Stadtanlage, die von hohen, noch bis zu 20 m hoch aufragenden Verteidigungswällen umgeben war. Der am Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus errichtete Palast von Qatna stellt ein monumentales Bauwerk dar, das in der bronzezeitlichen Palastarchitektur Vorderasiens bisher beispiellos ist.

Das Gebäude liegt auf einer teils natürlichen, teils künstlichen Terrasse, die das Stadtgelände um 20 m überragt. Seine Fundamentmauern besitzen eine Breite von bis zu 10 Metern. Der Thronsaal ist mit 40 Metern Länge der ausgedehnteste seiner Art in der Bronzezeit. Ein Repräsentionsssaal von 36 mal 36 Metern Größe war mit einer Dachkonstruktion überdeckt, die auf nur vier monumentalen Säulen in der Raummitte auflag. Diese ehemals aus Holz bestehenden Säulen waren auf 5 Meter tief in die Erde hinab reichenden Stein- und Kiesfundamenten aufgesetzt.

Grabungsszene im Palast von Qatna. (Foto: Guenther Mirsch)
Grabungsszene im Palast von Qatna

Die Keilschrifttafeln wurden von dem Tübinger Archäologenteam in einem unterirdischen Korridor entdeckt, zu dem eine Flucht von Stufen vom Thronsaal aus hinab führt. Wohin dieser mysteriöse Korridor einst führte, ist noch ungeklärt. Dies soll bei den weiteren Ausgrabungen des Archäologenteams erforscht werden. Innerhalb des Korridors befand sich eine gut gesicherte Tür mit zwei hintereinander liegenden Durchgängen.

Der schwere Türrahmen aus Holz war zusammen mit den Dachbal-ken des Korridors bei einer Feuerkatastrophe zu Kohle verbrannt und auf den Fußboden des Raumes gestürzt. Die Archäologen mußten sich deshalb durch mehrere Lagen kreuz und quer übereinander gestürzter, verkohlter Holzbalken vorarbeiten. Zwischen diesem Brandschutt fanden sich die mit Keil-schrift eng beschriebenen Tontafeln.

Die Tontafeln müssen zum Archiv des Königs Idanda gehört haben, der um 1400 über die Stadt und das Reich von Qatna herrschte, über den bisher aber fast nichts bekannt war. In mehreren Briefen an den König wird ihm von Informanten über die aktuelle politische und militärische Situation Syriens berichtet. Zerstörungen von Städten in Syrien werden erwähnt, Königtümer im nördlichen Syrien aufgeführt, der Untergang des obermesopotamischen Reiches von Mittani verkündet, und der König des hethitischen Reiches in Anatolien wird mehrmals in Zusammenhang mit politischen und diplomatischen Aktivitäten genannt. Damit ergeben sich detaillierte Einblicke in die weltpolitische Lage der damaligen Zeit, in einem historisch brisanten Abschnitt der altorientalischen Geschichte.

Es handelt sich um die ersten in Syrien selbst gefundenen politischen Keilschrifttexte, die die geschichtlichen Abläufe dieser bewegten Epoche direkt schildern, die bisher vornehmlich durch die Texte der Ägypter und der Hethiter beleuchtet war. Gleichzeitig wird deutlich, daß die Könige von Qatna über einen Nachrichtendienst verfügten, durch welchen sie über politische Ereignisse und Entwicklungen der Zeit aktuell und direkt unterrichtet wurden.

Die Tontafeln des Königsarchivs werden entdeckt (Foto: Guenther Mirsch)
Die Tontafeln bei der Entdeckung

Wie der Frankfurter Philologe Dr. Thomas Richter, der die Texte unmittelbar nach ihrer Auffindung lesen konnte, feststellte, bestand das königliche Archiv nicht nur aus politischen Briefen, sondern auch aus Verwaltungsdokumenten des Staates von Qatna, aus Inventarlisten von Gegenständen, die wahrscheinlich im Palast aufbewahrt wurden, und aus rechtlichen Urkunden, die zum Beispiel über die Freilassung von Sklaven handeln. Damit läßt sich ein tief gehender Einblick in das Leben und das Handeln in einem königlichen Palast der Bronzezeit in Syrien erhalten.

Interessanterweise besteht die Sprache dieser Texte aus einer Mischung zwischen Akkadisch und Hurritisch, die in dieser Form bisher ebenfalls eine Neuentdeckung ist und die Kultur des Hofes von Qatna kennzeichnen dürfte.

Die Stadt Qatna war eine wichtige Handelsmetropole und Zentrum eines Königreiches in der Zeit zwischen 1800 und 1400 vor Christus. Sie kontrollierte die Handelswege zwischen Mesopotamien und dem Mittelmeer, sowie zwischen Anatolien und Ägypten. Das Königshaus von Qatna dominierte zeitweilig den überwiegenden Teil Westsyriens.

Die Arbeiten in Qatna werden in diesem Sommer noch bis zum 11. Oktober andauern. In nächsten Sommer sollen die Grabungen fortgesetzt werden. Mit weiteren Textfunden des Archives von Qatna ist zu rechnen. Mit großer Spannung sehen die Archäologen der Klärung des Rätsels entgegen, wohin der mit dem Brandschutt gefüllte unterirdische Korridor einst geführt haben mag. Schon jetzt ist die große historische Bedeutung dieser neuen Entdeckungen offenkundig, da bisher in Syrien nur drei königliche Archive der Bronzezeit - und keines aus der Zeit um 1400 vor Christus - bekannt waren.