30.08.2016 - 06:51:14

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Multikulturelles Usedom

Archäologische Untersuchungen in der Stadt Usedom, Kr. Ostvorpommern

Die im Süden der Insel Usedom gelegene gleichnamige Stadt ist heute gegenüber den "Kaiserbädern" an der Ostseeküste etwas an die Peripherie gerückt: Die meisten Touristen nutzen nur die Umgehungsstraße auf dem Weg zum Meer. Im Mittelalter war Usedom aber der unbestrittene Hauptort der Insel. Spätestens im 10. Jahrhundert entstand am Ufer des Usedomer Sees, der über den Peenestrom und das Haff mit dem Meer verbunden war, ein wirtschaftlich-politisches Zentrum von großer Bedeutung: Der Burgwall "Bauhof", zu dem im 12. Jahrhundert der "Schlossberg" trat, eine Art großer Turmhügel. Vom Gelände des Bauhofs liegen zahlreiche Lesefunde vor, die auf Handwerk (u. a. Bernstein-, Buntmetall-, Glasbearbeitung, Schmiede, Kammacherei, sonstige Geweih- und Knochenschnitzerei) sowie Handel (Waagen und Gewichte, Münzen, zahlreiches Fremdgut mit skandinavischen und baltischen, polnischen und russischen Bezügen) hinweisen. Der Platz hatte seine größte Bedeutung im 12. Jahrhundert, was auch am Besuch Ottos von Bamberg bei seiner zweiten Missionsreise im Jahre 1128 deutlich wird. Infolgedessen beschlossen die in ‚Usedom versammelten slawischen Großen der Region, das Christentum anzunehmen. Später fiel der "Bauhof" zugunsten der Rechtsstadt, die seit dem 13. Jahrhundert südwestlich davon entstand, wüst.

Der "Bauhof" war der Mittelpunkt einer größeren Siedlungsagglomeration, zu der mehrere offene, z. T. archäologisch untersuchte Siedlungen gehörten ("Mühlenberg", "Amtswiek" u. a.), insbesondere auch der Ort Grobe, in dem gegen 1155 das Prämonstratenserkloster Grobe begründet wurde (zum archäologischen Forschungsstand vgl. die Beiträge bei Mangelsdorf 1995; Metz 1998).

In Usedom finden seit mehreren Jahren in intensiver Form archäologische Rettungsgrabungen statt, durch das Archäologische Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern (Lübstorf) und mit Unterstützung der Stadt Usedom (unter örtlicher Leitung von H. Fries, A. Pollex, A. Schmid-Hecklau, J. Weber u. a.). Dabei konnten wichtige Hinweise zur Entstehung der Rechtsstadt, zum Charakter der frühgeschichtlichen Siedlungsagglomeration um den "Bauhof" sowie zu den zugehörigen Gräberfeldern gewonnen werden. In enger Kooperation zwischen dem Landesmuseum und der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald sollen der Charakter und die Entwicklung Usedoms nun genauer erforscht werden, wobei im Vordergrund zunächst die Auswertung der Notgrabungen steht.

Ausgrabungen an spätslawischen Gräbern in der Flur "Am Hain" in Usedom. (Foto: F. Biermann)
Ausgrabungen an spätslawischen Gräbern in der Flur "Am Hain" in Usedom. (Foto: F. Biermann)

Im Bereich des nur wenige 100 m vom "Bauhof" entfernten Gräberfelds "am Hain" übernahm der Verfasser im Sommer 2001 die der Bebauung vorangehenden Untersuchungen, finanziert durch das Landesmuseum, die Universität Greifswald und die Stadt Usedom. Diesjährig konnten auf dem ausgedehnten Friedhof, der bereits in den letzten Jahren mehrfach untersucht worden war, gut 30 Bestattungen freigelegt werden: Kinder-, Frauen und Männergräber, stets Körperbestattungen, in ganz unterschiedlichen Ausrichtungen, mit sehr unterschiedlichen Grabtiefen und oft in Särgen. Die bereits bei den vorangegangenen Untersuchungen festgestellten skandinavischen Einflüsse in Bestattungsbrauch und Beigaben ließen sich u. a. an einem schiffsförmigen Sarg bestätigen. Als Beigaben kamen in einigen Gräbern Perlen aus Glas und Halbedelstein, Münzen, Schläfenringe, Messer, Spinnwirtel, Geweihkämme, Tongefäße usw. vor; die Gräber waren also gut, aber nicht reich ausgestattet, und bezeugen teilweise deutlich einen heidnischen Hintergrund. Die Datierung kann vorläufig in das 10.-12. Jahrhundert erfolgen.

Das Gelände des Gräberfelds, ein zum Usedomer See hin abfallender, siedlungsgünstiger Südhang, wurde bereits in der späten Bronze-/frühen Eisenzeit genutzt: Unter dem Gräberfeld befanden sich fundreiche Kulturschichten und gegen 100 Gruben dieser Zeitspanne, darunter tiefe Silogruben, Pfostenstandspuren, steingesetzte Feuerstellen u. a. Die Funde geben ein typisches Siedlungsinventar wieder: ein reiches Keramikmaterial, Silex- und Geweihgerät.

Die ältesten menschlichen Spuren am Platze des späteren Gräberfeldes stammen schließlich aus dem Neolithikum. Unter dem gelben Sand, von dem aus die spätbronze-/früheisenzeitlichen Gruben abtieften, kam eine Schicht grauen Sandes mit einigen Gruben zum Vorschein, in der sich zahlreiche Feuersteinartefakte, das Fragment einer Steinaxt, eine Bernsteinperle und recht viel Tonware bergen ließ. Letztere ist sehr qualitätvoll, mit Schnüren und Knubben verziert und zur Schnurkeramik zu zählen. Die Größe der Fundmenge spricht für eine intensive Nutzung dieses Areals in jener frühen Zeit.

Die Untersuchungen "am Hain" sollen bei weiterer Ausweitung des Bauvorhabens fortgesetzt werden.

Literatur

  • Mangelsdorf 1995 - G. Mangelsdorf (Hrsg.), Die Insel Usedom in slawisch-frühdeutscher Zeit. Greifswalder Mitt. Zur Ur- u. Frühgesch. 1 (Frankfurt-Berlin-Bern-New York-Paris-Wien 1995)
  • Metz 1998 - B. Metz (Hrsg.), Usedom - Geschichte und Geschichten (Usedom 1998)

Kommentare

Ingemar Oscarsson, 31.07.2015 19:06
Very interesting! Has anyone connected the findings to the possibilities that Vineta/Jumne/Jomsborg might have been placed here? At least I have come to that conclusion even before I read about Am Hain. Thankful for more information about the findings and the plans for digging in the future. I could on my hand in that case explain my conclusion (based on what Adam of Bremen really wrote)
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