"Eine neue Archäologie für das Zeitalter des Menschen"

Spärlich bekleidete Grabräuberinnen und schweigsame Gelehrte, die Tonscherben zusammensetzen – diese Stereotypen dominieren die öffentliche Wahrnehmung von Archäologie. Doch zwischen diesen Bildern und der Archäologie des 21. Jahrhunderts liegen Welten. In einer breitangelegten Übersichtsarbeit erkunden Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte eine durch und durch moderne wissenschaftliche Disziplin und zeigen, welchen Beitrag die Archäologie zur Bewältigung der gewaltigen Herausforderungen des Anthropozäns leisten kann.

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Angkor Wat in Kambodscha
Archäologische Studien von agrarisch geprägte Städten mit geringer Bevölkerungsdichte, wie z.B. das antike Angkor Wat in Kambodscha, werden zunehmend genutzt, um die Entwicklung von nachhaltigeren urbanen Zentren zu unterstützen. (Foto: Alison Crowther)

Indiana Jones und Lara Croft haben eine Menge zu verantworten. Die öffentliche Wahrnehmung von Archäologie ist oft vollkommen veraltet, und diese Charaktere tragen wenig dazu bei, das Bild zu korrigieren. Dabei hat Archäologie, wie sie heute praktiziert wird, so gut wie keine Ähnlichkeit mit den in Filmen und Videospielen dargestellten Grabplünderungen. Selbst mit den wissenschaftlicheren Darstellungen im Unterhaltungsbereich hat sie nur geringe Ähnlichkeiten.

Ein kürzlich in Nature Ecology and Evolution veröffentlichter Artikel möchte diesen realitätsfernen Darstellungen ein anderes Bild entgegen setzen. Er zeigt eine Archäologie, die von Wissenschaftler/-innen in weißen Laborkitteln mit Hilfe einer millionenschweren Ausrüstung und modernster Computertechnologie betrieben wird. Die Arbeit beschreibt auch eine Archäologie, die in erheblichem Maße dazu beitragen kann, durch und durch modernen Herausforderungen, wie dem Erhalt der biologischen Vielfalt, der Ernährungssicherheit und dem Klimawandel, zu begegnen.

"Archäologie ist heute eine vollkommen andere Disziplin als noch vor einem Jahrhundert", erklärt Nicole Boivin, Hauptautorin der Studie und Direktorin der Abteilung für Archäologie des Instituts. "Die Grabräuberei, wie wir sie in Filmen sehen, ist übertrieben. Aber die Archäologie selbst war ihr in der Vergangenheit wahrscheinlich ähnlicher als der heutigen Archäologie. Im Gegensatz dazu ist ein Großteil der heutigen Archäologie sehr naturwissenschaftlich ausgerichtet und zielt auf die Lösung von Problemen der heutigen Zeit ab."

Durch die Betrachtung der Forschungsbeiträge des Fachgebiets in den letzten Jahrzehnten kommen die Autorinnen zu einem klaren Schluss – die moderne Archäologie hat viel dazu beigetragen, gegenwärtige Herausforderungen zu bewältigen. "Der Mensch ist heute zu einer der großen Kräfte geworden, welche die Natur prägen", betont Alison Crowther, Koautorin und Wissenschaftlerin an der Universität von Queensland und am MPI für Menschheitsgeschichte. "Indem wir sagen, dass wir in ein neues, vom Menschen dominiertes geologisches Zeitalter, das Anthropozän, eingetreten sind, erkennen wir diese Rolle an."

Wie kann die Archäologie, eine Disziplin, die sich auf die Vergangenheit konzentriert, versuchen, den Herausforderungen des Anthropozäns zu begegnen? "Es ist klar, dass die Vergangenheit ein riesiges Repertoire an kulturellem Wissen bietet, das wir nicht ignorieren können", unterstreicht Professor Boivin. Indem die archäologische Forschung analysiert, was in der Vergangenheit funktionierte und was nicht - wodurch sie sozusagen Langzeitexperimente mit menschlichen Gesellschaften auswertet - gewinnt sie Erkenntnisse über die Faktoren, die Nachhaltigkeit und Resilienz fördern oder ihnen entgegenstehen.

Die Autorinnen weisen auch darauf hin, wie Lösungen aus der Vergangenheit helfen, heutige Probleme zu bewältigen. "Indem sie Informationen darüber nutzten, wie Menschen in der Vergangenheit Böden anreicherten, zerstörerische Brände verhinderten, grünere Städte schufen und Wasser ohne fossile Brennstoffe transportierten, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu beigetragen, die moderne Welt zu verbessern", erklärt Dr. Crowther.

Die Menschen nutzen und adaptieren zudem bis heute Technologien und Infrastrukturen, darunter Terrassen- und Bewässerungssysteme, die in einigen Fällen Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt sind. Die Wissenschaftlerinnen möchten jedoch insbesondere die anhaltende Bedeutung technologischer und sozialer Lösungen für den Klimawandel und die anderen Herausforderungen des Anthropozäns hervorheben. "Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu verherrlichen oder den Fortschritt zu verteufeln", betont Professor Boivin. "Stattdessen geht es darum, das Beste aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenzubringen, um einen verantwortungsvollen und konstruktiven Kurs für die Menschheit zu erarbeiten.“

Auf der ganzen Welt finden wir heute viele Beispiele dafür, wie frühere kulturelle und technologische Praktiken und Lösungen wiederbelebt werden, um die drängenden Herausforderungen der Umwelt- und Landbewirtschaftung anzugehen. Beispiele hierfür sind (von links nach rechts) die Mobilisierung der alten Terra-Preta (anthropogene dunkle Erde) -Technologie, die Wiederbelebung des "Landesque Capital" (durch langfristige Landschaftsinvestitionen geschaffenes landschaftliches Kapital) und die Nutzung traditioneller Brandschutzsysteme. (Abb. Michelle O'Reilly, MPI-SHH)
Publikation

Nicole Boivin and Alison Crowther

Mobilizing the past to shape a better Anthropocene

Nature Ecology & Evolution. 18.1.2021
DOI: 10.1038/s41559-020-01361-4