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16.12.2004 12:47

Tübinger Forscher entdeckten neue eiszeitliche Flöte aus Mammutelfenbein

Michael Seifert Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Bei Ausgrabungen der Universität Tübingen in der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren im Schwäbischen Jura wurde ein neues Musikinstrument gefunden, das deutlich älter als 30.000 Jahre alt ist. Bei dem Fund handelt es sich um eine sorgfältig aus Mammutelfenbein geschnitzte Flöte, die zu den ältesten Musikinstrumenten der Erde zählt.

    Bei Ausgrabungen der Universität Tübingen in der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren im Schwäbischen Jura wurde ein neues Musikinstrument gefunden, das deutlich älter als 30.000 Jahre alt ist. Bei dem Fund handelt es sich um eine sorgfältig aus Mammutelfenbein geschnitzte Flöte, die zu den ältesten Musikinstrumenten der Erde zählt. Nicholas Conard, der Leiter des Forscherteams, und Mitarbeiter berichten von dieser Entdeckung in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Archäologisches Korrespondenzblatt.

    Die Elfenbeinflöte wurde in diesem Jahr im Zuge der Fundplatzauswertung bei der Durchsicht zahlloser Elfenbeinfragmente entdeckt. Die mit mindestens drei Löchern versehene 18,7 cm lange Flöte wurde aus insgesamt 31 bearbeiteten Elfenbeinfragmenten zusammengesetzt. Gemeinsam mit den bereits zuvor in denselben Ablagerungen entdeckten Flöten aus Vogelknochen hat das Geißenklösterle nunmehr drei der ältesten weltweit bekannten Musikinstrumente geliefert. Die Funde dokumentieren, dass die Ursprünge der Musik bis in das europäische Eiszeitalter vor mehr als 30.000 Jahren zurückverfolgt werden können.

    Die stark fragmentierte Elfenbeinflöte lag an der Basis der oberen Aurignacienschichten des Fundplatzes und ist damit vielleicht das älteste der drei Musikinstrumente. Das Aurignacien ist die erste kulturelle Einheit des Jungpaläolithikums und datiert in die Zeit, in der Europa sowohl von den letzten Neandertalern, als auch von den ersten anatomisch modernen Menschen besiedelt wurde. Die genannten Ablagerungen des Geißenklösterle werden durch insgesamt 16 14C- Daten auf 36.000 - 30.000 Jahre vor heute datiert. Eine andere Datierungsmethode, die Thermolumineszenz, hat zwei Daten von ca. 37.000 Jahren vor heute geliefert. Damit sind die drei Flöten vom Geißenklösterle deutlich älter, als sämtliche sonstigen bekannten Musikinstrumente und zeigen, dass Musik im Leben unserer eiszeitlichen Vorfahren eine bedeutende Rolle gespielt hat.

    Die angewandte Technik, die Flöte aus hartem Elfenbein zu schnitzen, ist weitaus höher einzustufen, als ein solches Instrument aus hohlen Vogelknochen herzustellen. Die Elfenbeinflöte wurde aus zwei vorsichtig geschnitzten Hälften geschnitzt, die dann am perfekt ausgearbeiteten luftdicht abschließenden Saum zusammengebunden und -geklebt wurden.

    Die aurignacienzeitlichen Bewohner der Schwäbischen Alb waren handwerklich geschickte Künstler, auf die ebenfalls viele Beispiele der ältesten figurativen Kunst zurückgehen. Diese kleinen Elfenbeinfiguren stammen vom Geißenklösterle und aus drei weiteren Höhlen der Schwäbischen Alb. Das Geißenklösterle ist aber die einzige dieser Fundstellen, in der Musikinstrumente entdeckt wurden. Die herausragenden Funde aus den Höhlen des Schwäbischen Jura weisen die Region als eines der Schlüsselgebiete frühester kultureller Innovationen am Beginn des Jungpaläolithikums aus. Sie spielen eine bedeutende Rolle bei der weltweit geführten Diskussion um die Ursprünge kultureller Modernität. Sie zeigen, dass die Bewohner des europäischen Eiszeitalters vor nicht weniger als 35.000 Jahren in kultureller Hinsicht bereits auf dem Niveau historisch belegter Bevölkerungen standen und ein voll entwickeltes modernes Verhalten zeigten.

    Von Friedrich Seeberger, einem Spezialisten für archäologische Musik, durchgeführte Experimente belegen, dass mit den aurignacienzeitlichen Flöten eine variantenreiche und nach heutigen Maßstäben ästhetisch ansprechende Musik gespielt werden kann. Auch wenn nicht bekannt ist, welche spezifischen Melodien die steinzeitlichen Musiker spielten, konnte Seeberger mit modernen Rekonstruktionen der Flöten die Notenbandbreite sowie die möglichen Tonkombinationen simulieren.

    Im Anschluss an die am 16. Dezember 2004 in der Abteilung für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie im Schloss Hohentübingen durchgeführte Pressekonferenz wird die neue Flöte die Flöten aus Vogelknochen in der derzeit im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart zu diesem Thema gezeigten Sonderausstellung ergänzen.

    Fotos im Internet:

    http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pm/pm2004/pm824.html

    Für Nachfragen:

    Prof. Nicholas Conard Ph. D.
    Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters
    Burgsteige 11 (Schloss)
    72070 Tübingen
    Tel.: (07071) 29-72416
    Fax: (07071) 29-5714
    E-Mail: ni c h o l a s . c o n a r d @ uni-tuebingen.de

    EBERHARD KARLS UNIVERSITÄT TÜBINGEN
    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit · Michael Seifert
    Wilhelmstr. 5 · 72074 Tübingen
    Tel.: 0 70 71 · 29 · 7 67 89 · Fax: 0 70 71 · 29 · 5566
    E-Mail: michael.seifert@verwaltung.uni-tuebingen.de
    Wir bitten um Zusendung von Belegexemplaren!


    Weitere Informationen:

    http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pm/pm2004/pm824.html


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geowissenschaften, Geschichte / Archäologie, Kunst / Design, Musik / Theater
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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