Über die Folgen des Krieges für die Archäologie

Ein Neubeginn für die Erforschung des Irak nach dem Sturz Saddam Husseins?

von: Alexander Collo
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Der Einschlag einer 1000 Pfund schweren Bombe in einer Grabungsfläche hat fatale Folgen für die Dokumentation. Denn die dadurch entstehende Dokumentationslücke und der gesamte Bereich ist für die Forschung verloren. Bisher sind bereits mehr als 9000 Bomben in wenigen Wochen des Krieges gefallen. Die Konsequenzen des Bombardements versuchte auch McGuire Gibson, Professor am traditionsreichen Oriental Institute von Chicago vor einigen Wochen dem Pentagon klarzumachen. Als das Pentagon, das sich von Experten im Vorfeld des Krieges Rat einholen wollte, ihm eine Karte mit etwa 150 schützenswerten archäologischen Stätten gab, ergänzte Gibson die Karte, um nicht weniger als 4.000 Orte. Dabei dürfte die tatsächliche Zahl der archäologischen Stätten im Irak wohl über 10.000 betragen, die nun potentiell gefährdet sind - bei einem Krieg diesen Ausmaßes wird es kaum möglich sein, jede einzelne davon zu berücksichtigen.

Die Protestwelle der Archäologen gegen den Krieg ist geschlossen, denn sie kennen die gravierenden Folgen eines Krieges für die Archäologie bereits von den beiden vorangegangenen Golfkriegen. Dass dieser Protest zur Beendigung des Krieges die amerikanische Regierung wohl wenig interessieren dürfte, bedarf kaum einer Erklärung angesichts der Tatsache, dass Menschleben in den Augen des Präsidenten als Kolateralschäden gelten. Auch die UNESCO zeigte vor Ausbruch des Krieges ernsthafte Besorgnis über die Folgen des amerikanischen Luftbombardements für die historisch bedeutenden Stätten. Dabei wurde den Soldaten nahegelegt, besonders auf Hügel achten - denn im flachen Süden des Landes sind diese mit fast hundertprozentiger Sicherheit keine natürlichen Hügel, sondern sogenannte Tells, durch den Bauschutt mehrerer Generationen entstandene Siedlungshügel. Außerdem wurden die Soldaten über die wichtigsten archäologischen Stätten instruiert - was immer das auch heißen mag. Fakt ist, dass die Zahl der fallenden Bomben die des zweiten Golfkrieges um ein Vielfaches übersteigen wird, denn dieses Mal soll der gesamte Staat nicht nur sanktioniert, sondern vollständig aus den Angeln gehoben werden.

Die schwerwiegendeste Folge des Krieges für die Archäologie besteht allerdings nicht in der Zerstörung durch das Bombardement, sondern darin, dass die Erforschung des Irak seit mehreren Jahrzehnten blockiert ist und mit jedem neuen Krieg die gerade erst entwickelten Strukturen des Antikendienstes wieder zusammenbrechen. Was den Archäologen in Ländern wie Jordanien, Syrien, der Türkei und neuerdings auch dem Libanon gelungen ist, nämlich über einen längeren Zeitraum hinweg einen gut organisierten und handlungsfähigen Antikendienst aufzubauen, ist im Irak so gut wie unmöglich. Dabei sind die Antikendienste in den orientalischen Ländern das zentrale Organ für Ausgrabungen. Hier werden die Ergebnisse jeder Grabungskampagne im Land festgehalten, hier wird jeder Kleinfund aus den Grabungen eingereicht, jedes bewahrenswerte Stück im Magazin bis zur Bearbeitung aufbewahrt. Kurzum: ein funktionierender Antikendienst ist der Dreh- und Angelpunkt einer jeden Ausgrabung im Orient. Eine der wenigen Ausnahmen sind die "Königinnengräber von Nimrud", die irakische Archäologen direkt nach dem Ende des ersten Golfkrieges entdeckten. Sie stellen einen Höhepunkt der Vorderasiatischen Archäologie der vergangenen Jahrzehnte dar, doch für die Publikation blieb kaum noch Zeit, denn die kurzfristige Blüte der irakischen Archäologie wurde durch den Ausbruch des zweiten Golfkriegs schnell beendet.

Der Fall eines neuen "altorientalischen" Herrschers?

Natürlich muss auch die andere Seite betrachtet werden, denn das irakische Regime übt großen Einfluss auf die Ausgrabungen im Land aus: so erhielten im Gegensatz zu den deutschen oder den französischen Archäologen, die amerikanischen und die britischen Archäologen nach dem zweiten Golfkrieg keine Grabungserlaubnis mehr für den Irak. Saddam Hussein ist jedoch kein Verächter der Vergangenheit, denn er weiß die Mechanismen historischer Traditionen für seine eigene Politik gut zu nutzen. Genaugenommen ist er ein Herrscher, wie ihn die assyrische Geschichte nicht besser hätte schreiben können: militärische Niederlagen werden der Bevölkerung als Siege präsentiert und durch seine offensichtliche Bildpropaganda, die ihn als omnipräsenter Übervater des Landes darstellt, scheint er ganz offen mitteilen zu wollen: big brother is watching you. Saddam Hussein ist das politische und ideologische Zentrum des Landes, und mit seinen Mechanismen der Machtsicherung stellt er sich in eine Tradition, die es in dieser Form seit Jahrtausenden, seit der Herrschaft der Neuassyrer vom 10. bis zum 7. Jahrhundert vor Christus, im Irak nicht mehr gegeben hat.

Ein akademisches Fach im Hintertreffen

Durch den nunmehr dritten Krieg, mit dem der Irak in zwei Jahrzehnten konfrontiert wird, ist das Kernland der Vorderasiatischen Archäologie in der vergangenen Zeit für die Forschung kaum noch erschließbar gewesen. Die meisten Grabungsprojekte wurden abgebrochen oder gar nicht erst angefangen. Zu den wenigen Ausnahmen zählt u. a. das Deutsche Archäologische Institut, das seine Ausgrabungen in der tief im Süden gelegenen Stadt Uruk trotz der permanenten Kriegsgefahr konsequent weitergeführt hat. Auch das "Assur-Projekt", ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer deutscher Institute und dem irakischen Departement of Antiquities, wurde trotz der Sanktionen durch die Vereinten Nationen im Jahre 1999 wieder aufgenommen, nachdem es aufgrund der brisanten politischen Situation im Irak für zehn Jahre unterbrochen worden war. Zum jetzigen Zeitpunkt befinden sich keine ausländischen Archäologen mehr im Irak, da ihnen bereits im vergangenen Jahr aufgrund des drohenden Krieges die Grabungsbefugnis untersagt wurde.

Die ungünstigen Bedingungen für Ausgrabungen im Irak haben dazu geführt, dass die Forschung der Vorderasiatischen Archäologie sich zunehmend auf die Bereiche Syrien und die Südosttürkei konzentriert hat. Zweifellos hat auch diese Schwerpunktverlagerung zu wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen geführt - ein Höhepunkt ist die Entdeckung der Fürstengräber in Qatna im Norden Syriens durch die Tübinger Archäologen. Doch die glanzvollen Zentren der mesopotamischen Geschichte liegen alle im Irak - begonnen mit der ersten "Großstadt" Uruk als Zentrum eines weitreichenden Handelnetzes, über das noch nicht genau lokalisierte Akkad, das in der Gegend von Bagdad vermutet wird bis hin zum nördlichen Assur, das mit dem im Süden gelegenen Babylon im zweiten und ersten Jahrtausend vor Christus konkurrierte.

In Anbetracht dieser Tatsache klingt es fast wie ein schlechter Witz, dass in der vermeintlichen "Wiege der Menschheit" nur eine einzige archäologische Stätte, die Partherstadt Hatra, zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Es ist nicht so, dass es keine Bemühungen gäbe, auch die Städte Ur im sumerischen Süden oder das assyrische Ninive bei Mosul in die Liste des denkmalgeschützten Welterbes aufzunehmen - allein im Jahr 2000 gab es sieben Anträge auf die Ernennung von historischen Stätten im Irak. Doch vor einer langfristigen Stabilisierung der Region dürfte mit dem Schutz der irakischen Denkmäler wohl kaum zu rechnen sein.

Wie wenig die irakische Regierung an historischen Tatsachen wirklich interessiert ist, zeigt die Verfolgung der "Assyrer", einer im Nordirak lebenden Ethnie, die ihre kulturellen Wurzeln auf die Assyrer, Babylonier und Chaldäer zurückführt. Sie sprechen eine Spätform des Aramäischen, der altorientalischen lingua franca des ersten Jahrtausends vor Christus, und tragen Namen von altorientalischen Herrschern wie Sargon oder Hammurabi.

Die Assyrer bilden, nach den Arabern und den Kurden, die drittgrößte Bevölkerungsgruppe des Irak, wo ihre Zahl auf eine Millionen geschätzt wird. Während infolge der blutigen Auseinandersetzungen zwischen der PKK und den türkischen Soldaten die Zahl der Assyrer in der Türkei von ca. 150000 in den siebziger Jahren auf etwa 10000 schrumpfte, wurden seit dem Aufstieg der Baath-Partei auf irakischer Seite mehr als 200 Dörfer der Assyrer zerstört, 150 Kirchen und Klöster niedergebrannt und zahlreiche Assyrer in irakische Arbeitslager deportiert. Etwa 40000 Assyrer kamen nach dem zweiten Golfkrieg durch die irakischen Regierungstruppen ums Leben.

Im Süden des Landes hingegen hielten sich die Schiiten nach dem zweiten Golfkrieg im Marschland versteckt. Von der einst idyllischen Landschaft, die schon in sumerischen Texten des dritten Jahrtausend vor Christus beschrieben wird und die noch vor dem Ausbruch des ersten Golfkrieges unangetastet war, zeugen heute nur noch Salzrückstände der ausgetrockneten und mit Napalm ertränkten Sumpflandschaft.

In diesem Punkt ist Saddam Hussein ein echter "altorientalischer" Herrscher. Auch der neuassyrische König Sanherib (704-781 vor Christus) berichtete in grausamem Detailreichtum von seinem Feldzug gegen die Babylonier, die sich, wie vor einem Jahrzehnt die schiitischen Gegner des irakischen Regimes, in den südbabylonischen Marschen vor dem assyrischen Heer versteckten - und dem Kampf verloren. Die buchstäbliche Ausrottung der "Marschlandbewohner" verbindet Saddam Hussein durchaus mit der Machtpolitik der neuassyrischen Herrscher vor etwa 2700 Jahren. Allerdings waren die militärischen Mittel Saddam Husseins bei seinem Feldzug moderner und folgenschwerer: die von den Medien damals weitgehend ignorierte ökologische Katastrophe, die durch die Zerstörung dieses einzigartigen Naturraumes entstanden ist, und auf die einzelne Umweltschutzorganisationen nach dem zweiten Golfkrieg vergeblich hinzuweisen versuchten, findet erst jetzt im Zuge des neuen Krieges in der Öffentlichkeit Gehör. Dass es dazu erst eines Krieges bedurfte, der wohl weniger in der Vermeidung ökologischer Schäden als eher in der Plünderung von Rohstoffen begründet ist, zeichnet auch den amerikanischen Präsidenten als echten "altorientalischen" Strategen in diesem Krieg aus.

Die Zeit nach dem Krieg

Die Folgen des zweiten Golfkrieges seit dem Jahr 1991 waren für die Archäologie verheerend: die durch den Krieg zerstörte Infrastruktur und die Sanktionen durch die Vereinten Nationen ließen die Zahl der Raubgrabungen archäologischer Stätten im Irak schlagartig in die Höhe schießen. Die undokumentierten bzw. unstratifizierten Funde aus den illegalen Grabungen, die meist in den Händen privater ausländischer Sammler landen, sind für die Wissenschaft unbrauchbar - selbst wenn sie irgendwann ihren Weg ein Museum finden sollten.

Nicht nur die Grabungsstellen selbst, sondern auch neun von dreizehn Museen im Irak wurden nach dem zweiten Golfkrieg ausgeraubt, nachdem die Exponate aus Furcht vor der Zerstörung durch den amerikanischen Bombenhagel in den Großstädten zeitweise umgelagert wurden. Einer der schmerzhaftesten Fälle für die Archäologen sind die Zerstörungen im Palast des Sanherib in Ninive, das am Rande der Millionenstadt Mosul liegt - der Stadt, die neben Bagdad und Kirkuk zur Zeit mit einem Bombenteppich bedeckt wird. Hier hatten die Plünderungen gleichzeitig die Zerstörung der berühmten Reliefs zur Folge, die bis dahin eine Attraktion für Besucher des Irak darstellten und für die Wissenschaftler ein wichtiges Dokument der neuassyrischen Geschichte darstellt.

Auch für die Zeit nach dem dritten Golfkrieg werden die bisherigen Probleme für die Archäologie im Irak fortbestehen. Das Problem von Raubgrabungen, die für Einheimische meist die einzige Möglichkeit bieten, sich in den Zeiten des Krieges den Unterhalt zu sichern, wird dabei weiterexistieren. Auch dieser Krieg, für den die Vereinten Nationen sowie das internationale rote Kreuz bereits eine "humanitäre Katastrophe" prognostiziert haben, wird nicht ohne Folgen für die archäologische Forschung im Irak sein. Denn wie das Beispiel der an den Irak angrenzenden Länder demonstriert, ist es eine langwierige Aufgabe, einen gut funktionierenden Antikendienst zu organisieren. Es bleibt zu hoffen, dass die von den Amerikanern angekündigte Stabilität und die von den Archäologen lang ersehnte Förderung der Fundstellen durch die Vereinten Nationen endlich die notwendige Basis für die Erforschung des Irak bringen wird. Die meisten Archäologen blicken jedoch schon jetzt desillusioniert auf den wissenschaftlichen Trümmerhaufen, den auch dieser Krieg zweifellos produzieren wird.