Kooperation

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)
Wirkungsgeschichte und Rolle des Mythos Varusschlacht in der europäischen und deutschen Geschichte seit dem 15. Jh..

von Klaus Kösters -

500 Jahre Mythos

Nach 1945 war das Thema „Germanen" lange Zeit tabuisiert. Die rassische Germanentümelei der Nazis hatte eine Blut-und-Boden-Ideologie und eine völkische Rassenlehre hervorgebracht, die in letzter Konsequenz zur Ermordung von Millionen Menschen führte. Zu viele Fachwissenschaftler und vermeintliche Germanenexperten hatten sich an dieser fragwürdigen Germanenideologie der Nazis beteiligt.

Das Bild von Arminius und der Varusschlacht wandelte sich. Arminius wurde von allem deutschtümelnden, nationalen Pathos befreit und das Hermannsdenkmal zu einer unpolitischen Touristenattraktion.

Arminius als Symbolfigur für das deutsche Selbstbewusstsein sowie der Mythos von den edlen, naturverbundenen und wehrhaften Germanen hatten 500 Jahre lang das Selbstbild der Deutschen geprägt und auf dem Weg zur Nationenbildung begleitet. Der historische Arminius war auf diesem langen Weg irgendwann völlig verloren gegangen und wurde durch einen neuen ersetzt, der nicht nur zum deutschen Nationalhelden aufsteigen, sondern der auch wie ein Chamäleon seine Farbe den aktuellen politischen Tagesbedürfnissen anpassen konnte. Aus dem antiken Rom wurde zunächst die Römische Kirche, dann alles Romanische, das voll „welscher Tücke" steckende Frankreich, schließlich das von der Aufklärung geschaffene liberale Gedankengut des Westens, seine republikanisch-demokratischen Prinzipien und die sie vertretenen Parteien, weiterhin auch alle nicht-germanischen/arischen Rassen, welche das als „germanisch" erklärte Deutschtum oder die „germanisch" definierte deutsche Nation wie auch immer bedrohten. In dieser ihm zugewiesen Rolle stieg Arminius zum Befreier und Freiheitshelden aller Deutschen auf. Und das ist ein zweiter Strang dieser Argumentation: Denn die Germanen der Römerzeit wurden kurzerhand zu den deutschen Vorfahren gemacht und ihre von Tacitus attestierten (nur) guten Eigenschaften auf alle Deutschen übertragen. Diese Gleichsetzung Germanen-Deutsche und die einseitige betonung des germanischen Erbes sind zwar historisch falsch, aber dennoch haben sie in der Entwicklung des deutschen Nationalbewusstseins eine prägende - und nicht immer positive - Rolle gespielt.

Dieser im Mythos neu geschaffene Arminius war in seiner langen Rezeptionsgeschichte nie ein Vorbild für Völkerverständigung und Pazifismus gewesen, sondern immer ging es um einen militärischen Sieg, der gegen alle aktuellen Gegner der Deutschen immer wieder errungen werden musste, so wie sich das nationale Bewusstsein der Deutschen immer in Abgrenzung von tatsächlichen oder eingebildeten feinden herausbildete. Und immer war diese deutsche Identität mit der Angst vor kultureller Überfremdung und Bedrohungsszenarien verbunden.

Die Frage nach der deutschen Identität kann heute niemals nur auf dem Hintergrund der nationalen Geschichte der letzten 200 jahre beantwortet werden. Germanen- und Arminiusmythos haben die Abgründe aufscheinen lassen, die sich dahinter verbergen können. Eine erneute Besinnung auf deutsche Identität kann nur auf der Grundlage der europäischen Geschichte erfolgen, denn der fatale Irrtum aller germanophilen Nationalisten war es, die deutsche Geschichte als einen Sonderweg zu deklarieren, der letztlich in Überlegenheitsphantasien und Völkervernichtungsideologien endete. Als Folge des Nationalismus definierten sich fast alle europäischen Nationen im Gegensatz zu ihren Nachbarn: durch die großen, mythisch verklärten Schlachten, die in die Gründungslegenden von den Ursprüngen der eigenen Nation aufgenommen werden. In dieser europäischen vergleichenden Betrachtungsweise liegt auch die Chance, eine „Entnationalisierung" des Arminius- und Germanen-Mythos erfolgreich weiter zu führen.

Es muss aber noch immer viel ideologisch-nationaler Müll weggeräumt werden, um sich heute - über 60 Jahre nach dem verbrecherischen Missbrauch alles Nationalen - unbefangen und kritisch wieder dem Thema nationaler Mythen und militanter nationaler Helden anzunähern. Dass dies nicht ganz so einfach zu sein scheint, konnte der Verfasser bei der Vorbereitung der Ausstellung erfahren, der Museumsträger den Versuch startete, Einfluss auf die wissenschaftlichen Ausstellungstexte zu nehmen: Die in der Ausstellung dokumentierte Besetzung des Arminiuskultes und des Hermannsdenkmals durch völkisch-nationalistische Ideologen war wohl nicht mit einem unpolitischem, touristisch neu herausgeputzten „Hermann" als neuem regionalem Markenzeichen zu vereinbaren. Aber dennoch, das 2000-jährige Jubiläum der Varusschlacht bietet eine neue Chance, sich den alten nationalen Helden und Mythen mit der gebotenen kritischen Distanz erneut zu nähern.

Anmerkung:

Der Aufsatz geht zurück auf das 2009 erschienene Buch des Verfassers über den „Mythos Arminius - Die Varusschlacht und ihre Folgen" zurück (ISBN 978-3-402-00444-9).