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Wirkungsgeschichte und Rolle des Mythos Varusschlacht in der europäischen und deutschen Geschichte seit dem 15. Jh.

31.7.2009

„Imperium – Konflikt – Mythos. 2000 Jahre Varusschlacht 2009“

Unter diesem Stichwort wird ein Ausstellungsgroßereignis das Jahr 2009 bestimmen und viele Besucher wieder einmal zu der alten und immer neu gestellten Frage führen, wo war denn eigentlich das Schlachtfeld? Die Funde in Kalkriese sind beeindruckend und dokumentieren ein Schlachtfeld aus der Zeit der römischen Germanenkriege, aber nichts ist so umstritten wie die eindeutige Zuordnung zu den Ereignissen von 9 n. Chr. Lässt man einmal die Frage nach dem tatsächlichen Schlachtfeld und die Debatte darum beiseite, scheint der Rest farblos zu werden, obwohl die eigentlich spannende Geschichte nicht so sehr das Ereignis, sondern viel mehr das ist, was man später daraus machte. Denn die Varusschlacht und ihr Protagonist Arminius wurden sehr schnell zu einem Mythos, der bis heute wirkmächtig geblieben ist.

Es lohnt sich, der wechselhaften Wirkungsgeschichte dieses Mythos einmal nachzugehen und aufzuzeigen, welche Rolle er seit der Wiederentdeckung des historischen Ereignisses im Humanismus des 15. und 16. Jahrhunderts in der deutschen und der europäischen Geschichte gespielt hat. Dieser Mythos ist eng verknüpft mit dem Bild, das man sich in Deutschland von den germanischen Vorfahren machte. Das Startereignis ist dabei die Wiederentdeckung der Germania des römischen Schriftstellers Tacitus in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Wie und auf welchen Wegen die karolingische Abschrift der Germania aus einem deutschen Kloster nach Italien gelangte, ist bis heute nicht ganz geklärt. Einer der ersten, der sie las, war der Humanist und Bischof Enea Silvio Piccolomini (1405-1464), der spätere Papst Pius II. Und er wusste sofort daraus politischen Gewinn zu ziehen. Damals wehrten sich die deutschen Stände gegenüber immer neuen Geldforderungen der römischen Kirche. Enea Silvio Piccolomini hielt dagegen und benutzte die gerade erst entdeckte Germania für seine Gegenargumente. Damals, so schrieb er, waren die Germanen primitiv und barbarisch. Dass die Deutschen in seiner Gegenwart wohlhabend und zivilisiert seien, verdankten sie allein der römischen Kirche.

Arminus wird zum „Deutschen“ Helden

Kriegerische Germanen, aus: Abraham Ortelius, Aurei saeculi imago, 1596 (Universitätsbibliothek Mannheim)
Ein „Gallogrieche“ oder „Galater“, den Laziuzs mit einem Germanen gleichsetzt. Aus: Wolfgang Lazius, De aliquot gentium migrationibus. 1572 (Lippische Landesbibliothek und Staatsbibliothek Berlin)
Titelblatt der Ausgabe von Velleius Paterculus, Historiae Romanae, 1520 (Staatsbibliothek Berlin)

Enea Silvio Piccolomini machte die deutschen Humanisten auf die Germania des tacitus aufmerksam. Durch Tacitus beglaubigt bekamen die Deutschen jetzt eine Ursprungsgeschichte. Jetzt konnte man wirksam dem italienischen Vorwurf begegnen, die Deutschen seien seit altersher Barbaren geblieben. Und jetzt war auch der Weg offen, die von Tacitus beschriebenen Tugenden als allzeit gültige deutsche Nationaleigenschaften zu bestimmen. Tacitus’ Aussagen von der deutschen Ureinwohnerschaft fielen auf fruchtbaren Boden. Für Heinrich Bebel (1472-1518) und andere Humanisten sind sich die Deutschen seit Alters her immer treu geblieben; keinem verderblichen Einfluss fremder Stämme und Völker ausgesetzt haben sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit bewahrt.

Bebel war nicht der einzige, der die Tugenden, allen voran die Kriegstüchtigkeit der Germanen-Deutschen in höchsten Tönen lobte. Aber all diesen Lobpreisungen fehlte noch der held, auf den sich all die guten Eigenschaften projizieren ließen. Der wurde gefunden, als man 1509 die Annalen des Tacitus und 1515 die Römische Geschichte des Velleius Paterculus entdeckte. Beide führten Arminius als siegreichen Heerführer der Germanen in die Geschichte ein. Tacitus nannte ihn den „Befreier Germaniens“ und großen patriotischen Führer – ein Urteil ausgerechnet von einem römischen Schriftsteller, das keinen deutschen Humanisten ruhig lassen konnte. Sie bemühten sich, den Germanen zum ersten Helden der Deutschen und strahlenden Führer eines deutsch-germanischen Freiheitskampfes zu machen, der sich in der Gegenwart fortsetzt.

Den spektakulärsten Versuch einer Denkmalserhebung unternahm Ulrich von Hutten (1488-1523). 1520 verfasste er im Stil der Totengespräche des griechischen Dichters Lukian seinen Arminius Dialogus, wo er den Germanen zum Vorkämpfer der deutschen Freiheit machte, ein Vorbild im Kampf gegen die aktuellen Feinde der Deutschen: das Rom der Päpste.

Hutten gab den Takt vor, der die zukünftige Arminius-Rezeption begleiten wird: Der deutsche Freiheitsheld wird zur Allzweckwaffe, die man immer dann mobilisieren kann, wenn Deutschland in der Krise steckt, eine Art Nothelfer in deutscher bedrängnis. Die Einigung der germanischen Stämme im Kampf gegen Rom und vor allem der spektakuläre Sieg über die Römer ließen sich problemlos auf die aktuelle Situation und die gegenwärtigen Feinde der Deutschen übertragen. Das war im 16. Jahrhundert in den Augen vieler deutscher Patrioten und Reformatoren die römische Kirche, aber auch schon zunehmend Frankreich, das mit den Habsburger Kaisern im Dauerkonflikt stand.

Um politische Wirksamkeit zu erreichen, musste Arminius allerdings noch populärer werden. Das besorgten weitere Schriften, die ihn zum ersten deutschen Freiheits- und Siegeshelden beförderten, z. B. Bayrische Geschichte des Johannes Turmair, genannt Aventin (1477-1534). Oder das kleine Reimbüchlein des Burkhard Waldis (1490/95-1566/67), der Arminius in die reihe der mythischen deutschen Könige und Stammväter einreihte. Es fehlte nur noch die Namensgebung „Hermann“ in Luthers Tischreden, um aus Arminius den deutschen Helden „Hermann der Cherusker“ zu machen.

Titelblatt von: Arminius Dialogus Huttenicus. [...] Wittenberg 1538 (Staatsbibliothek Berlin)
Zeitgenössische Zeichnung von Arminius in einer Ausgabe von: Germania Cornelii Taciti [...], anhängend: Harminius Vlrici Hutteni [...] Wittenberg 1557 (Lippische Landesbibliothek)
Arminius mit dem Kopf des Varus, aus: Burkhard Waldis, Ursprung vnd Herkummen der zwoelff ersten alten Koenig vnd Fuersten Deutscher Nation [...] Nürnberg 1543 (Staatsbibliothek Berlin)
Titelblatt von: Georg Spalatin, Von dem thewern Deudschen Fürsten Arminio. Wittenberg 1535 (Staatsbibliothek Berlin)