Kooperation

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)
Schlachtfelder in der archäologischen Überlieferung – die Fallstudie Kalkriese.

von Achim Rost -

Verschiedene Ziernägel aus Eisen oder Bronze, teilweise mit Silberfolie überzogen. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Christian Grovermann (für Varusschlacht))
Verschiedene Ziernägel aus Eisen oder Bronze, teilweise mit Silberfolie überzogen. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Christian Grovermann (für Varusschlacht))
Auch die eiserne Gesichtsmaske eines römischen Helmes zeigt Spuren der Plünderungen: die Silberblechauflage fehlt fast vollständig. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Christian Grovermann (für Varusschlacht))
Auch die eiserne Gesichtsmaske eines römischen Helmes zeigt Spuren der Plünderungen: die Silberblechauflage fehlt fast vollständig. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Christian Grovermann (für Varusschlacht))

In welchem Maße derartige nicht eigentlich kampfbezogene Verhaltensmuster auf den Funderhalt eingewirkt haben können, wird auch im nordwestlich an den Oberesch anschließenden Areal deutlich. Während die Gesamtfundmenge hier abnimmt, hat der hohe Anteil besonders wertvoller Fundensembles in dieser Zone, so die silbernen Beschläge einer Schwertscheide oder auch Silbermünzbestände, zunächst für Spekulationen gesorgt. Geht man aber davon aus, dass auf zentrale Kampfzonen Bereiche nachsetzender Gefechte und der Flucht folgten, ist zu erwarten, dass römische Soldaten wertvolle oder hinderliche Ausrüstung beispielsweise vor anstehender Gefangennahme weggeworfen oder versteckt haben. Ausrüstungsteile wie Lederbeutel mit Münzen oder Schwertscheiden, die als Einzelobjekte auf oder in den Boden gelangt waren, konnten Plünderer in diesen „Randzonen" aber leichter übersehen als in Hauptkampfzonen mit vielen Toten, wo Schwertscheiden und Münzbörsen bei der Leichenfledderei kaum unbemerkt blieben, weil diese besonders begehrenswerte Beute noch mit toten Legionären verbunden war.

Die Überlieferungsqualität in Kalkriese ist auf die Vernichtung einer metallreich ausgestatteten Armee zurückzuführen, gefolgt von einer bis zur Leichenfledderei gehenden Plünderung. Sie resultiert in einer für ein Schlachtfeld ungewöhnlich reichen Fundmenge.

 

Medizinische Geräte weisen auf die Begleitung der Truppen durch Ärzte und Sanitäter hin. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Christian Grovermann (für Varusschlacht))
Medizinische Geräte weisen auf die Begleitung der Truppen durch Ärzte und Sanitäter hin. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Christian Grovermann (für Varusschlacht))
Schanz- und Handwerksgeräte wurden im Heer ebenfalls mitgeführt. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Christian Grovermann (für Varusschlacht))
Schanz- und Handwerksgeräte wurden im Heer ebenfalls mitgeführt. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Christian Grovermann (für Varusschlacht))

Perspektiven für die Forschung

Aus den quellenkritischen Analysen ergeben sich im übrigen zusätzliche Indizien für eine Identifizierung von Kalkriese mit der Varusschlacht: Die archäologische Hinterlassenschaft der Kampfhandlungen spricht für die vernichtende Niederlage einer römischen Armee und nicht für lediglich in Mitleidenschaft gezogene Truppen, wie sie beispielsweise in den antiken Quellen für die Germanicus-Feldzüge in den Jahren 14 bis 16 n. Chr. erwähnt werden.

Die Chancen, die das Forschungsprojekt Kalkriese für die Entwicklung einer speziell auf die Untersuchung von Schlachtfeldern ausgerichteten archäologischen Methode bietet, werden durch einen Vergleich mit Untersuchungen jüngerer Schlachtfelder deutlich. Der Vielfalt der Fragmente militärischer Ausrüstung in Kalkriese steht auf neuzeitlichen Kampfplätzen ein archäologisches Fundmaterial gegenüber, das oft zu einem großen Teil aus Munition besteht. Als wertlos betrachtet, blieben Geschosse und Hülsen selbst beim systematischen Aufräumen eines Schlachtfeldes weitgehend unbeachtet zurück, so dass ihre heutige Verteilung auf einem Kampfareal tatsächlich als direkter Hinweis auf Art und Umfang von Kampfhandlungen gelten kann. Das archäologische Fundmaterial aus Kalkriese hingegen erfordert und ermöglicht zugleich eine eingehendere Untersuchung der auf die Kämpfe folgenden Prozesse, die die Fundüberlieferung dieses Platzes beeinflusst haben. In besonderem Maße können die Forschungen in Kalkriese deshalb dazu beitragen, Schlachtfelder als eigenständige archäologische Fundstellenkategorie aufzufassen, die speziellen Selektionsprozessen unterliegt.

 

Zum Weiterlesen

Douglas Scott, Lawrence Babits, Charles Haecker (Eds.), Fields of Conflict: Battlefield Archaeology from the Roman Empire to the Korean War (Westport 2007).

Rainer Wiegels (Hrsg.), Die Varusschlacht. Wendepunkt der Geschichte? Sonderheft 2007 plus der Zeitschrift Archäologie in Deutschland (Stuttgart 2007).

Susanne Wilbers-Rost, Hans-Peter Uerpmann, Margarethe Uerpmann, Birgit Großkopf, Eva Tolksdorf-Lienemann: Kalkriese 3. Interdisziplinäre Untersuchungen auf dem Oberesch in Kalkriese. Römisch-Germanische Forschungen 65 (Mainz 2007).

Hinweis

AiD 1/09

Dieser Artikel ist gedruckt erschienen in Archäologie in Deutschland 1/09.