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Schlachtfelder in der archäologischen Überlieferung – die Fallstudie Kalkriese

31.7.2009

In den letzten 20 Jahren sind Schlachtfelder zunehmend ins Blickfeld der Archäologie gelangt, zunächst in den USA und dann ebenso in Großbritannien. Allmählich werden Schlachtfelder auch in Deutschland als Orte wahrgenommen, die nicht ausschließlich Gegenstand militärgeschichtlicher Untersuchungen sein müssen. Obwohl insbesondere zu Kampfverläufen neuzeitlicher Gefechte meistens vergleichsweise detaillierte Schriftquellen vorliegen, ermöglicht die Anwendung archäologischer Methoden auf Plätzen militärischer Konflikte oft die Erschließung zusätzlicher Informationen.

Kalkriese – Eine antike Feldschlacht

Das Areal des Forschungsprojektes „Kalkriese“ 20 km nördlich von Osnabrück. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese:
Das Areal des Forschungsprojektes „Kalkriese“ 20 km nördlich von Osnabrück. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese:

Die Forschungen in Kalkriese nehmen in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein. Die Untersuchungen haben hier bereits vor über 20 Jahren begonnen, zu einem Zeitpunkt, als eine systematische archäologische Erforschung von Schlachtfeldern in Deutschland noch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion war. Das öffentliche Interesse an den Arbeiten wird bis heute geprägt von der Frage nach der Identifizierbarkeit des Fundareals von Kalkriese als Ort der historisch überlieferten Varusschlacht, in der im Jahr 9 n.Chr. der römische Feldherr Publius Quinctilius Varus mit drei Legionen von Germanen unter der Führung des Arminius vernichtend geschlagen wurde.

Aufgrund der - verglichen mit militärischen Auseinandersetzungen der jüngeren Vergangenheit - eher allgemein gehaltenen und z.T. widersprüchlichen historischen Informationen kommt den Funden und Befunden in diesem Fall erhebliche Bedeutung zu. Zugleich wird die Bewertung der archäologischen Quellen allerdings dadurch erschwert, dass die Forschung mit der erstmaligen Untersuchung einer antiken Feldschlacht Neuland betreten hat.

Anders als bei der Erforschung belagerter oder gestürmter Siedlungen und Befestigungen - hier sei als Beispiel die Einschließung des keltischen Oppidums Alesia durch Cäsar 52 v. Chr. genannt -, bei der meistens Baubefunde wie z.B. Schanzungen den archäologischen Nachweis von militärischen Konflikten erleichtern, ist die Erfassung von Kämpfen im offenen Feld fast ausschließlich auf die Funde angewiesen, die nach den Gefechten zurück blieben. Mit der Möglichkeit, bei Geländeprospektion und Grabungen Metalldetektoren einsetzen zu können, wurden in den letzten beiden Jahrzehnten überhaupt erst die Voraussetzungen geschaffen, selbst ausgedehnte Feldschlachten zu untersuchen.

 

Befunde und Funde vom Oberesch

Die Fundstelle „Oberesch“ mit dem Verlauf der Wallanlage und der Verteilung römischer Funde. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Klaus Fehrs, Dr. Susanne Wilbers-Rost)
Die Fundstelle „Oberesch“ mit dem Verlauf der Wallanlage und der Verteilung römischer Funde. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Klaus Fehrs, Dr. Susanne Wilbers-Rost)

In Kalkriese verfügen wir aufgrund der langjährigen Grabungs- und Prospektionstätigkeit inzwischen über ein für ein Schlachtfeld so umfangreiches archäologisches Fundmaterial, dass Rückschlüsse auf die zugrunde liegenden Ereignisse möglich werden. Darüber hinaus wurden hier einige Befunde entdeckt, die zum besseren Verständnis dieses Platzes beitragen.

Zu den wichtigsten Befunden des Kampfareals zählt eine aus Rasensoden und Sand errichtete Wallanlage, die als kurzfristig angelegte Schanzung im Kontext eines germanischen Hinterhalts gegen ein vorbeiziehendes römisches Heer interpretiert wird. Außerdem gibt es Gruben, in denen mehrere Jahre nach der Niederlage die letzten an der Oberfläche noch auffindbaren Knochen der Gefallenen - möglicherweise durch Germanicus im Jahre 15 n. Chr. - bestattet wurden. Wie der überwiegende Teil des Fundmaterials wurden diese Strukturen auf der Flur Oberesch freigelegt, doch fanden sich römische Militaria darüber hinaus in einem Areal von insgesamt mehr als 30 km2.

Wenn auch meistens nur fragmentarisch überliefert, spiegeln die Funde die Vielfalt der Ausrüstung eines römischen Heeres einschließlich begleitendem Tross wider.

Neben der Ausrüstung der kämpfenden Truppen - darunter Teile von Helmen, Brustpanzern, Militärgürteln, Schwertscheiden, Schilden, Sandalen, Fibeln, Lanzen und Pfeilspitzen von Fußsoldaten, aber auch Zaumzeug und Waffen der Reiterei - finden sich u.a. Münzen, Metallgeschirr, vereinzelt Keramik- und Glasgefäße, Handwerksgerät, Siegelkapseln und Schreibgriffel, medizinisches Gerät, Vermessungsutensilien und Waagen, Kistenteile sowie Anschirrungen von Zug- und Tragtieren, Objekte, die überwiegend dem Tross und der Versorgung zugewiesen können. Diese Funde vermitteln uns erstmals detaillierte Kenntnis der auf einem Marsch mitgeführten Ausrüstung einer römischen Armee aus dem Beginn des ersten Jahrhunderts nach Christus.

 

Die Wallanlage während der Ausgrabung; im Profil sind links vom Maßstab der Drainagegraben und nördlich anschließend die verstürzte Rasensodenmauer zu erkennen. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Grabungsteam)
Die Wallanlage während der Ausgrabung; im Profil sind links vom Maßstab der Drainagegraben und nördlich anschließend die verstürzte Rasensodenmauer zu erkennen. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Grabungsteam)
Blick auf eine der Knochengruben, in der Reste von Menschen und Tieren bestattet worden sind. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Grabungsteam)
Blick auf eine der Knochengruben, in der Reste von Menschen und Tieren bestattet worden sind. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese: Grabungsteam)