27.05.2012 - 11:40:04
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Der völkische Germanenmythos. Eine Konsequenz deutscher Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts

von Ingo Wiwjorra -

Die Vorstellung einer sich über sehr lange Zeiträume erstreckenden Rassenevolution in geographisch isolierten Räumen mit klimatisch außerordentlichen Bedingungen, führte in den 1870er Jahren zu der Annahme einer Evolution der dem ‚germanischen Typus' zugeschriebenen Merkmalskombination im Norden. Mit dieser Ursprungsthese, die in Ansätzen bis in die 1820er Jahre zurückreicht[25], war die Voraussetzung für ein spezifisch völkisches Geschichtsdenken gegeben, weil sie eine Opposition gegen jene historiographische Prämisse ‚ex oriente lux' erlaubte, die den nationalen Selbstwert angeblich ursächlich minderte. Mit einer derartigen Unterstellung einer autochthonen Entwicklung konnte die für das völkische Denken konstitutive Vorstellung einer Einheit von Herkunft, Rasse, Kultur und Religion formuliert werden.

Die spezifisch völkische Vorstellung einer vom europäischen oder sogar arktischen Norden ausgehenden kulturhistorischen Superiorität des ‚germanischen Typus' führte schließlich über die Grenzen Europas weit hinaus und unterstellte einen ‚germanischen' Einfluß in nahezu alle Regionen der Erde. Blonde Kabylen und Tuaregs in Nordafrika, hellhaarige Mumien in altägyptischen Pharaonengräbern, sowie die hochrangigen Kasten Indiens mit ihrem helleren Teint und europäischem Erscheinungsbild wurden als anthropologische Spuren ‚nordischer Kulturbringer' interpretiert. Selbst bis in die Südsee zu den Maori sollten sich die ‚arischen' Wanderungen erstreckt haben. Derartig weitreichende kultur- und ethnohistorische Beziehungslinien basierten zunächst auf mehr oder minder naiv assoziierenden ethnographischen Vorlagen und sprachvergleichenden Deutungen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts.[26] Nachdem bereits der französische Schriftsteller Arthur de Gobineau (1816-1882) in den 1850er Jahren viele der dort enthaltenen und an das anthropologische Germanenstereotyp erinnernden Merkmalsbeschreibungen aufgegriffen und in seinem ‚Essai' über die Ungleichheit der Menschenrassen verarbeitet hatte, begannen völkische Ideologen diese Kompilation verkürzend und zuspitzend zu rezipieren. Mit der seit der Jahrhundertwende vorliegenden, durch den völkischen Schriftsteller Ludwig Schemann (1852-1938) besorgten tendenziösen deutschen Übersetzung des Gobineau'schen ‚Rassenwerkes' fanden solche überspannten Interpretationen erstmals ein breiteres Publikum, hatten dessenungeachtet aber gleichzeitig ihre Entsprechung in Teilen der anthropologischen und altertumskundlichen Fachdebatten.

Das Germanenbild der Völkischen weist in großer Übereinstimmung auf drei zentrale Forderungen. Hierzu gehören erstens die Unterstellung der Existenz eines durch bestimmte Körper- und Pigmentierungsmerkmale gekennzeichneten ‚germanischen Rassentypus', zweitens die Anerkenntnis einer autochthonen Herkunft dieses Rassentyps im Norden und drittens die Behauptung einer Abstammungskontinuität der so definierten ‚Germanen' jenseits der historischen Überlieferung seit ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Diese drei zentralen Forderungen völkischen Geschichtsdenkens lassen sich innerhalb der altertumskundlichen Debatte etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fassen und werden etwa seit den 1880er Jahren als ein in sich geschlossenes ideologisches Konstrukt greifbar.

Vor allem der Autochthoniegedanke bildet den eigentlichen Kern des völkischen Geschichtsdenkens und konstituiert dessen innere Logik. Durch dessen Forderung nach sowohl abstammungsmäßiger als auch kulturhistorischer Autarkie des angeblich im Norden eingeborenen ‚germanischen' Urvolkes wurde mit der Vorstellung einer Einwanderung der germanischen Vorväter aus dem Osten gebrochen und letztlich genau das umschrieben, was völkische Ideologen als ‚arteigen' zu bezeichnen pflegten.

Eine konsequente Fortschreibung dieses völkischen Geschichtsdenkens sind die wenige Jahre nach 1900 sich gründenden neugermanisch-heidnischen Bewegungen, für die der überzeitlich gültige nordische Ursprung von ‚germanischer Rasse', Sprache und Religion ideologisch konstitutiv war.[27] Deren engagiertes Entgegentreten gegen die in ihren Augen ‚wissenschaftlich' überholte These ‚ex oriente lux' mündete in einen sich ebenfalls auf Rasse und Religion erstreckenden Antisemitismus, der zum vermeintlich ‚positiven' Germanenmythos das gleichsam negative Gegenkonzept darstellte.[28]

Die an Rassenstereotype geknüpfte, spezifisch völkische Konzeption des germanischen Altertums bildet die Voraussetzung für die Aufhebung des traditionellen Identitätsmythos ‚ex oriente lux' und dessen Umkehrung in den völkischen Identitätsmythos ‚ex septentrione lux'. In diesem mit religiösen Grundfragen nach dem ‚Woher' und ‚Wohin' verknüpften Identitätskontext geriet die Germanenideologie zu einem politisch und emotional wirkungsmächtigen Germanenmythos.

  • [25] Diese rassentheoretisch untermauerte Nordthese geht maßgeblich auf die Historiker Heinrich Schulz (1780-1844) und Knut Jungbohn Clement (1803-1873) zurück. Siehe Wiwjorra (wie Anm. 4), S. 250-254.
  • [26] Werner Petermann: Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal 2004.
  • [27] Beiträge in Schnurbein (wie Anm. 14).
  • [28] Klaus von See: Barbar, Germane, Arier. Die Suche nach der Identität der Deutschen, Heidelberg 1994, S. 283-318.