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Der völkische Germanenmythos

Eine Konsequenz deutscher Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts

31.7.2009

[1] Im historischen Selbstverständnis der Deutschen gehört die Vorstellung von einer prägenden Rolle der germanischen Vorfahren traditionell in den Katalog der populären Nationalstereotypen.[2] In der sich zwischen wilhelminischem Kaiserreich und ‚Drittem Reich' konstituierenden völkischen Ideologie nehmen solche Positionen sogar eine herausragende Stellung ein.[3] Idealvorstellungen von der germanischen Vorzeit bilden den Fokus eines völkischen Geschichtsdenkens, das in erheblichem Maße auf der Rezeption einer politisch tendenziösen Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts beruht.

Zur näheren Erläuterung dieser These wird zunächst eine Definition des Germanenmythos vorgenommen. Anschließend werden ausgewählte Aspekte dieses Germanenmythos in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts näher vorgestellt.[4]

Neben Germanenmythos wird verschiedentlich auch von Germanenideologie gesprochen. Beide sinnverwandten Begriffe verweisen auf die Idealisierung des Germanischen in Kombination mit einer nationalen oder sogar pan-nationalen Idee, setzen aber durch ihre Bezugnahme auf den Mythos- bzw. Ideologiebegriff unterschiedliche Akzente:
Unter Ideologie wird „ein System von Ideen verstanden, das in einem allgemeinen Sinn das Politische betrifft und politische Orientierung zu vermitteln vermag, ein System, das ferner von einer gesellschaftlich relevanten Gruppe gutgeheißen und in politischer Absicht verbreitet wird".[5] Der Terminus Germanenideologie ist dieser Definition folgend als ein System von Ideen anzusehen, das den Germanenbegriff in einen politischen Kontext stellt und diesen für die politische Orientierung instrumentalisiert. Ihre gesellschaftliche Relevanz erfährt die Germanenideologie einerseits aus der Akzeptanz der Ideenproduzenten in Wissenschaft und Öffentlichkeit, andererseits durch ihre Rezeption durch Publizistik, Propaganda und Politik.

Für den Mythosbegriff existieren im Wesentlichen zwei voneinander abweichende Definitionen. Zuallererst handelt es sich um eine „Erzählung von Göttern, Heroen u. a. Gestalten und Geschehnissen aus der vorgeschichtlichen Zeit", die einer Welt- bzw. Existenzdeutung dienten. Neben diesen alten oder „echten" Mythen existieren „neue" Mythen, bei denen es sich um das „Resultat einer sich auch in der Moderne noch vollziehenden Mythisierung im Sinne einer Verklärung von Personen, Sachen, Ereignissen oder Ideen zu einem Faszinosum von bildhaftem Symbolcharakter" handelt.[6] In Anlehnung an diese allgemeine Definition der „neuen" Mythen läßt sich der Germanenmythos als Verklärung der Germanen bzw. einer Idee vom Germanischen fassen, die bereits mit der humanistischen Antikenrenaissance einsetzt und sich weitgehend abgehoben vom antiken Überlieferungskontext insbesondere vom 18. bis zum 20. Jahrhundert ausformte. Darüber hinaus vermochte der so verstandene Germanenmythos sein Zielpublikum in den Bann zu ziehen, so etwa in seiner Anwendung in Literatur, Bühnenstück und Dichtung, mittels effektvoller Präsentation archaischer und vermeintlich ‚germanischer' Lebensumstände beispielsweise in Museumsdörfern sowie durch stereotypische Illustration eines vermeintlich ‚germanischen' Erscheinungsbildes. Die Stilisierung der Germanen als blond-blauäugige Recken - ob als Heldentypus oder ‚blonde Bestie' - erfuhr hohe Popularität. Durch Zitierung der betreffenden Passagen aus Tacitus' Germania [7] fungierten sowohl die äußeren Eigenschaften der Germanen wie deren Repertoire an Tugenden und Lastern als Nationalchiffre, dem man jenseits historischer Epochen eine gleichsam zeitlose Gültigkeit unterstellte.

Das irrationale und mit bildreichen Assoziationen verbundene Moment des Germanenmythos verband sich zusammen mit weiteren rückwärtsgewandten Tendenzen, wie etwa verschiedenen Richtungen der Lebensreform, zum Substrat einer modernen Mythologie, die mit den christlichen Traditionen und Werten wie mit den Säkularisierungstendenzen der Moderne konkurrierte. Die Rückwendung zu den vitalen und vermeintlich naturnah lebenden germanischen Vorfahren bildete einen Kontrapunkt zu der von Industrialisierung und Technisierung bestimmten Gegenwart. Die postulierte ‚germanische Wiedererstehung' erstreckte sich über die Besinnung auf archaische Kulturtraditionen hinaus teils auch auf die Renaissance einer ‚arteigenen' Religion, womit ein germanisiertes Christentum oder sogar die Neubelebung heidnisch-germanischer Glaubensvorstellungen gemeint sein konnte.

Diese Mythologisierung des Germanischen bzw. der Germanen ist eminent politisch, was sich aus den genannten Kontextualisierungen, wie aus der Funktion ergibt, die politische Mythen bei der Formung und Legitimation kollektiver Identitäten einnehmen.[8] Diese Funktion bestand hier vor allem darin, vermeintliche Gegenwartsdefizite mit überzeichneten oder sogar konstruierten Vorstellungen über Abstammung und Herkunft sowie über das politisch-kulturelle Sein und Sollen zu kompensieren.

  • [1] Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Fassung des Aufsatzes „Der völkische Germanenmythos als Konsequenz deutscher Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts", erschienen in Heidi Hein-Kircher und Hans Henning Hahn (Hg.): Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert in Mittel- und Osteuropa (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 24), Marburg 2006, S. 157-166.
  • [2] Klaus von See: Deutsche Germanen-Ideologie vom Humanismus bis zur Gegenwart, Frankfurt/M. 1970; Allan A. Lund: Germanenideologie im Nationalsozialismus. Zur Rezeption der »Germania« des Tacitus im „Dritten Reich", Heidelberg 1995; Rainer Kipper: Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich. Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung, Göttingen 2002.
  • [3] Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache - Rasse - Religion, Darmstadt 2001; Uwe Puschner: Germanenideologie und völkische Weltanschauung, in: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer und Dietrich Hakelberg (Hg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch". Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 34), Berlin/ New York 2004, S. 103-129.
  • [4] Ingo Wiwjorra: Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts, Darmstadt 2006.
  • [5] Alfons Grieder: „Ideologie" - Unbegriffenes an einem abgegriffenen Begriff, in: Kurt Salamun (Hg.): Ideologien und Ideologiekritik. Ideologietheoretische Reflexionen, Darmstadt 1992, S. 17-30, hier S. 19.
  • [6] „Mythos", in: Der Große Brockhaus, Bd. 15, Mannheim 1991, S. 271-274. Zu Mythosbegriff im Kontext des Germanischen siehe Heidi Hein-Kircher: Zur Definition, Vermittlung und Funktion von politischen Mythen, in: Lippisches Landesmuseum Detmold: 2000 Jahre Varusschlacht. Mythos, Stuttgart 2009, S. 149-154.
  • [7] Tacitus: Germania, Kapitel 2.
  • [8] Helmut Berding (Hg.): Nationales Bewußtsein und kollektive Identität (Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit 2), 2. Aufl., Frankfurt/M. 1996; Monika Flacke (Hg.): Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Begleitband zur Ausstellung vom 20. März 1998 bis 9. Juni 1998, Berlin 1998.