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Forschungen zur Varusschlacht in und um Kalkriese

31.7.2009

Entdeckungsgeschichte

Die Lage des Untersuchungsgebietes „Kalkriese“ am Nordrand des Wiehengebirges (Abb.: Varusschlacht im Osnabrücker Land, Museum und Park Kalkriese, Abt. Archäologie)
Die Böden in der Kalkrieser-Niewedder Senke (Abb.: Varusschlacht im Osnabrücker Land, Museum und Park Kalkriese, Abt. Archäologie)

Noch vor 20 Jahren hätte niemand erwartet, dass der Bramscher Ortsteil Kalkriese einmal weit über die Grenzen des Osnabrücker Landes hinaus bekannt werden würde. Als im Herbst 1987 bei Geländeprospektionen durch einen Amateurarchäologen, Major Tony Clunn, und einer anschließenden Ausgrabung durch die Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück, unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Schlüter, ein Hortfund von 163 römischen Silbermünzen beim Wasserschloss Alt Barenaue zutage kam, wurde ein Verlust der Münzen im Jahr der Varusschlacht (9 n.Chr.) vermutet; es war jedoch nicht davon auszugehen, dass sich aus diesem kleinen Grabungsschnitt ein langjähriges archäologisches Untersuchungsprojekt entwickeln würden. Auch die Entdeckung römischer Militaria ließ einen bedeutenden kultur­historischen Hintergrund zunächst nur ahnen. Erst als 1990 bei weiteren Ausgrabungen neben interessanten Funden Reste einer Wallanlage beobachtet wurden, zeichnete sich ab, dass wir es offenbar mit Hinterlassenschaften einer Schlacht zu tun hatten. Funde und Befunde beweisen inzwischen einen unmittelbaren Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres 9 n.Chr., und immer mehr Indizien sind zusammen gekommen, die darauf schließen lassen, dass hier am Rand des Wiehengebirges min­destens ein großer Teil der Varusschlacht, auch bekannt als „Schlacht im Teutoburger Wald", entdeckt worden ist.

Die Wallanlage auf dem „Oberesch“

Die Fundstelle Kalkriese-Oberesch mit heutiger Topographie und Grabungsschnitten (Abb.: Varusschlacht im Osnabrücker Land, Museum und Park Kalkriese, Abt. Archäologie)
Die Gesichtsmaske eines römischen Helmes (Eisen, Bronzerand, Silberreste) kurz nach der Entdeckung und nach der Restaurierung (Foto: Ch. Grovermann, Osnabrück, für Varusschlacht im Osnabrücker Land, Museum und Park Kalkriese)

Die ersten Grabungsschnitte wurden auf dem Flurstück „Oberesch", das im Besitz der Familie Fisse-Niewedde ist, angelegt. Zwar war fast die gesamte Fundstelle von Plaggenesch überdeckt, d.h. einem als Düngung verwendeten mittelalterlich/früheneuzeitlichen Bodenauftrag in Form von Grassoden („Plaggen"), doch fanden sich neben einzelnen, teils verlagerten Funden auf der heutigen Bodenoberfläche viele römische Münzen und Militaria in originaler Lage unter dem Esch. Ein langer Suchschnitt brachte Aufschlüsse über die Ursachen für diesen Fundniederschlag, denn neben römischen Funden, darunter die eindrucksvolle Maske eines Gesichtshelmes, kam ein aussagekräftiger Befund zutage: eine Anschüttung, deren archäologische Interpretation als von Menschen geschaffene Wallanlage anhand von bodenkundlichen Analysen bestätigt wurde. Wurde der Wall zunächst als römische Anlage interpretiert, so ist aufgrund der Funde, des Verlaufs und der Bauweise der Anlage heute von einer Abschnittsbefestigung auszugehen, die Germanen als Hinterhalt gegen römische Truppen angelegt haben. Vermutlich wurde die Anlage längerfristig sorgfältig geplant und kurzfristig vor dem Eintreffen der Römer errichtet. Die Zusammensetzung des Fundmaterials und die Art seiner Fragmentierung und Beschädigung sprechen dafür, dass römische Einheiten offenbar erfolgreich angegriffen und geschlagen worden sind. Die Datie­rung der Fundstücke in die Zeit um Christi Geburt, die vieler Münzen in die Jahre 7-9 n.Chr. macht einen Zusammenhang mit der Varusschlacht mehr als wahr­scheinlich.

Aufgrund zahlreicher Grabungsschnitte, mit denen bis 2008 etwa 10000 m2 des Flurstücks untersucht werden konnten, kennen wir inzwischen eine etwa 400 m lange, mehrfach geschwungene, von zwei Bachläufen begrenzte Wallanlage, die sich oberhalb des Hangfußes über den Oberesch erstreckt. Die heute weniger als einen halben Meter mächtige, aber auf mehr als 10 m Breite verflossene Anlage war ursprünglich etwa 4 m breit und knapp 2 m hoch. Als Baumaterial waren Sand und Grassoden, gelegentlich auch Kalksteine verwendet worden - Material, das in unmittelbarer Nähe mit geringem Arbeitsaufwand gewonnen werden konnte. Mindestens ein Teilstück des Walles wurde anscheinend durch eine hölzerne Brustwehr an der Vorderfront verstärkt.

Blick auf das Westprofil der Ausgrabungen von 1990/91, in dem der Wall als künstliche Aufschüttung unter dem Plaggenesch erstmals deutlich wurde (Abb.: Varusschlacht im Osnabrücker Land, Museum und Park Kalkriese, Abt. Archäologie)
Oberesch: Grabungsschnitte bis 2007, Wallanlage und Knochengruben (Abb.: Varusschlacht im Osnabrücker Land, Museum und Park Kalkriese, Abt. Archäologie)

Hinter dem Wall wurden Gruben bzw. Grabenabschnitte festgestellt; offenbar dienten sie zum Aufsammeln von Oberflächenwasser, das in den Gruben versickern konnte, um ein Unterspülen der relativ locker aufgebauten Mauer zu verhindern. Durchlässe und Tore im Wall ermöglichten den Germanen Ausfälle auf das Schlachtfeld, aber auch einen schnellen Rückzug, wenn Römer versuchten den Wall anzugreifen. Da der Wall im Osten und Westen jeweils an einem Bach endete, trafen die Germanen Vorkehrungen, die vermutlich ein Hinterlaufen des Walles seitens der Römer verhindern sollten; dort wurden kurze Gräben von etwa 2 m Breite und 1 m Tiefe vor dem Wall als zusätzliche Annäherungshindernisse angelegt.

Erwecken einige bauliche Details auch den Eindruck von römischen Techniken, so ist der germanische Ursprung heute als sicher anzunehmen. Schließlich waren Germanen in den Hilfstruppen der Römer ausgebildet worden; ihre Kenntnisse sind vermutlich beim Wallbau mit eingeflossen.