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Eine Landschaft aus einer vergangenen Zeit. Die Toten Städte

von Hubert Fehr - 16.12.2000

Abb 7. Eingang der Pilgerkirche von Qalaat Seman, Ende 5. Jahrhundert (Foto: S. Eismann)
Abb 7. Eingang der Pilgerkirche von Qalaat Seman, Ende 5. Jahrhundert (Foto: S. Eismann)

Der großartigste Kirchenbau im Bereich der Toten Städte gehört dagegen nicht zu einer ländlichen Siedlung, sondern bildet das Zentrum eines ehemals überregional bedeutenden Wallfahrtsortes. Qalaat Seman, die "Simeonsburg", leitet ihren Namen vom Heiligen Simeon her, dem ersten Säulenheiligen, her, der an diesem Ort einen Großteil seines Lebens verbrachte. Simeon wurde um das Jahr 389 in einem Dorf nahe bei Antiochia geboren. Noch als Jugendlicher trat er in ein Kloster ein, wo er schon bald durch seine ausgeprägte Neigung zu aus heutiger Sicht etwas bizarr anmutenden Formen der Askese auffiel. Zeigte er zunächst seine Verachtung allem Irdischen gegenüber durch Mißachtung und gar Mißhandlung seines Körpers, so verbrachte er bald längere Zeitabschnitte in Erdgruben, einmal auch in einem Brunnenschacht. Aus diesen Tiefen arbeitete er sich dann langsam in weltentrückte Höhen empor, wobei sein Handeln gewissermaßen eine Metapher für seine spirituelle Entwicklung darstellen sollte. Nachdem er die Erdhöhlen verlassen hatte, erklomm er jenen Berg, auf dem sich heute noch die Reste des nach ihm benannten Klosters befinden. Zeit seines Lebens sollte er diesen Berg nicht wieder verlassen. Nacheinander bestieg er drei, jeweils höhere Säulen. Auf der Plattform der letzten, 20 Meter hohen Säule verbrachte er schließlich die letzten 30 Jahre seines Lebens.

Abb. 8 Qalaat Seman: Der Rest der Säule des heiligen Simeon im Oktogonalhof der Pilgerkirche (Foto: M. Nick)
Abb. 8 Qalaat Seman: Der Rest der Säule des heiligen Simeon im Oktogonalhof der Pilgerkirche (Foto: M. Nick)

Noch zu Simeons Lebzeiten setzte ein lebhafter Pilgerverkehr ein. Nicht zuletzt um diesem zu entkommen flüchtete sich der Heilige auf immer höhere Säulen. Der Pilgerstrom riß auch nach dem Tod des Heiligen im Jahre 459 nicht ab. Bestand das Heiligtum beim Tod Simeons lediglich aus einer Säule, deren Basis durch Absperrungen geschützt war, so entstand innerhalb von wenigen Jahrzehnten eine gewaltige Anlage. Alleine durch die Zuwendungen von Pilgern hätten die Bauten sicher nicht errichtet werden können. Es spricht im Gegenteil alles dafür, daß der Bau unmittelbar vom byzantinischen Kaiserhaus gefördert wurde. Nur wenige Jahre nach dem Tod des ersten Säulenheiligen hatte ein Schüler Simeons, Daniel Stylites, vor den Toren Konstantinopels eine Säule bestiegen und auf diese Weise den Kult des Heiligen in der Hauptstadt verbreitet. Von seiner Säule herunter stand er in regem Kontakt zu den Kaisern Leon I (457-474) und Zeno (474-491). Der Rückhalt in der kaiserlichen Familie dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, weshalb in Qallaat Seman ein so gewaltiger Bau errichtet werden konnte. Bereits gegen das Jahr 500 war der Großteil der Bauten fertiggestellt.

Den besten Eindruck von der Anlage verschafft man sich, indem man den Aufstieg im ehemaligen Pilgerort Deir Seman, dem antiken Telanissos, am Fuße des Berges beginnt. Im Ort befinden sich die Reste mehrerer Kirchen, Klöster sowie zweier Pilgerherbergen. Besondere Beachtung verdient die sogenannte Residenz, ein Bau mit einer erhaltenen dreistöckigen (!) Säulenvorhalle. Vom Ort führt eine Prozessionsstraße unter einen Triumphbogen hindurch zum Heiligtum auf der Anhöhe oberhalb der Pilgerstadt. Der heilige Bezirk wurde von einer Mauer umschlossen, innerhalb derer sich zahlreiche Bauten befanden: ein Kloster, eine weitere Pilgerherberge, ein Baptisterium sowie schließlich am Ende des Weges das eigentliche Ziel, die Pilgerkirche.

Dabei handelt es sich um eine gewaltige kreuzförmige Anlage, die man durch eine dreitorige Vorhalle von Süden her betritt. . Zentrum des Kirchenbaues war ein achteckiger Hof, in dessen Mitte einstmals die Säule der Heiligen Simeons stand. Generationen von Pilgern verschafften sich mit Hilfe von Hammer und Meißel ein Andenken, so daß heute nur ein kümmerlicher Rest an Ort und Stelle verblieben ist. Ursprünglich wurde der Oktogonalhof, immerhin von etwa 30 m Durchmesser, vermutlich von einer hölzernen, circa 25 m hohen Kuppel überwölbt.

Die Bögen um den Hof öffnen sich in die vier anschließenden, jeweils dreischiffigen Säulenbasiliken. Die Hauptkirche des Baues war die östliche Basilika. Sie hob sich im Grundriß bereits dadurch hervor, daß ihre Achse gegenüber den Fluchten des übrigen Baues leicht verschoben ist. Darüber hinaus wird sie als einzige der Basiliken durch drei halbrunde Apsiden abgeschlossen.

Abb. 9 Qualaat Seman: Außenwand des Seitenschiffs der nördlichen Säulenbasilika (Foto: M. Nick)
Abb. 9 Qualaat Seman: Außenwand des Seitenschiffs der nördlichen Säulenbasilika (Foto: M. Nick)