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Vorgeschichtliche Ausbrüche des Somma-Vesuv

19.7.2012
Abb. 1| Chronologie der verschiedenen Ausbrüche © LDA Sachsen-Anhalt, Orsi
Abb. 1| Chronologie der verschiedenen Ausbrüche. Die vulkanische Tätigkeit im Bereich des heutigen Vesuvs begann vor etwa 39.000 Jahren. Der letzte Ausbruch des Vulkans fand 1944 statt © LDA Sachsen-Anhalt, Orsi

Der Vulkanismus in Kampanien ist für geologische Zeitbegriffe noch relativ jung – weniger als 500.000 Jahre alt. Der ältere Teil des aus zwei Vulkanen zusammengesetzten Komplexes Somma-Vesuv, Monte Somma, wurde erst vor weniger als 39.000 Jahren zum ersten Mal aktiv (s. Abb. 1). Er entstand zum einen überwiegend aus Lava aufgrund effusiver Eruptionen (mehr oder weniger ruhiges Ausfließen von Lava), zum anderen durch pyroklastische Ablagerungen (Gesteinsfragmente, die bei einem Ausbruch durch Zerreißen oder Zerbrechen aus einem festen oder flüssigen vulkanischen Ausgangsmaterial entstanden sind). Sein Wachstum endete vor ca. 22.000 Jahren mit dem so genannten »Pomici di Base«-Ausbruch, die älteste und stärkste plinianische Eruption des Vulkans, bei der der Gipfel zu einer Caldera einstürzte. Hier spielte sich von da an die gesamte vulkanische Tätigkeit ab. Wie viele andere explosive Ausbrüche lief auch diese in drei gesonderten Phasen ab. Die Explosionen der Anfangsphase öffneten den Vulkanschlot und hinterließen eine dünne Niederschlagsschicht aus Feinasche und Bimsstein. In der zweiten Phase bildete sich eine bis zu 17 km hohe Eruptionssäule, die im oberen Bereich von den dort herrschenden Winden in Richtung Osten getrieben wurde. Pyroklastische Fall- und Fließablagerungen zeugen von der dritten, überwiegend phreatomagmatischen Phase (direkter Kontakt von heißer Gesteinsschmelze mit Wasser), die den Einsturz der Caldera nordwestlich des heutigen Vesuvkegels zur Folge hatte.

Nach einer nur hin und wieder von effusiven Aktivitäten unterbrochenen Ruhephase erfolgte mit dem »Pomici Verdolini«-Ausbruch eine der stärksten subplinianischen Eruptionen. Sie ist von einer sehr komplexen Dynamik mit einer stabilen Eruptionssäule in der Anfangsphase und diskontinuierlichen, pulsierenden Eruptionssäulen in den anschließenden Phasen gekennzeichnet. Die pyroklastischen Fall- und Fließablagerungen erstrecken sich in ost-nordöstlicher Richtung.

Daran schloss sich die längste Ruhezeit in der Geschichte des Vesuv an, die vor ca. 9.000 Jahren mit der plinianischen Eruption von Mercato endete. Der dreiphasige Ausbruch führte zum Einsturz einer Caldera, deren Rand nur noch im Nordosten sichtbar ist. Die dabei entstandenen Fallablagerungen sind weitläufig östlich des Vulkans zu finden, während sich die Fließsedimente die Vulkanhänge hinunter auf den umliegenden Ebenen verteilten.

Abb. 2| Palma Campania. Menschen- und Tierspuren in einer Schwemmschicht zwischen den Ablagerungen des Vesuvausbruchs P4, ca. 2000 v. Chr. © Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia (INGV) Rom, A. Di Vito
Abb. 2| Palma Campania. Menschen- und Tierspuren in einer Schwemmschicht zwischen den Ablagerungen des Vesuvausbruchs P4, ca. 2000 v. Chr. © Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia (INGV) Rom, A. Di Vito

Wieder blieb die Region um den Vulkan für mehrere Jahrtausende verschont, bis sich in der Frühbronzezeit mit der plinianischen Eruption von Avellino einer der stärksten Ausbrüche seiner Geschichte ereignete. Die in der Eröffnungs- und plinianischen Phase entstandenen Fallsedimente bedecken eine weites Gebiet in nordöstlicher Richtung und sind bis zu 30 m mächtig. Die Fließablagerungen dagegen stammen hauptsächlich aus der letzten, phreatomagmatischen Phase und finden sich in der umliegenden Ebene bis in einer Entfernung von mehr als 15 km. Auch hier stürzte die Caldera ein. Es ist der älteste Ausbruch, der archäologisch nachweislich verheerende Auswirkung auf die Bevölkerung hatte. Wie zahlreiche, weit verstreute archäologische Zeugnisse belegen, wurden viele Dörfer der frühbronzezeitlichen »Palma Campania«-Kultur, wie bei Croce del Papa in der heutigen Gemeinde von Nola, dabei zerstört. Bisher wurden nur zwei menschliche Opfer gefunden, jedoch zeugen die auf der Ascheschicht erhaltenen Fußabdrücke der Bewohner und der Haustiere in mehreren Fällen zumindest vom Versuch einer Flucht (s. Abb. 2). Wenige Jahrzehnte nach dem Ausbruch besiedelten die Menschen teilweise dieselben, gefährlichen Gebiete am Hang des Vulkans wieder. Anhand von organischem Material wurde der Ausbruch in die Zeit zwischen 1935 und 1880 v. Chr. datiert. Möglicherweise stimmt somit dieses Ereignis mit einer Nachricht des Historikers Berossos überein, der von einem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 1894 v. Chr. berichtet.

Zwischen dieser und der Eruption von 79 n. Chr., bei der u. a. Pompeji und Herculaneum zerstört wurden, sind mindestens sechs subplinianische (weniger explosive) Ausbrüche nachweisbar. Der jüngste von ihnen fand vermutlich 217–216 v. Chr. statt. Wahrscheinlich wurden die Griechen, die auf den damaligen Handelsrouten das Mittelmeer durchquerten und seit dem 16. Jh. v. Chr. Ischia bewohnten, Zeugen dieser Ausbrüche.

Abb. 3| Karte Kampaniens mit den geologischen Störungen und Kratern © G. Orsi u.a., aus: Facing volcanic and related hazards in the Neapolitan area, 2003
Abb. 3| Karte Kampaniens mit den geologischen Störungen und Kratern © G. Orsi u.a., aus: Facing volcanic and related hazards in the Neapolitan area, 2003

Aber nicht nur der Vesuv, sondern auch die anderen Vulkane der Region, Ischia und die Phlegräischen Felder, waren und sind immer noch eine Gefahr für Kampanien (s. Abb. 3). Der katastrophale Ausbruch der Phlegräischen Felder vor 39.000 Jahren war bisher die Eruption mit dem größten Ausmaß seit dem Jungpleistozän. Sie verwüstete nicht nur die Region vollständig, deren geologisches und morphologisches Gefüge dabei auch erheblich verändert wurde, sondern hatte auch – zumindest in Südeuropa – tiefgreifenden Einfluss auf Klima und Umwelt. Das zweitgrößte Eruptionsereignis der Phlegräischen Felder, der so genannte Ausbruch des »gelben neapolitanischen Tuffs«, ereignete sich vor ca. 15.000 Jahren. Der letzte Ausbruch ereignete sich im Jahr 1538.

Auch der Vulkan Epomeo zerstörte wiederholt Siedlungen auf der Insel Ischia, wie Funde aus einem kleinen Fischerdorf am Kap von Punta Chiarito belegen, das vermutlich kurz nach 700 v. Chr. einem Ausbruch zum Opfer fiel.

Außerdem haben die Aktivitäten dieser Vulkane auch dazu beigetragen, dass der Boden sich langsam hob oder senkte (sog. Bradisismus). Dies brachte Dörfer wie Poggiomarino, das am Ufer des Sarno lag, immer wieder zusätzlich in Bedrängnis. Bei dem Ausbruch der Phlegräischen Felder von 1538 zum Beispiel entstand der Vulkan Monte Nuovo, was wenige Kilometer östlich bei Pozzuoli zu einer Bodenhebung von 6 m in nur zwei Tagen führte.

Trotz der verheerenden Ereignisse ließen sich die Menschen nicht davon abhalten, diese Region dauerhaft zu besiedeln. Heute ist die gesamte Küste des Golfs von Neapel, die Region um den Somma-Vesuv und der gesamte Einsturzkessel der Phlegräischen Felder mehr oder weniger zusammenhängend besiedelt. Mit seiner Lage zwischen und auf zwei aktiven Vulkanen und seiner dichten Besiedlung mit ca. 4 Millionen Einwohnern ist es eines der offenkundig am meisten gefährdeten Gebiete weltweit.

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  • G. Orsi – L. Civetta - M. De Lucia
    Der Somma-Vesuv: Ein Vulkan zwischen Urgeschichte und Geschichte, in: Harald Meller und Jens-Arne ­Dickmann (Hrsg.), Pompeji – Nola – Herculaneum – Katastrophen am Vesuv (München 2011) 24-35.
  • M. Barth
    Der Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr., Chronologie einer Katastrophe, in: Harald Meller und Jens-Arne ­Dickmann (Hrsg.), Pompeji – Nola – Herculaneum – Katastrophen am Vesuv (München 2011) 73-81.