16.12.2017 - 19:53:19

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)

Die Casa del Menandro

Leben in einem pompejanischen Haus

19.7.2012

Die römische Kleinstadt Pompeji wies zum Zeitpunkt ihres Unterganges 79 n. Chr. eine Besiedlungsgeschichte von etwa 700 Jahren auf, die zunächst von oskischer, samnitischer, griechischer und etruskischer Kultur geprägt wurde. Die letzten 250 Jahre vor ihrem Untergang sind historisch und archäologisch am besten zu fassen und lassen die meisten Aussagen zu Lebenswelt und Sozialgefüge zu. Von einem kleinen Besiedlungekern im Südwesten des Stadtgebietes ausgehend, wurde das Areal innerhalb des Stadtmauerrings nach und nach erschlossen. Die sukzessive Anlage des Straßensystems führte zu einer regelmäßigeren Einteilung des städtischen Raums in Bebauungsflächen, in denen von Straßen umschlossene Häusergevierte (insulae) entstanden. Die kulturellen Einflüsse der griechisch-hellenistischen Zivilisation wurden durch die Übernahme und Anlage charakteristischer Bauformen während dieser Umbauphase der Stadt im 2. Jh. v. Chr. sichtbar. Im öffentlichen Bereich entstanden die Theaterbauten und die Stabianer Thermen im privaten Bereich dagegen zeigt sich dieser Einfluss beispielsweise durch wachsenden Wohnkomfort in Form hauseigener Bäder und ausgedehnter Säulenhöfe.

Die Insula I 10 in Pompeji

Abb. 1| Grundriß der Insula I 10 © LDA Sachsen-Anhalt
Abb. 1| Grundriß der Insula I 10 basieren auf Vermessungsdaten des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 2010. Kartiert sind die einzelnen Funktionsbereiche der Casa del Menandro © LDA Sachsen-Anhalt
Abb. 2| Detailansicht des Korkmodells der Insula I 10 von Pompeji © J. Liptak
Abb. 2| Detailansicht des Korkmodells der Insula I 10 von Pompeji im Maßstab 1:50. Es wurde 2010 / 2011 vom Kölner Künstler Dieter Cöllen angefertigt und zeigt einen künstlichen Zustand der Ruine. Zentral zu sehen sind der herrschaftliche Hauseingang, sowie das atrium und peristylium der Casa del Menandro. Die moderne Überdachung ist dabei nicht nachgebildet, die modern wieder errichteten Säulen der Portiken sind stattdessen dargestellt © J. Liptak

Die im Süden der Innenstadt gelegene Insula I 10 beherbergte nach zahlreichen Grundstückszusammenlegungen und Überbauungen zwischen dem 3. Jh. v. Chr. und dem 1. Jh. n. Chr. sieben Wohnhäuser, von denen das zentral gelegene und mit Abstand prächtigste, die »Casa del Menandro« (Haus des Menander), allein im 1. Jh. n. Chr. fast zwei Drittel der Fläche einnahm (s. Abb. 1). Als einziges Anwesen des Straßengevierts grenzte es an alle vier Fassaden der Insula, die in den übrigen Bereichen kleinere Häuser, Wohn- und Gewerbeeinheiten enthielt. Eine fullonica (Walkerei), (I 10,6), zwei thermopolia (Garküchen), eine davon mit Gastraum im Inneren (I 10, 2.13) und kleinere Läden, teilweise mit separaten Mietwohnungen im Obergeschoß (I 10,5. 9.12) lassen vermuten, dass dem Besitzer der Casa del Menandro auch weiterer Grund gehörte, den er durch Verpachtung wirtschaftlich nutzte (s. Abb. 2).

Die Anlage von vermietbarem Wohn- und Geschäftsraum innerhalb der Insula unmittelbar neben dem herrschaftlichen Stadthaus zeigt beispielhaft die hierarchisch strukturierte enge Verzahnung von Leben und Wohnen verschiedener sozialer Schichten auf engstem Raum.

Das Haus des Menander

Abb. 4| Blick in das peristylium der Casa del Menandro. Foto: O.Mustafin
Abb. 4| Blick in das peristylium der Casa del Menandro . Foto: O.Mustafin

Den Kernbereich des herrschaftlichen Stadthauses bildet das um 250 v. Chr. erbaute Atrium mit den umliegenden Räumen. Ein Jahrhundert später wurde das damals noch bescheidene Haus modernisiert und mit architektonischen Dekorationen ausgestattet. Im 1. Jh. v. Chr. erhielt es mit dem weiträumigen Hof und den darum angeordneten, mit Wandmalereien und Mosaiken reich ausgestatteten Festsälen seine herrschaftliche Gestalt.

Außen mit einer schlichten Fassade versehen, beeindruckte das Haus im Inneren mit seinen gestaffelten und prächtig ausgeschmückten Räumen: dem Eingangskorridor, dem zentralen, nach oben offenen Atrium mit seinem marmorverkleidetem Wasserbecken in der Mitte und dem tablinum als einer der wichtigsten Repräsentationsräume, die dabei in einer Sichtachse liegen. Die asymetrisch dazu angelegten luxuriös ausgestatteten Speiseräume sind über das dahinter liegende säulenumstellte Peristyl zugänglich (s. Abb. 4). Sie liegen auf der Westseite des Anwesens und sind wiederum Pendant eines weiteren luxuriösen Wohnbereichs des Hausherrn: dem hauseigenen Badetrakt (balneum). Zum Zeitpunkt des Vulkanausbruchs befand es sich, wie weite Teile des Hauses, im Umbau und die Versorgungseinrichtungen wie Wasserleitungen oder Heizsystem waren nicht in Funktion.