13.02.2012 - 22:02:48

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)
Pfahlbauten rund um die Alpen.

von Helmut Schlichtherle - 2.5.2001

Kult und Religion

Mit weißer Farbe bemalte Wandteile aus der Pfahlbausiedlung Ludwigshafen am Bodensee. Sie kommen aus einem im 39. Jh. v. Chr. abgebrannten Haus der älteren Pfyner Kultur, das vermutlich zeremonialen Zwecken diente. (Foto: LDA Baden-Württemberg)
Mit weißer Farbe bemalte Wandteile aus der Pfahlbausiedlung Ludwigshafen am Bodensee. Sie kommen aus einem im 39. Jh. v. Chr. abgebrannten Haus der älteren Pfyner Kultur, das vermutlich zeremonialen Zwecken diente. (Foto: LDA Baden-Württemberg)

Die zirkumalpinen Pfahlbauten sind berühmt für ihre überaus reiche Überlieferung der Alltagskultur. Hinweise auf Kult und Religion ihrer Bewohner sind dabei lange Zeit auffällig spärlich geblieben. Schmuckstücke mit Amulettcharakter, besonders verzierte Gefäße und wenige Idole und Tierfiguren ließen von geistiger Kultur nicht viel erkennen. Auch konnten nur selten Gräber mit den Siedlungen direkt in Verbindung gebracht werden. Eine markante Erscheinungsform jungsteinzeitlicher Religiosität sind jedoch Menhire an den Seen der Westschweiz, die durch aktuelle Grabungstätigkeit den Ufersiedlungen zeitlich zuzuweisen sind. Es handelt sich um einzeln oder in Gruppen aufgestellte Steine von teilweise kolossalem Ausmaß. Sie bezeugen Kontakt zu den Megalithkulturen Westeuropas und stellen vielleicht Ahnenfiguren dar.

Am Bodensee glückte Anfang der 90er Jahre eine weitere, nicht weniger wichtige Entdeckung. In den Ufersiedlungen von Ludwigshafen und Sipplingen fanden sich Reste abgebrannter Lehmhäuser mit Wandmalerei in weißer Kalkfarbe. Zahlreiche Zeichen und Symbole, ein im Brandschutt gefundenes Gehörn eines riesigen Urstieres und nahezu lebensgroße, realistisch aus Lehm auf die Wand geformte weibliche Brüste lassen vermuten, daß sie zu kultisch genutzten Pfahlhäusern gehören. Die Symbolik läßt auf südosteuropäische Einflüsse schließen, und es ist denkbar, daß religiöse Vorstellungen bis zum Bodensee vordrangen, die in altorientalischen Fruchtbarkeitsgottheiten ihr Vorbild hatten. Die Entdeckungen zeigen, daß wir auch nach mehr als 140 Jahren Pfahlbauforschung noch unvermittelt auf völlig Neues stoßen können und vielleicht wesentliche Phänomene noch unbekannt sind.

Kulturerbe unter Wasser

Freilegung einer Kulturschicht in Sipplingen. (Foto: LDA Baden-Württemberg)
Freilegung einer Kulturschicht in Sipplingen. (Foto: LDA Baden-Württemberg)

Die Pfahlbauten sind zweifellos Kulturdenkmale von europäischem Rang. Wie nirgends sonst in der Alten Welt sind hier vorgeschichtliche Siedlungen in großer Zahl unter Wasser konserviert und bieten alle Möglichkeiten umweltgeschichtlicher, bioarchäologischer und dendrochronologischer Forschung. Umso alarmierender ist es, daß ein großer Teil der Fundstätten in unserer Zeit erheblich gefährdet ist. Erosion durch Umweltveränderungen, Schilfsterben und Wassersport in den Seen, Austrocknung und Zersetzung durch Grundwasserabsenkung und moderne Landwirtschaft in den Feuchtgebieten bedrohen ganze Fundlandschaften.

Die Denkmalpflege, die sich bisher bemühte, anstehenden Baumaßnahmen durch Rettungsgrabungen auch unter Wasser zuvorzukommen, hat die Gefahr flächengreifender, stiller Zerstörung erkannt. In der Schweiz, in Ostfrankreich und Süddeutschland wurde mit ersten Versuchen begonnen, Forschungsreservate für die Zukunft zu begründen. Die Maßnahmen umfassen Renaturierung von Ufern und Einbau von Erosionsschutz in den Seen sowie Extensivierung landwirtschaftlicher Nutzung und Stabilisierung oder Wiederanhebung von Grundwasserständen in Mooren.

Die Projekte erfordern ein enges Zusammenwirken mit Wasserbehörden und Naturschutz. Nur auf diesem, auch in Feuchtgebieten Nordeuropas eingeschlagenen Weg wird es gelingen, einmalige Fundstätten für kommende Generationen zu sichern.


Dieser Artikel wurde zuerst publiziert in H. Schlichterle (Hrsg.), Pfahlbauten rund um die Alpen (Stuttgart: Konrad Theiss Verlag 1997).