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Von A bis Z

Warum Pfahlbauten
Im populären Sinn bezeichnet man die Ufer- und Moorsiedlungen des Alpenvorlandes auch heute noch als "Pfahlbauten". In der wissenschaflichen Diskussion verwendet man den neutraleren Begriff "Feuchtbodensiedlung". Gemeinsam ist den Siedlungen weniger ihre Bauweise - die von 'echten' Pfahlhäusern über vom Grund durch Schwellhölzer abgehobene Konstruktionen bis zu ebenerdigen Bauten in großer Vielfalt variiert -, als vielmehr die Wahl des Bauplatzes in feuchten und überfluteten Uferzonen. Was mag vorgeschichtliche Siedler, die in nahezu allen Landschaften Europas sorgsam darauf bedacht waren, trockenen und geeigneten Baugrund auszuwählen, dazu bewogen haben, sich in grundnassem, von Zeit zu Zeit überflutetem oder gar ständig wasserbedecktem Gelände niederzulassen?
Dazu muß man wissen, daß das Alpenvorland nicht zu den bevorzugten Bereichen Europas gehört, in denen sich seit dem 6.Jt.v.Chr. die ersten Ackerbaukulturen ausbreiteten. Die Zentren des Geschehens, das Altsiedelland, lagen außerhalb. In Südwestdeutschland und in Ostfrankreich erbrachten neue Untersuchungen Hinweise darauf, daß die Bautätigkeit an den Seeufern immer dann an Intensität gewann, wenn auch in benachbarten Altsiedellandschaften eine rege Siedeltätigkeit herrschte. Die Verknappung bevorzugter Lebensräume könnte also zum Ausweichen in Randgebiete geführt haben, zu denen die Seen zu rechnen sind.
Dies erklärt jedoch nicht, weshalb man in die Seebecken hineinbaute, denn man hätte in nur geringer Entfernung vom Wasser trockenes und überflutungssicheres Terrain aufsuchen können.
Hierzu einige Erklärungsmöglichkeiten:
- Zeiten hoher Siedlungs- und Bevölkerungsdichte konnten auch gefährliche Zeiten sein und ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis mit sich bringen. Daß die Pfahlbausiedler nicht nur am Wasser wohnen, sondern möglichst weit in die Seen vordringen wollten, zeigen zahlreiche Beispiele von Siedlungen, die extrem in die Flachwasserzone vorgeschoben wurden oder auf Inseln und an der Spitze von Halbinseln liegen. Historische und ethnographische Beispiele - die indianische Gründung der Stadt Mexiko, die spätantike und mittelalterliche Gründung von Grado und Venedig, die Errichtung der großen Pfahlbausiedlungen in den Lagunen des Benin - belegen die Bedeutung von Populationsdruck und Suche nach Sicherheit bei der Wahl nasser und wasserumgebener Siedlungsstandorte.
- In Gewässern und im Torf waren Bauten leicht und schnell zu errichten. Pfosten konnten bis zu 4m tief eingedrückt werden, ohne daß man - wie auf festem Land - Pfostenlöcher ausheben mußte. Das Bauen erforderte jedoch eine relativ leichte Architektur und spezielle Kenntnisse im Umgang mit dem grundbruchgefährdeten Untergrund. Die Häuser hatten nur eine sehr begrenzte Standzeit von 2-20 Jahren. Bei nachweislich häufiger Siedlungsverlagerung spielte dies jedoch keine besondere Rolle. Gerade bei schnellem Siedlungswechsel war das Bauen in Feuchtsedimenten geeignet.
- Zumindest in Süddeutschland kam die allgemeine Entwicklung des Hausbaus den Pfahlbausiedlern entgegen. Die Tradition des Frühneolithikums, große, schwere Langhäuser zu errichten, war abgebrochen, und es begannen sich unter dem Einfluß der Lengyelkultur kleinere, leichte Häuser durchzusetzen. Genau zu diesem Zeitpunkt setzt die Besiedlung der Feuchtgebiete ein.
- In Pionier- und Randgebieten spielten Jagd und Sammeltätigkeit eine grössere Rolle und dienten als Ausgleich und Sicherheit bei Mißerfolgen bei Ernte und Tierhaltung. Nachweislich gepflegt von den Pfahlbausiedlern wurden neben dem Sammeln von Wildfrüchten die Jagd und der Fischfang - und Fischer halten gerne Kontakt mit ihrem Gewässer.
- Die Seen waren ideale Verkehrswege, auf denen man mit Einbäumen verkehren und leicht Personen, Waren- und Baumaterial transportieren konnte.
Die letztgenannten Argumente können für Siedlungen in sehr kleinen Seen nicht zutreffen. In mehreren Fällen sind sie zu winzig, um für Fischfang und Schiffahrt von Bedeutung zu sein. Gegen die übrigen angeführten Punkte ließe sich einwenden, daß sich die große Zahl vorgeschichtlicher Kulturgruppen in den weiten Landschaften Europas auch anders zu helfen wußte. Um Sicherheit zu erlangen, legte man z.B. Höhensiedlungen an oder erbaute Erdwerke und Palisadensysteme. Zudem kann leichte Architektur ohne Zweifel auch auf festem Land errichtet werden. Bemerkenswert ist vor allem, daß es in anderen Seen- und Moorgebieten Europas nur sporadisch zu Feuchtbodensiedlungen kam.
Im Alpenvorland hingegen wurden bereits 500 Siedlungsareale dieser Art entdeckt. Die meisten sind mehrphasig, die Zahl der damit faßbaren Einzelsiedlungen dürfte somit weit über tausend liegen.

