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Kleine Pferde - Große Wirkung: Die Folgen der Domestikation

8.8.2005

Pferde transportierten das Hab und Gut der Nomandenstämme, trugen Hunnen und Mongolen auf ihren Eroberungszügen oder zogen die Streitwagen der Kelten, Griechen und Römer. Kein Zweifel – Pferde haben Geschichte gemacht, auf Feldern wie auf Schlachtfeldern.

Mit dem Aufkommen der Hauspferde hat sich die räumliche Mobilität des Menschen nachhaltig verändert: Erstmals standen Tiere zur Verfügung, die sich als schnelle und ausdauernde Reittiere einsetzen liessen und die als man als wendige und kräftige Zugtiere nutzen konnte. Vor allem in dieser Funktion hat das Pferd den Personen- und Warentransport in den prähistorischen Kulturen der Alten Welt geradezu revolutioniert – und zwar in einem Masse wie erst wieder die Eisenbahn und das Automobil im 19. Jahrhundert.

Auf hohem Ross – das Pferd als Reittier

Tonplastik eines Pferdes mit Reiter aus einem Grabhügel der frühen Eisenzeit von Speikern, Bayern (Bild: W. Torbrügge)
Tonplastik eines Pferdes mit Reiter

Sobald der Mensch beritten war, hat sich seine Mobilität entscheidend vergrößert. Darüber hinaus hatten Reitpferde auch eine enorme strategische Bedeutung – betrachtet man Kriege und Schlachten als Zentralthema der Historie, dann haben „Reitpferde“ zweifellos Geschichte geschrieben. Doch leider mangelt es im archäologischen Sachgut an eindeutigen Indizien, wann der Mensch zu Reiten begonnen hat: Das Zaumzeug verrät in dieser frühen Zeit keine charakteristischen Unterscheide, ob Pferde als Reit- oder Zugtiere genutzt wurden. Steigbügel, Sporen oder Sättel als Ausrüstung eines Reiters sind erst relativ spät bezeugt. Für Mitteleuropa fehlt vor dem 8. Jahrhundert jeder eindeutige Hinweis auf das Reiten; die ältesten unzweifelhaften Belege für Reiter stammen sämtlich aus der frühen Eisenzeit.

Somit scheint vorerst nur gesichert, dass das „Fahren“ älter ist als das „Reiten“: Entsprechende Beigaben in den Wagengräbern, Einzelfunde von Rädern sowie bildliche Darstellungen und die Forschungen der Sprachwissenschaft bestätigen diesen Befund. In den altorientalischen Schriftquellen sind Begriffe für Fahren, Wagen und entsprechende Zugtiere bereits im 3. und 2. Jahrtausend reichlich vorhanden – vom Reiten ist erst im 1. Jahrtausend die Rede.

Wagen der Bronzezeit

Darstellung eines zweirädrigen Streitwagens mit Speichenrädern, Deichsel, Achse und Joch sowie einem Pferdegespann. Bronzezeitliches Felsbild aus Südschweden (Bild: Landesmuseum Oldenburg)
Darstellung eines zweirädrigen Streitwagens

Seit seiner Erfindung war das hölzerne Scheibenrad an schweren, von Rinder gezogen Karren in Gebrauch. Diese landwirtschaftlichen Nutzfahrzeuge waren bis in die späte Bronzezeit im Einsatz, wie zahlreiche Radfunde aus den Moor- und Ufersiedlungen des Alpenvorlandes belegen.

Mit der Einführung des Pferdes als Zugtier tritt während der älteren Bronzezeit eine entscheidende Änderung in der Geschichte des Wagens in Mitteleuropa ein. Mit dieser Neuerung geht notwendigerweise die Entwicklung von Zaumzeug und leichteren Fahrzeugtypen einher, denn die Pferde wurden vornehmlich als Zugtiere für den leichten und schnellen Streitwagen eingesetzt. Vieles spricht dafür, dass der leichte Pferdewagen von einer gesellschaftlichen Elite eingeführt wurde – zu einer Zeit als in Mitteleuropa weiträumige Handelsbeziehungen (z.B. Zinn) einen Höhepunkt erreichten !

In der jüngeren Bronzezeit erfolgte die Entwicklung eines vierrädrigen, oft mit Bronzebeschlägen reich verzierten Wagens. Nicht anders als heute waren die Wagen zugleich Transportmittel und Prestigeobjekt; insbesondere bei religiösen Ritualen besaßen sie oftmals eine herausragende Bedeutung – etwa im Grabritus, bei Prozessionen oder in Form sogenannter Kultwagen.

Die letzte Reise – die ältesten Wagenbestattungen in Mitteleuropa

Kesselwagen aus einem Grab bei Acholshausen (Unterfranken, Bayern), um 1000 v.Chr. (Bild: Württembergisches Landesmuseum Stuttgart)
Kesselwagen aus einem Grab bei Acholshausen (Unterfranken, Bayern), um 1000 v.Chr.

Rund ein Dutzend Brandgräber aus dem Alpenvorland und Schweizer Mittelland belegen die herausragende Bedeutung des vierrädrigen Wagens mit Speichenrad: Die Wagen sind Luxus- und Prestigeobjekt einer gesellschaftlichen Elite und zugleich Zeremonialwagen im Kult. Funde von Waffen, Geschirrservicen und Metallgefäßen belegen die herausragende Stellung der Bestatteten; am Wagen angebrachte Verzierungen mit Amulettecharakter und Vogelfiguren weisen in den kultisch-religiösen Bereich.

In den Wagengräbern finden sich oftmals Bestandteile von Pferdegeschirr, darunter Trensen mit Gebißstück, seitlichem Wagenstück und Resten des Zaumzeugs. Geschmückt wurden die Pferde mit einer Vielzahl runder Zierscheiben (Phaleeren) und Anhängern.

Sancta Rota - Speichenräder und Kultwagen

Bronzenes Speichenrad eines Kultwagens aus Haßloch, Kr. Bad Dürkheim, ca. 700 v.Chr. Felgen und Speichen des Rades (Dm. ca. 50 cm) waren ursprünglich mit Holz ausgefüttert. Um das Rad vor einem Mißbrauch zu schützen, wurde es vor seiner Deponierung zerschlagen. (Bild: Historisches Museum der Pfalz)
Bronzenes Speichenrad eines Kultwagens aus Haßloch, Kr. Bad Dürkheim, ca. 700 v.Chr.

Die in Mitteleuropa erstmals in der Bronzezeit erscheinenden Speichenräder sind leichter und fragiler als die schweren hölzernen Scheibenräder und infolge ihrer oftmals geringen Speichenanzahl für ihre „primäre Funktion“ – Transport von Personen und schweren Lasten – meist ungeeignet. So wundert es nicht, dass Speichenräder fast ausschließlich im Bestattungszusammenhang und im Kult zu finden sind:

  1. „Kesselwagen“ mit Gefäßen auf Rädern haben im Symbolgut und Kultgeschehen eine besondere Bedeutung; sie stammen ausschließlich aus Gräbern, die – ähnlich den Wagengräbern – mit Lanze und Schwert insbesondere kriegerische Elemente aufweisen.
  2. Bronzene Speichenräder, deren hölzerne Laufflächen mit Bronzenägeln beschlagen waren, gehören vermutlich in einen ähnlichen kultischen Kontext. Obwohl nur in Teilen überliefert, trugen diese meist vierrädrigen Wagen auf ihrer Lafette entweder einen grossen Kessel, ein Kultbild oder ein Figurenensemble.