27.05.2012 - 11:07:38
Kooperation

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)
Pilze, Paranüsse, Teewärmer und eine Schattenseite des Mondes. Schwertknäufe als Quellen zur Geschichte der Himmelsbeobachtung im Mittelalter

von Stefan Mäder - 12.10.2007

Das Minneideal des christlichen Ritters von der unerfüllten Liebe zu einer unerreichbaren Dame konnte so im übertragenen Sinne aus dem Schwert(-knauf) selbst hergeleitet werden. Ebenso war der Trost durch Leidensweg und Auferstehung Christi - in Form der Verbindung der langen Parierstange mit der Klinge - im wahrsten Sinne des Wortes bequem zur Hand.  Neben der Funktionalität ihrer mit Inschriften versehenen Klingen und ihrer durch eine lange Parierstange bedingten Kreuzgestalt, konnten Schwerter mit Knäufen in Mondform die Muttergottes, das Prinzip des Weiblichen und den Kreislauf des Lebens ins Gedächtnis rufen. Bei dem hohen Symbolgehalt der mittelalterlichen Schwerter kann es kaum noch verwundern, dass sich die Helden der mittelalterlichen Dichtungen möglichst nicht von ihren Schwertern trennten, bzw. verhindern wollten, dass sie in unwürdige Hände gelangten.

Das Vorkommen von Schwertknäufen in Form verschiedener Mondphasen wirft natürlich auch die ganz konkrete Frage nach der spezifischen Bedeutung der einzelnen Mondphasen in der astrologischen Lehre des Mittelalters auf. Die Datierung der einzelnen mittelalterlichen Schwerttypen und Knaufformen steht aufgrund verschiedener Unwägbarkeiten  bislang noch keineswegs auf festem Grund. Dieselben bestehen unter anderem in den Gepflogenheiten bei der Vererbung von Schwertern und ihrer in Mittel- und Westeuropa häufigen Überlieferung als Einzelfunde ohne genauer zu datierende Beifunde. In Skandinavien sind die zonal gegliederten, im 8. und 9. Jahrhundert am weitesten verbreiteten Knaufformen noch länger verbreitet als im Kerngebiet des karolingischen Reiches.

Auch für die 3-, 5- oder 7-fach gegliederten Knaufformen der Karolingerzeit will dem Verf. folgende Deutung als Darstellungen der Mondphasenabfolge als nicht ganz abwegig erscheinen: entsprechend der fotographischen Darstellung der Mondphasen in Abb. 5 kann der mittlere Höcker an den zonal gegliederte Knäufen, der oft über die anderen hinausragt, als der einmal monatlich vorkommende Vollmond gedeutet werden. Die zum Rand hin kleiner werdenden Höcker stünden entsprechend für die je zweimal monatlich vorkommenden Halbmond- und die sichelförmigen Mondphasen. So könnten diese typisch karolingerzeitlichen Knaufformen als früheste Stufe der ab dem späten 9./frühen 10. Jahrhundert aufkommenden Mondknauftypen gewertet werden. Im Zusammenhang mit der Reform der Himmelskunde unter Karl dem Großen sollte auch diese vorläufige Deutung überprüft werden. Die hier vorgestellten Beobachtungen und Interpretationsvorschläge werfen neue Fragen auf, eröffnen aber immerhin auch einen neuen Zugang zum Feld der mittelalterlichen Himmelsbeobachtung. Ist man bereit einigen der hier gezogenen Schlussfolgerungen zu folgen, erweitert sich der Zeitraum entscheidend, in dem ein Zusammenhang zwischen Schwertern und Himmelserscheinungen bisher nachweisbar war.

7. Schwertknäufe und Himmelsbeobachtung zusammengefasst

Die Grundaussage der vorliegenden Arbeit besteht in folgender Beobachtung: bei den bisher in der deutsch- und englischsprachigen Fachliteratur unter anderem als Pilz-, Paranuss-, Scheiben-, Teewärmerknäufe bezeichneten Schwertknaufformen des Zeitraums zwischen dem 9./10. und dem 13. Jahrhundert handelt es sich eindeutig um Darstellungen verschiedener Mondphasen. Als auch vom Bedeutungsinhalt her direkte Vorläufer dieser Knauftypen mit konkretem Bezug zur Abfolge der Mondphasen sollten die 3-, 5-, oder 7-fach gegliederten Knauftypen der früheren Karolingerzeit in Betracht gezogen werden. Dieselben werden vom Verf. bis zum Aufkommen einer stimmigeren Interpretation als Darstellung der Mondphasen mit dem Vollmond als Mittelhöcker und den seitlichen Höckern als Sinnbilder für die Halbmond- und Mondsichelphasen gedeutet.  Für die bisher so genannten Pilz- und Teewärmerknäufe wird der Begriff „Halbmondknäufe mit konvexer, bzw. gerader Basislinie“ vorgeschlagen. Die kugelförmigen und so genannten Scheibenknäufe werden als „Vollmondknäufe in Kugel-, bzw. Scheibenform“ bezeichnet. Für die extrem bauchigen Ausprägungen der so genannten Paranussknäufe wird der zugegebenermaßen etwas kantige Begriff „Nahhalbmondknäufe“ geprägt. Die am weitesten verbreiteten flachen Varianten der Paranussknäufe werden aufgrund einer Übereinstimmung mit der von der Sonne unbeleuchteten, der Erde zugewandten, Mondseite als „Mondschattenknäufe“ bezeichnet. Von E. Oakeshott so benannte Boots- und Mondsichelknäufe werden unter dem Begriff „Mondsichelknäufe“ zusammengefasst. Eine letzte Gruppe, die von Oakeshott mit der Hilfsbenennung „Dreispitzknäufe“ versehen worden ist, bezeichne ich als „Mondsichelknäufe mit Mittelhöcker“.

Damit ist erst die Grundlage für ein neues typologisches System gelegt, das unter umfassender Einbeziehung der bisher bekannten Sachzeugnisse erstellt werden müsste.  Es ist nicht meine Absicht den Aussagewert bestehender Typologien in Frage zu stellen. Dennoch ergibt sich aus der Beobachtung von weitgehenden Übereinstimmungen zwischen Schwertknaufformen, den Mondphasen und ihrer Wiedergabe z. B. in der mittelalterlichen Manuskriptillumination eine Notwendigkeit zur Aufarbeitung der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Schwertes in Europa. Dazu gehört neben dem Verfolgen des zeitlich parallelen Zusammenhangs zwischen Schwertern, Drachen und Himmelskörpern in Ostasien auch die Überprüfung bisher bestehender, ausschließlich formal und metrisch begründeter typologischer Systeme.

Eine zeitliche Abfolge deutet sich an, bleibt aber eingehender zu überprüfen, was mir am gegenwärtigen Arbeitsort nicht möglich war. Halbmond- und Vollmondknäufe bilden möglicherweise die Basis, auf die Nahhalbmond- und Mondschattenknäufe folgen. Mondsichelknäufe und Mondsichelknäufe mit Mittelhöcker scheinen die jüngsten Ausprägungen der Mondknaufgruppe darzustellen. Ein möglicher Ursprung der „Mondmode“, die sich an Schwertknäufen ab der späteren Karolingerzeit in größerem Umfang abzeichnet, ist das von Karl dem Grossen in Angriff genommene Reformenspektrum, das unter anderem eine Wiederbelebung der antiken Astronomie/Astrologie zum Inhalt hatte. Sollte die hier vorgeschlagene Deutung ein gewisses Maß an Anklang finden, müsste das  - von der historischen Forschung bisher als von untergeordneter Bedeutung eingestufte - Aufleben von Astronomie und Astrologie unter Karl dem Grossen neu bewertet werden. Als mögliche Vorläufer der unter den  Karolingern aufkommenden „Mondknaufmode“ sind auch die meist aus organischem Material hergestellten Knäufe in Scheiben-, Kugel, und Halbkreisform, sowie anderes Zubehör  an Schwertern der römischen Kaiserzeit von Interesse. Ob auch verschiedene Knaufformen des 5. bis 8. Jahrhunderts Bezüge zu astronomischen Erscheinungen aufweisen ist aus ihrer Form heraus nicht zu bestimmen. Hier wäre eine Auswertung der häufig auf Schwertgefäßen dieses Zeitraums vorkommenden Tauschierungsmotive hilfreich.   Zum Bedeutungswandel des Schwertes im Zusammenhang mit der fortschreitenden Christianisierung und zu verschiedenen Bedeutungsebenen des Mondes im Mittelalter wurden am Beispiel der Schlangensymbolik auf Schwertern des 5. bis 10. Jahrhunderts einige Fakten erläutert und Deutungsvorschläge zur Diskussion gestellt.

Bis die hier vorgeschlagene Deutung hochmittelalterlicher Schwertknaufformen als Darstellungen verschiedener Mondphasen von der Fachwelt überhaupt zur Kenntnis genommen, geschweige denn auf ihre kulturgeschichtliche Tragweite überprüft werden wird, vergehen im Idealfall nur Jahre. Als ein Versuch den gewöhnlichen Gang der Dinge etwas zu beschleunigen, steht daher am Ende dieser Abhandlung kein gewöhnlicher Ausblick, sondern eine Aufforderung an die Fachwelt und interessierte Laien: ich bitte, die These von einem Sinngehalt mittelalterlicher Schwertknäufe als Darstellungen verschiedener Mondphasen zu überprüfen und gegebenenfalls mit besseren Argumenten, bzw. mit einer mindestens ebenso schlüssigen  Interpretation, zu widerlegen. Als eine Grundlage sei hier die Beobachtung eines wolkenarmen bis wolkenlosen Nachthimmels angeregt, denn  nicht nur die Sonne, auch der Mond scheint für alle.