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Pilze, Paranüsse, Teewärmer und eine Schattenseite des Mondes

Schwertknäufe als Quellen zur Geschichte der Himmelsbeobachtung im Mittelalter

12.10.2007

"Was der Mond uns ist, das sind wir dem Mond.
Und er sieht uns einmal als Sichel, einmal als Halbkreis,
einmal voll und einmal nicht."

(Bertolt Brecht: Leben des Galilei)

1. Einführung

Die Erforschung geistesgeschichtlich prägender Erscheinungen, ihrer Verbreitung in Kulturen der Vergangenheit und ihres Fortwirkens bis in die Gegenwart hinein ist ein wesentlicher Bestandteil des Abenteuers Archäologie. Schon jetzt mag sich manch vorsichtiger Leser fragen, was der Begriff Abenteuer in einer Abhandlung über vermeintlich so wenig aufregende Objekte wie mittelalterliche Schwertknäufe zu suchen hat. Nicht nur in Deutschland besagt eine von zahlreichen Fachleuten vertretene Ansicht, die Archäologie habe mit einem Abenteuer nichts gemein, sie beruhe vielmehr auf buchhalterischem Zusammentragen von Informationen und deren systematischer Kategorisierung. Dabei kann es bisweilen vorkommen, dass vor lauter wissenschaftlicher Akribie und Zurückhaltung bei der Deutung eines Forschungsgegenstandes der Ausblick auf größere Zusammenhänge auf der Strecke bleibt. Aus dieser Not - dem Rückzug in die viel zitierten akademischen Elfenbeintürme - eine Tugend zu machen steht nicht nur im Widerspruch zum Geist objektiver Forschung, sondern stellt bei genauer Betrachtung die Existenzberechtigung der Altertumswissenschaften in der Gegenwart in Frage. Archäologische Methoden wie die Formenkunde (Typologische Methode) sind dann kontraproduktiv, wenn sie zum Selbstzweck und nicht zur Grundlage weiter reichender kulturhistorischer Interpretationen werden. Dass Deutungsvorschläge gemacht, dieselben durch neue Erkenntnisse wiederum verworfen oder bestätigt werden, ist der ideale Gang der Dinge in der wissenschaftlichen Praxis. Hier soll nun eine "abenteuerlich" einfache Beobachtung als Beitrag zur Kulturgeschichte des Mittelalters zur Diskussion gestellt werden. Dieselbe hat ihren Ursprung einmal mehr in der Begegnung mit den Überresten der Kultur des alten Japan. Der vorliegende Artikel ist als Vorbericht für eine ausführlichere Publikation gedacht, zu deren Abfassung die notwendigen Quellen dem Verf. in Japan nicht zur Verfügung standen.

2. Anmerkungen zur Forschungsgeschichte

Durch neue Funde und Forschungsansätze wird der hohe Stellenwert der Himmelsbeobachtung in Europa und Vorderasien seit der Jungsteinzeit immer offenbarer. Mit der 2002 begonnenen Untersuchung und Auswertung der 1999 durch Raubgräber aufgefundenen „Himmelsscheibe von Nebra“ (ca. 1600 v. Chr.) rückte die Archäoastronomie verstärkt ins Blickfeld öffentlichen Interesses [1]. Die bisherigen Forschungsergebnisse zu prähistorischen Steinsetzungen und bspw. dem bronzezeitlichen „Sonnenwagen von Trundholm“, sowie den derselben Epoche angehörenden „Goldhüten“ mit astronomischem Bezug machen weitere Anstrengungen zur Erhellung prähistorischer Astronomie unabdingbar [2]. Dasselbe gilt für eine – noch genauer zu überprüfende - revolutionäre Theorie zum Ursprung der Sternbilder [3]. Was vor dem Hintergrund der Begeisterung für die frühesten astronomischen Leistungen der Menschheit momentan ein wenig ins Hintertreffen gerät ist der Umstand, dass die Beobachtung der Gestirne in allen Epochen bis in die Gegenwart fortgeführt worden ist. Besonders der Beobachtung des Sonnenstandes und der Mondphasen kam für die Entwicklung von Kalendersystemen raum- und epochenübergreifend entscheidende Bedeutung zu. Was den Mond anbelangt, veranschaulichen dies nicht nur archäologische und historische Erkenntnisse, sondern auch populäre Veröffentlichungen der Gegenwart (s.u.a. Mondkalender). Immer ist zu bedenken, dass bis weit in die Neuzeit hinein nicht scharf zwischen Astronomie und Astrologie, d.h. zwischen „wissenschaftlichen“ und „esoterischen“ Beweggründen für die „Sternguckerei“ unterschieden werden kann.

  • [1] Meller, H. (Hrsg.), Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren. Ausstellungskatalog (Stuttgart 2004).
  • [2] Menghin, W. (Hrsg.): Der Berliner Goldhut und die goldenen Kalendarien der alteuropäischen Bronzezeit. Acta Praehistorica et Archaeologica 32, 2000, 31-10
  • [3] Wirth, K.H.: Der Ursprung der Sternzeichen. Ein prähistorisches Navigationssystem oder das Nautische Internet (Books-on-Demand 2000).