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Landschaftsgestaltung als astronomisches Instrument

Das älteste Sonnenobservatorium Amerikas

12.10.2007
Die »Zitadelle« von Chankillo. Befestigung, Tempel oder beides? Foto: Peruanischer Luftbilddienst (SAN)
Die »Zitadelle« von Chankillo.
Die 13 Türme und die vorgelagerten Gebäude, von der »Zitadelle« aus gesehen. Foto: © I. Ghezzi
Die 13 Türme und die vorgelagerten Gebäude

Die etwa 300 km nordwestlich von Lima in einer Wüstenregion nahe der peruanischen Küste gelegene archäologische Stätte von Chankillo ist der Wissenschaft bereits seit über 100 Jahren bekannt. Die Bedeutung der mehrere Quadratkilometer umfassenden Anlage, die in das Ende der Chavin-Kultur vor etwa 2.300 Jahren datiert wird, war jedoch bisher rätselhaft. Neuere Forschungen legen jetzt nahe, dass es sich um ein kulturelles Zentrum handelt, bei dessen Anlage die Beobachtung des Sonnenlaufes eine zentrale Rolle spielte.

Im Jahr 2001 kam Ivan Ghezzi, damals noch Student der Yale University, nach Chankillo, um Aspekte der Kriegsführung in jener Zeit zu untersuchen. Das bekannteste Bauwerk der Anlage, eine das Tal dominierenden Zitadelle, wurde lange als eine Hügelfestung angesehen. Schon bald jedoch zog eine andere Konstruktion seine Aufmerksamkeit auf sich: 13 steinerne Türme, die auf dem Kamm eines Hügels in der Nähe in kurzen Abständen nebeneinander errichtet worden waren. Dieses Monument, das aus der Ferne betrachtet an die Rückenstacheln eines urzeitlichen Tieres erinnert, war zwar ebenfalls bereits bekannt, sein Zweck war jedoch nach wie vor ein Rätsel.

 

 

Chankillo in Google Earth

In Google Earth können Sie sich die Situation von Chankillo im Gelände quasi dreidimensional betrachten. Laden Sie dazu einfach folgende Datei herunter und öffnen Sie diese in Google Earth: Download: Chankillo.kmz

Ghezzi wusste, dass schon im 19. Jahrhundert darüber spekuliert wurde, ob das Monument einen astronomischen Bezug haben könnte. Allerdings war diese These bisher nie ernsthaft weiter verfolgt worden. Um diese Frage zu klären, holte er sich Unterstützung von einem Fachmann, dem britischen Archäoastronomen Clive Ruggles. Die genaue Vermessung der Strukturen zeigte bald, dass sich die Anordnung der Türme auf dem Hügelkamm eindeutig auf den Lauf der Sonne bezog.

Der peruanische Archäologe Cesar Cornejo prüft die astronomische Ausrichtung während des Sonnenaufgangs zur Wintersonnenwende. Foto: © I. Ghezzi
Der peruanische Archäologe Cesar Cornejo prüft die astronomische Ausrichtung
Ausgrabung am westlichen Beobachtungspunkt (Sonnenaufgangsobservatorium). Im Hintergrund die »Zitadelle« von Chankillo. Foto: © I. Ghezzi
Ausgrabung am westlichen Beobachtungspunkt
Freilegung einer Keramikdeponierung während der Ausgrabungen am Sonnenobservatorium. Foto: © I. Ghezzi
Freilegung einer Keramikdeponierung

Die Türme haben jeweils einen rechteckigen oder rautenförmigen Grundriss, sind zwischen zwei und sechs Meter hoch und stehen in einem Abstand von etwa fünf Metern in Nord-Süd-Richtung nebeneinander. In der Hügelmitte sind die Türme am niedrigsten und werden nach aussen hin höher. An ihrer südlichen und nördlichen Seite führen Treppenstufen nach oben.

Etwa 200 m westlich des Hügels befinden sich die Überreste mehrerer Gebäude. Entlang der Südseite eines dieser Bauwerke verläuft ein etwa 40 m langer Korridor, der wie das Gebäude selbst sehr sorgfältig angelegt war: Er war gepflastert, mit weißer Farbe gestrichen und führte zu einer Maueröffnung, von der aus man direkt auf den Hügelkamm blickte. Der Kamm bildete von hier aus gesehen mit seinen Türmen einen „künstlichen“ Horizont. Anders als bei anderen Maueröffnungen in Chankillo waren hier keine Hinweise darauf zu entdecken, dass einst eine Tür die Öffnung verschloss. Allerdings deutet die Einfassung durch Mauern an, dass dieser Aussichtspunkt anscheinend nicht für jeden zugänglich war. Möglicherweise war der Zutritt auf Mitglieder einer Elite beschränkt, die das „Observatorium“ nutzten, um die Termine für Aussaat und Ernte oder für wichtige Zeremonien zu bestimmen. Zahlreiche Keramikscherben, Muscheln und Steinartefakte, die bei Ausgrabungen im Umfeld dieser Stelle ans Licht kamen, sind ein Indiz für rituelle Handlungen, die am Ende dieses Korridors angesichts des Hügelkamms durchgeführt wurden.

Ein weiteres Bauwerk, das anscheinend ebenfalls speziell für die Beobachtung der Türme auf dem Hügelkamm bzw. für damit in Verbindung stehende Riten errichtet wurde, fanden Ghezzi und seine Kollegen auf der anderen Seite des Hügels im Osten. Die Position eines kleineren, isoliert stehenden Gebäudes entspricht ziemlich genau derjenigen auf der westlichen Seite: beide Stellen liegen fast exakt auf einer Ost-West-Linie, in etwa der gleichen Höhe und im gleichen Abstand vom Hügel. Auch von diesem östlich des Hügels gelegenen Gebäude aus gesehen, bildet die turmbesetzte Kuppe den Horizont.