11.12.2017 - 10:26:41

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)

Die Geoglyphen von Nasca

Ist die astronomische Theorie zu den Linien und Figuren von Nasca noch relevant?

12.10.2007

Etwa 435 km südlich der peruanischen Hauptstadt Lima befinden sich, auf einer Hochebene nördlich des kleinen Städtchens Nasca, die sogenannten „Linien und Figuren von Nasca“. Tausende von kilometerlangen Linien, zahlreiche riesige Flächen, sowie gigantische Tier-, Pflanzen- und geometrische Figuren, sogenannte Geoglyphen, die in ihrer Gesamtheit nur aus der Luft erkennbar sind, bedecken das als "Pampa de Nasca" bezeichnete Wüstenplateau.
Wissenschaftler datieren die Zeichnungen auf die Epoche der Nasca- Kultur (etwa 200 v.Chr. bis 650 n.Chr.), was Untersuchungen nach der Radiokarbon- Methode (C14) und Stilvergleiche der Geoglyphen mit Figuren auf bemalten Tonvasen der Nasca- Kultur ergaben.

Wiederentdeckt wurden die Geoglyphen 1926 von dem peruanischen Archäologen Mejía Xesspe, der die Linien für ‚ceques', zeremonielle und religiöse Straßen, hielt. Inzwischen ranken sich die unterschiedlichsten Thesen und Spekulationen um die bis heute ungelöste Frage: „Warum wurden diese Zeichnungen geschaffen?“.

Heureka – Photo (M. Reiche Archiv, Lima)
Heureka – Photo (M. Reiche Archiv, Lima)

Eine der wesentlichen wissenschaftlichen Überlegungen beschäftigt sich mit der Astronomie- und Kalendertheorie. Der amerikanische Historiker und Archäologe Paul Kosok, der sich 1941 in Peru aufhielt, um frühere Bewässerungssysteme des Landes zu erforschen, nannte das Gebiet um Nasca "das größte Astronomiebuch der Welt". Er gelangte zu dieser These, als er, zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende am 21. Juni 1941, während seiner Arbeiten in der Pampa eher zufällig die Beobachtung machte, dass eine der langen Linien fast exakt in Richtung des Sonnenuntergangs zeigte.

Paul Kosok (21. Juni 1941):

Was für eine Entdeckung -Wir erkannten sofort, dass wir anscheinend die Lösung des Rätsels gefunden hatten.
[Aveni, A. 2000, S. 131]

Die aus Dresden stammende Mathematikerin und Geographin Maria Reiche setzte sich als erste mit der von Kosok vorgeschlagenen astronomischen Deutung der Linien auseinander. Im Jahre 1946 begann sie, zunächst gemeinsam mit Kosok, mit der Bestandsaufnahme der Erdzeichnungen auf der Pampa von Nasca. Sie war überzeugt von der astronomischen Bedeutung der Linien und Geoglyphen und versuchte daher, durch systematische Vermessungen und Berechnungen, die von Kosok aufgestellte astronomische Theorie zu untermauern. Dabei fand sie u.a. eine Reihe von Linien, häufig von Linienzentren ausgehend, mit der Ausrichtung auf Sonnenwenddaten, Sternbilder, Auf- und Untergänge heller Sterne und Mondlinien. Leider hat sie die Ergebnisse ihrer 40- jährigen Forschungen nur in ihren persönlichen Tagebüchern nieder geschrieben, ohne sie in ausreichendem Maße wissenschaftlich zu veröffentlichen.

Die erste anerkannte astronomische Untersuchung wurde 1969 von Gerald Hawkins, Astronom am Smithsonian Astrophysical Observatory, durchgeführt. Im Ergebnis seiner Untersuchungen kam er zu dem Schluss, dass, aufgrund der geringen Korrelation der Gesamtzahl der Linien mit den ausgewählten Positionen, die Anlage in ihrer Gesamtheit keinen astronomischen Hintergrund habe [Hawkins, G. 1969]; die astronomische Theorie galt damit für lange Zeit als irrelevant. Da seine Untersuchungen jedoch ohne einen strengen geodätischen, astronomischen und vor allem statistischen Ansatz erfolgten, erntete er international viel Kritik.

Eine solidere und zuverlässigere Untersuchung wurde Anfang der 80-er Jahre von  Anthony Aveni durchgeführt Er kam zu dem Ergebnis, dass astronomische Überlegungen bei der Erschaffung der Linienzentren zwar nicht grundlegend waren, dass aber Astronomie mit Sicherheit eine Rolle gespielt habe. Und dass, wenn man eine alle Aspekte berücksichtigende Hypothese aufstellen wolle, diese sicherlich eine Mischung aus den verschiedenen Theorien sei [Aveni, A. 1990].

Neuere Untersuchungen von z. B. [Lambers, K. 2006] und eine Vielzahl von Veröffentlichungen in diversen Zeitungen und Magazinen, sowie populärwissenschaftliche Fernsehsendungen über Nasca, lassen nun den Schluss zu, dass die astronomische Theorie beim Bau der Linien und Figuren eher keine Rolle gespielt haben soll?