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Steinzeitliche Gräber bei Karsdorf entdeckt

Kategorie: Ausgrabungen
29.10.2015 -   LDA LSA / AB / CS

Rinderopfer und Kindergräber

Der Kiessandtagebau in Karsdorf (Burgenlandkreis) wird seit den 90er Jahren regelmäßig von archäologischen Ausgrabungen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt begleitet. Bei der diesjährigen Grabungskampagne konnten auf einer Fläche von 2 ha zahlreiche Bestattungen des frühen, mittleren und späten Neolithikums dokumentiert werden.

Sekundär als Grablege genutzter Erdkeller. © LDA Sachsen-Anhalt

Sekundär als Grablege genutzter Erdkeller. © LDA Sachsen-Anhalt

Doppelbestattung der Glockenbecherkultur (ca. 2600-2200 v. Chr.). © LDA Sachsen-Anhalt

Doppelbestattung der Glockenbecherkultur (ca. 2600-2200 v. Chr.). © LDA Sachsen-Anhalt

Gefäße aus der glockenbecherzeitlichen Bestattung. © LDA Sachsen-Anhalt

Gefäße aus der glockenbecherzeitlichen Bestattung. © LDA Sachsen-Anhalt

Fast 700 Befunde wurden bislang dokumentiert. Bei den freigelegten Gräbern handelt es sich um einfache Erdbestattungen, Doppelbestattungen und vor allem in Siedlungsgruben niedergelegte Kinderskelette. Das befundreiche Areal ist von einer kreisförmigen Grabenanlage mit Palisaden und Tordurchgängen eingefasst.

Bereits die ersten Ackerbauern der Region (Linienbandkeramik, 5.500 – 4.900 v. Chr.) hatten in Karsdorf mehrere Gebäude errichtet und kleine Felder angelegt. Ihre Toten bestatteten sie oftmals innerhalb der Siedlung selbst. Warum die altneolithische Siedlung einst aufgegeben worden war, ist bislang unklar. Fest steht jedoch, dass die hervorragende Qualität der Böden und die optimale Hanglage auch in den nächsten Jahrhunderten die Menschen immer wieder anzogen.

Eine erneute Besiedlung im 4. Jahrtausend v. Chr. läßt sich an den mittelneolithischen Gräbern am Fundort ablesen. Die Art der Bestattungen und die Beigaben lassen darauf schließen, dass hier ähnliche Totenrituale üblich waren wie am bekannten Fundplatz von Salzmünde. Rinder wurden geopfert, rituell verbrannt und die Kadaver in Gruben niedergelegt.

Vermutlich aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. wurde auch das Grabensystem mit innenliegender Palisade angelegt, das einen hakenförmigen Tordurchlass im Süden und einen rechteckigen Anbau im Osten aufweist. Die bereits in den Vorjahren erkannte, etwa 150 m durchmessende Anlage konnte in der diesjährigen Kampagne bis zur Hälfte freigelegt werden.

Noch nicht abschließend geklärt ist die genaue Zuordnung von Kinderbestattungen am Boden von ehemals als Speichergruben genutzten Erdkellern. Analoge Situationen an anderen Fundplätze sowie die hier geborgene Keramik sprechen für den Beginn des Mittelneolithikums ab 4.000 v. Chr.

Das Gros der aufgedeckten Bestattungen datiert in die Endphase des Neolithikums (ca. 2.800–2.200 v. Chr.). Bei einigen Bestattungen, die der sogenannten Schnurkeramikkultur zugerechnet werden können, handelt es sich um einfache Erdgräber. Daneben fanden sich aber auch die Reste von Grabhügeln. Auch von der zeitgleichen Glockenbecherkultur sind an der Fundstelle Gräber belegt. In einem war ein erwachsener Mann in typischer Hockerlage mit Blick nach Osten bestattet. Neben zwei unbenutzten Pfeilspitzen, die dem Toten wohl als Beigaben mitegegeben wurden, fand sich in dessen Brustbereich auch eine abgenutzte Pfeilspitze. Offenbar war der Bestattete durch einen Pfeilschuss zu Tode gekommen.

Die diesjährigen Befunde zeigen deutlich, dass der Siedlungsplatz Karsdorf immer wieder besiedelt und dabei auch als Toten- oder gar Ritualplatz genutzt worden war. Da fast alle Befunde innerhalb des Grabenrondells liegen, dürfte dieses Grabenwerk noch während des Endneolithikums als »Denkmal« im Gelände erhalten geblieben sein. Bei der Anlage der bronzezeitlichen Grubenreihen dagegen wurde auf das alte Grabenwerk keine Rücksicht mehr genommen, sodass man davon ausgehen kann, dass das Grabenrondell entweder nicht mehr sichtbar war oder aber keine Rolle mehr im Leben der Menschen spielte.