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Speiseplatz der Götter

Kategorie: Ausgrabungen, Funde & Befunde
20.11.2014 -   BLM / AB

3.000 Jahre alter skandinavischer Zeremonialort bei Watenstedt entdeckt

Bei Ausgrabungen an der Hünenburg bei Watenstedt im Landkreis Helmstedt fanden Archäologen der Universität Göttingen ein Feld von 450 Gargruben. Solche Gruben, in denen Speisen auf erhitzten Steinen gegart wurden, sind ansonsten weiter östlich und vor allem im skandinavischen Raum verbreitet. Sie liegen - wie in auch Watenstedt - in der Regel außerhalb der Siedlungsbereiche und werden mit rituellen Handlungen in Verbindung gebracht. Für eine skandinavische Herkunft der jungbronzezeitlichen Bewohner des Herrschaftssitzes am Nordrand des Harzes sprechen nach Ansicht der Forscher auch die hier gefundenen Bronzebecken samt passender Gießformfragmente, von denen Parallelen bisher nur aus Dänemark bekannt sind.

Watenstedt. Die bronzezeitliche Burg mit Grabungsarbeiten in der Unterstadt. Foto: A. Grüttemann

Watenstedt. Die bronzezeitliche Burg mit Grabungsarbeiten in der Unterstadt. Foto: A. Grüttemann

Watenstedt. Das Gargrubenfeld nach den Freilegungsarbeiten. Foto: Uni Göttingen

Watenstedt. Das Gargrubenfeld nach den Freilegungsarbeiten. Foto: Uni Göttingen

Das Bronzebecken von 1901 mit einem Gießformbruchstück von 2008. Foto: H. Marx

Das Bronzebecken von 1901 mit einem Gießformbruchstück von 2008. Foto: H. Marx

Nachbildung eines Bronzebeckens in Ton aus der Hünenburg-Unterstadt. Foto: H. Marx

Nachbildung eines Bronzebeckens in Ton aus der Hünenburg-Unterstadt. Foto: H. Marx

Das Depot aus Watenstedt, Fundjahre 1903 bis 1907 mit dem zerstörten Bronzebecken in der Bildmitte. Foto: I. Simon

Das Depot aus Watenstedt, Fundjahre 1903 bis 1907 mit dem zerstörten Bronzebecken in der Bildmitte. Foto: I. Simon

Das Depot aus Watenstedt, Fundjahr 1901 mit einem vollständigen Bronzebecken. Foto: I. Simon

Das Depot aus Watenstedt, Fundjahr 1901 mit einem vollständigen Bronzebecken. Foto: I. Simon

Die Hünenburg ist eine Befestigung bei Watenstedt im Landkreis Helmstedt, welche auf dem westlichen Plateau des Heesebergs liegt. An diesen Herrschaftskomplex schließen eine Außensiedlung und mehrere Gräberfelder an. Im Altertum kreuzten sich bei Watenstedt verschiedene Handelswege. Die aus dem Norden kommenden Fernwege verbanden Südskandinavien, Norddeutschland und das heutige Gebiet in Niedersachsen miteinander. An ökonomisch wichtigen Handelskreuzungen wurden im bronzezeitlichen Europa ab ca. 1200 v. Chr. aus strategischen Gründen erste Befestigungen gegründet. Die Hünenburg entstand aus einem solchen Handelsknotenpunkt heraus und stieg zum Herrschaftssitz auf. Macht und Reichtum der Bewohner und ihre Fernkontakte zeigen sich an den hochwertigen Objekten, die bei Grabungen an der Hünenburg bisher gefunden wurden.

Erste Hinweise auf das Leben in der Bronzezeit um 900 v. Chr. bei Watenstedt gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als 1901 bei Watenstedt ein gegossenes Bronzebecken entdeckt wurde. 1903 kamen die Fragmente eines zweiten Bronzebeckens und in den nächsten vier Jahren weitere Objekte aus Bronze hinzu. Insgesamt liegen Bronzen aus zwei Hortfunden vor. Die Funde gelangten sukzessive erst ins Herzog Anton Ulrich-Museum, dann ins Braunschweigische Landesmuseum (damals Vaterländisches Museum), aber die genaue Auffindungsstelle war bis vor kurzem unbekannt.

Nach den ersten Entdeckungen bis 1907 ruhte die Arbeit an diesem archäologisch höchst bedeutsamen Areal jahrzehntelang - bis Wolf-Dieter Steinmetz, Oberkustos der Abteilung Ur- und Frühgeschichte des Braunschweigischen Landesmuseums, eine erste moderne Ausgrabung initiierte. 1998 begann er zusammen mit freiwilligen Helfern des FABL (Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land) und einigen Studierenden die erste Grabungskampagne am Befestigungswall. Im Jahr 2005 gelang der entscheidende, spektakuläre nächste Schritt: An die Befestigung der Hünenburg schließt sich eine jungbronzezeitliche Außensiedlung an, die auf die Jahrhunderte um 1000 vor Christus datiert werden kann. Das Projekt wurde an das Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Georg-August-Universität Göttingen unter der Leitung von Prof. Dr. K.-H. Willroth übergeben, um weitere großflächige Grabungen und naturwissenschaftliche Untersuchungen durchführen zu können. Mit den folgenden Forschungsprojekten gelangen vielfältige Einblicke in Leben und Alltag der Zeit vor 3000 Jahren: Ausgrabungsleiter Dr. Immo Heske und sein internationales, multidisziplinäres Team führten gezielt Ausgrabungen in der Unterstadt und dem weiteren Umfeld durch.

Die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen sind bemerkenswert: Die im 12. Jahrhundert v. Chr. gegründete Außensiedlung ist der älteste Nachweis einer stadtähnlichen engen Bebauung in Mitteleuropa. Das Areal war außerdem nicht nur ein einfaches Siedlungsgebiet, sondern vielmehr eine Unterstadt. Diese Unterstadt beherbergte vermutlich bis zu 500 Personen, was für damalige Verhältnisse eine enorme Zahl darstellt. Der Herrschaftssitz in Watenstedt ist dadurch eine der größten bisher bekannten bronzezeitlichen Siedlungen in Mitteleuropa.

Zum vollständig erhaltenen Bronzebecken von 1901 wurde 2008 ein passendes Gießformfragment aus Ton entdeckt – damit konnte erstmals die Herstellung eines derartigen Gefäßes im deutschen Raum nachgewiesen werden. Alle anderen bisher bekannten Gießformen stammen aus dem heutigen Dänemark. Die Herstellung solcher Bronzebecken erforderte hohes handwerkliches Geschick, weil die Becken mit einer dünnen Beckenwand von unter 1 mm hergestellt wurden. Es handelt sich mit um die qualitätsvollsten Gusserzeugnisse des Nordens. Das beweist, dass die Hünenburg nicht nur ein Handelsknotenpunkt, sondern auch Sitz herausragender Bronzegießer war, die über das entsprechende Know-how und den Zugang zu den Metallrohstoffen verfügten. Zwischen 2006 und 2013 fanden Dr. Heske und das Grabungsteam zehn Nachbildungen der gegossenen Bronzebecken aus Ton – Objekte, die eigentlich aus dem Norden stammten, in Deutschland aber gerade in Watenstedt am häufigsten zu finden sind. Eine Besonderheit unter diesen Funden ist ein verziertes Miniaturbecken, dessen Verzierungen mit einem der Bronzebecken aus Watenstedt identisch ist. Das zeigt, dass neben den Bronzebecken auch die Nachbildungen aus Ton auf der Hünenburg hergestellt wurden.

Im Sommer 2014 stießen die Wissenschaftler auf etwas völlig unerwartetes: Bei den Geländearbeiten kamen drei Bronzefunde zu Tage. Die eingehende Restaurierung und Prüfung der Objekte ergab, dass es sich um anpassende Fragmente des 1903 gefundenen Bronzebeckens handelt. So konnte man dank kontinuierlicher Forschungsarbeit 111 Jahre nach seiner Auffindung den Ort lokalisieren, wo das 1903 ausgepflügte Becken ca. 2.900 Jahre zuvor vergraben worden war.

Die Anbindung an die Fernwege des Altertums brachte Menschen und damit neue Baustile, Handwerkswaren und Rohstoffe in die prosperierende Befestigung bei Watenstedt. Doch was passierte mit den Menschen: Kehrten sie in ihre Heimat zurück oder sahen sie sie nie wieder? Hier geben die Funde nun eindeutigen Aufschluss über die nordischen Gebräuche und ihren Weg nach Süden. Bei den seit dem Jahr 2010 durchgeführten Untersuchungen konnte ein ausgedehntes Gargrubenareal nachgewiesen werden. 450 dieser Gruben hat man in Watenstedt gefunden – die größte Fundkonzentration in Deutschland. Wie eigentlich für Skandinavien typisch, wurden die Mahlzeiten auf erhitzten Steinen gegart. Die Lage außerhalb der Siedlungen, an Grabhügeln oder teilweise in der Nähe von Gewässern zeigt, dass in Watenstedt die Mahlzeiten während oder im Anschluss an rituelle Umzüge und Prozessionen im Rahmen von sich jahreszeitlich wiederholenden Festen eingenommen wurden. Dieser Brauch ist eindeutig im Norden zu verorten. Dass die Bronzebecken vermutlich als Behälter für die Speisen eingesetzt wurden zeigt sich daran, dass die Auffindungsstelle der Bronzebecken - wie die Funde des Sommers 2014 verdeutlichen - unmittelbar im Gargrubenfeld lag. Damit verknüpfen sich zwei Fundgruppen, die nördlicher Herkunft sind. Über mehrere Generationen wurde der Speiseplatz für die Götter bei Watenstedt genutzt, dann verlieren sich die Spuren der Neuankömmlinge im Kulturumbruch der frühen Eisenzeit.

Vieles deutet also darauf hin, dass um 900 v. Chr. eine Personengruppe aus Skandinavien sich im Gebiet um Watenstedt angesiedelt hat. An eine Handelsniederlassung, die den Rohstofftransfer der kostbaren Metalle in den Norden garantieren sollte, ist hierbei ebenso zu denken wie an eine ausgewanderte Bevölkerung aus dem Norden, die angelockt von dem weitreichenden Ruf des Herrschaftssitzes ihr Glück in der Fremde versuchte und hier aufgenommen worden ist. Die Forschungen auf der Hünenburg werden in den kommenden Jahren hierzu fortgesetzt.