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»Seit Anbeginn der Zeit«

Kategorie: Forschung
17.03.2017 -   MPG / AB

DNA-Analyse bestätigt einzigartige Bindung der australischen Ureinwohner an ihr Land

Die Analyse von DNA aus Haarproben, die in den 1900er Jahren in vielen Regionen Australiens gesammelt wurden, zeigt ein ausgeprägtes geografisches Muster. Das deutet darauf hin, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen der australischen Ureinwohner bis zu 50.000 Jahre lang beständig in derselben Region siedelten. Eine kürzlich in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie unterstreicht die einzigartige Bindung der Ureinwohner Australiens an ihr Land und zeichnet erstmals eine detaillierte genetische Karte Australiens vor der Ankunft der Europäer.

Karte der Orte, die während der Expeditionen zwischen 1921 und 1965 besucht wurden.

Karte der Orte, die während der Expeditionen zwischen 1921 und 1965 besucht wurden.

Felsnische am Bathurst Head (Thartali) auf der Cape York Halbinsel, die während der Expedition als Unterkunft diente. Im Bild: Norman Tindale von der Universität Adelaide und ortsansässige australische Ureinwohner. Fotografiert von Herbert Hale im Februar 1927. © South Australian Museum Archives Norman Tindale Collection (AA 338/5/4/41)

Felsnische am Bathurst Head (Thartali) auf der Cape York Halbinsel, die während der Expedition als Unterkunft diente. Im Bild: Norman Tindale von der Universität Adelaide und ortsansässige australische Ureinwohner. Fotografiert von Herbert Hale im Februar 1927. © South Australian Museum Archives Norman Tindale Collection (AA 338/5/4/41)

Die Ureinwohner Australiens sind dem Land, das sie besiedeln, in besonderer Weise verbunden. So siedeln die rund 400 Sprach- und Regionalgruppen bereits seit bis zu 50 000 Jahren – und damit seit kurz nach der Besiedlung Australiens überhaupt – kontinuierlich in derselben Region. Das zeigt die Analyse der DNA aus Haarproben von Aborigines, die im South Australian Museum in Adelaide aufbewahrt werden. Die Sammlung von über 5.000 Haarproben, die durch einen wahren Schatz an vielfältigen kulturellen, sprachlichen, genealogischen und geographische Daten bereichert wird, stammt aus Expeditionen des Anthropologischen Forschungsvorstands der Universität Adelaide zwischen 1928 und den 1970er Jahren. Die Haarspender waren mehrheitlich Nachfahren erster und zweiter Generation von Familien, die nach der Besiedlung Australiens durch die Europäer aus vielen Regionen Australiens zwangsweise in Gemeinden und Missionen wie Cherbourg in Queensland, sowie Koonibba und Point Pearce in Südaustralien umgesiedelt wurden.

Für ihre Studien analysierten die Wissenschaftler die mitochondriale DNA von 111 Haarproben, welche die Rückverfolgung der mütterlichen Linie ermöglicht und mit dem in den Genealogien dokumentierten ursprünglichen Geburts- oder Herkunftsort der ältesten mütterlichen Vorfahrin verknüpft werden konnte. Sowohl die Gewinnung der Haarproben als auch die jetzige Analyse durch die Wissenschaftler erfolgte mit Zustimmung der Haarspender bzw. ihrer Familien.

Die Ergebnisse zeigen, dass die modernen Aborigines Australiens die Nachfahren einer einzigen Gründerpopulation sind, die vor 50 000 Jahren Australien besiedelte, als es noch im Urkontinent »Sahul« durch eine Landbrücke mit Neuguinea verbunden war. Nach Anstieg des Meeresspiegels spaltete sich die Population weiter auf und breitete sich innerhalb von nur 1.500 bis 2.000 Jahren entlang der Ost- und Westküste Australiens aus. Irgendwo im Süden des Kontinents trafen diese zwei Ströme dann wieder aufeinander, wo die frühesten archäologischen Funde auf 48.000 Jahre datieren.

»Überraschenderweise scheint es so, dass die Populationsmuster aus dieser Zeit die nächsten fast 50 000 Jahre überdauerten. Das zeigt, dass die ersten Besiedler des Kontinents sich rasch regional aufgliederten und ihren jeweiligen geografischen Regionen treu blieben und zwar selbst dann, wenn es keine natürlichen Grenzen zwischen diesen Regionen gab«, sagt Professor Alan Cooper, Projektleiter und Direktor des ACAD. »Das ist weltweit einmalig und liefert überzeugende Beweise für die bemerkenswerte kulturelle und spirituelle Bindung der Aborigines an ihr Land. Wir hoffen, dass dieses Projekt zu einer Umschreibung der Australischen Geschichtsbücher führt. Sie werden in Zukunft auch eine detaillierte Geschichte der Ureinwohner Australiens enthalten und darüber berichten, was es bedeutet, 50.000 Jahre in einem Land gelebt zu haben  – das ist in etwa zehn Mal so lang wie die gesamte Geschichte Europas, die üblicherweise gelehrt wird.«

Das Aboriginal Heritage Projekt unter Leitung des Australischen Zentrums für Alte DNA (ACAD) der Universität Adelaide und des South Australian Museums ist auf Jahrzehnte angelegt. Ziel des Projekts ist es, Menschen, die Aborigine-Herkunft haben, aber kulturell entwurzelt sind, zu ermöglichen, ihre regionale Herkunft nachzuvollziehen und ihre genealogische Familiengeschichte zu rekonstruieren. Darüber hinaus soll das Projekt die Rückführung von australischen Artefakten (Kulturgütern) unterstützen, welche in Überseesammlungen der Kolonialzeit aufbewahrt werden.

»Wir Aborigines haben immer gewusst, dass wir seit Anbeginn der Zeit auf unserem Land waren«, sagt Kaurna Mr Lewis O»Brien, einer der damaligen Haarspender und heute Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Studie. »Es ist jedoch wichtig, dies mit Hilfe von moderner Wissenschaft dem Rest der Welt zu zeigen. Dies ist ein aufregendes Projekt und wir hoffen, dass es Menschen aus unserer Gestohlenen Generation und anderen dabei helfen wird, sich wieder mit ihren Familien zu vereinen.«

»Die ehemalige staatliche Politik der Zwangsumsiedlung und der gezielten Wegnahme von Kindern, der sogenannten Gestohlenen Generation macht die Rekonstruktion der genetischen Geschichte der ursprünglichen Bevölkerung Australiens zu einem schwierigen Unterfangen, da diese Agenda einen großen Teil der physischen und spirituellen Verbindung zwischen Gruppen und ihrem Land im heutigen Australien zerstört hat«, sagt Dr. Wolfgang Haak, ehemals Wissenschaftler am ACAD und Co-Initiator der Studie, und heute Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. »Die umfangreichen Aufzeichnungen der anthropologischen Teams um Norman Tindale und Joseph Birdsell zeigen nicht nur eine enorme wissenschaftliche Weitsicht, sondern eröffnen uns eine wirklich einzigartige Gelegenheit, die eigentliche Menschheitsgeschichte Australiens zu schreiben. Dafür möchte ich im Besonderen auch den Familien in Cherbourg, Koonibba und Point Pearce danken, die uns nicht nur herzlich empfangen haben, sondern dieses Projekt mit Begeisterung unterstützen.«

Die zukünftige Forschung wird sich auch auf die väterlichen Linien und das Genom des Zellkerns erstrecken. Teammitglied Dr. Ray Tobler, Postdoktorand am ACAD und väterlicherseits mit Aborigine-Abstammung, hat ein Stipendium des australischen Forschungsrats (ARC), um die AHP-Forschung zu erweitern und zu untersuchen, inwieweit die Jahrtausende währende »Standorttreue« in verschiedenen Lebensräumen die bemerkenswerte phänotypische Vielfalt heutiger Ureinwohner Australiens geprägt hat.

Die Studie entstand unter maßgeblicher Beteiligung von Wolfgang Haak, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, weitere Forschungspartner sind die La Trobe University, die Deakin University und das National Center for Indigenous Genomics in Canberra. Das Projekt wird durch das ARC-Linkage Programm mit zusätzlicher Forschungsförderung der Australian Genome Research Facility, Bioplatforms Australia, dem ARC Center of Excellence für Mathematische und Statistische Grenzen und der National Geographic Society finanziert.

Publikation

Ray Tobler, Adam Rohrlach, Julien Soubrier, Pere Bover, Bastien Llamas, Jonathan Tuke, Nigel Bean, Ali Abdullah-Highfold, Shane Agius, Amy O»Donoghue, Isabel O»Loughlin, Peter Sutton, Fran Zilio, Keryn Walshe, Alan N. Williams, Chris S. M. Turney, Matthew Williams, Stephen M. Richards, Robert J. Mitchell, Emma Kowal, John R. Stephen, Lesley Williams, Wolfgang Haak, and Alan Cooper, »Aboriginal mitogenomes reveal 50,000 years of regionalism in Australia«, Nature , 21416 (2017).
DOI: 10.1038/nature21416