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Metallwerkstatt, Stadtbefestigung, Knochenschnitzereien: Dülmen sorgt für weitere archäologische Überraschungen

08.04.2016 -   LWL / AB

Durch die Entdeckung der bislang ältesten nachgewiesenen Glockengussgrube Deutschlands hat die Stadt Dülmen unter Archäologen bereits für Aufmerksamkeit gesorgt. Weitere Baumaßnahmen ermöglichten den Fachleuten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) jetzt Einblicke in die mittelalterliche Geschichte der Stadt.

Einer der Tiegel (12. Jh.), die als Zeugnisse einer Metall- oder Edelmetallwerkstatt in Hausdülmen gefunden wurden. Die dunklen Fragmente sind Überreste von Gussformen. Foto: LWL/Brentführer

Einer der Tiegel (12. Jh.), die als Zeugnisse einer Metall- oder Edelmetallwerkstatt in Hausdülmen gefunden wurden. Die dunklen Fragmente sind Überreste von Gussformen. Foto: LWL/Brentführer

Einige Beispiele der Materialien, die in der Knochenschnitzerwerkstatt in Dülmen im Spätmittelalter verarbeitet wurden: Knochenstücke als Rohmaterialien, bereits verzierte Rohrstücke und Messergriffe sowie ein zerbrochener Steilkamm. Foto: LWL/G. Jentgens

Einige Beispiele der Materialien, die in der Knochenschnitzerwerkstatt in Dülmen im Spätmittelalter verarbeitet wurden: Knochenstücke als Rohmaterialien, bereits verzierte Rohrstücke und Messergriffe sowie ein zerbrochener Steilkamm. Foto: LWL/G. Jentgens

Einblick in einen der beiden Gräben der Dülmener Stadtbefestigung ermöglichte die Ausgrabung am Lorenkenturm. Die Spuren des Grabens sind im Boden gut erkennbar. Foto: LWL/G. Jentgens

Einblick in einen der beiden Gräben der Dülmener Stadtbefestigung ermöglichte die Ausgrabung am Lorenkenturm. Die Spuren des Grabens sind im Boden gut erkennbar. Foto: LWL/G. Jentgens

Gruben und Pfostenlöcher der hochmittelalterlichen Hofstelle und nachfolgende Bebauung der Vorburg in Hausdülmen haben im Boden deutliche Spuren hinterlassen und werden von den Archäologen akribisch dokumentiert. Foto: LWL/R. Klostermann

Gruben und Pfostenlöcher der hochmittelalterlichen Hofstelle und nachfolgende Bebauung der Vorburg in Hausdülmen haben im Boden deutliche Spuren hinterlassen und werden von den Archäologen akribisch dokumentiert. Foto: LWL/R. Klostermann

Von der Metallwerkstatt über Preziosen aus einer Werkstatt für Knochenschnitzerei bis zur Stadtbefestigung reichen die mittelalterlichen Zeugnisse, die von den LWL-Archäologen jetzt dokumentiert werden konnten. Die Ergebnisse bereichern nicht nur die Stadtchronik, sondern ergänzen auch die archäologischen Forschungen um neue Erkenntnisse. »Was wir in den vergangenen Wochen und Monaten in Dülmen zu sehen bekommen haben, ist in dieser Dichte und Qualität besonders. Vieles davon war im Vorfeld nicht zu erwarten«, schildert Dr. Hans-Werner Peine von der LWL-Archäologie für Westfalen.

Gerade einmal 120 Quadratmeter groß war die Fläche im Stadtteil Hausdülmen, die für die Errichtung eines Neubaus von den LWL-Archäologen untersucht wurde. Sie begleiteten die Bauarbeiten zwei Wochen lang, da sich die Baustelle nahe der früheren Landesburg befand. Gegründet worden war sie 1115, zerstört 1121. Anschließend bauten der spätere deutsche König Lothar I. und Bischof Dietrich II. die Landesburg wieder auf. Zeugnisse dieser Zeit dokumentierten die Archäologen in Form von zahlreichen Pfostengruben und Wandgräben. Die Überreste von Häusern gehörten sowohl zu einer älteren Siedlung als auch zur nachfolgenden Bebauung der Vorburg. Keramiken ermöglichen eine Datierung in die Zeit vom 10. bis ins frühe 12. Jahrhundert.

Besonders ergiebig war auf der Grabungsfläche jedoch eine etwas außerhalb dieser Hausreste liegende Abfallgrube. »Daraus konnten wir neben kleinen Tiegeln auch mehrere Fragmente von Gussformen bergen, die zum Inventar einer Bunt- oder Edelmetallwerkstatt gehört haben«, erläutert Grabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer. Der Nachweis solcher Werkstätten ist selten, denn sie waren zumeist nur im Umfeld adliger oder finanzkräftiger kirchlicher Institutionen angesiedelt. Schließlich verarbeiteten die Handwerker hier wertvolle Metalle - womöglich sogar Edelmetalle - zu filigranem Schmuck und kostbaren Ausstattungsobjekten wie Gefäßen oder Leuchtern. Die Funde werden jetzt in der Restaurierungswerkstatt des LWL in Münster untersucht und bearbeitet, um Erkenntnisse über ihre Zusammensetzung und die Form der dort hergestellten Produkte zu gewinnen.

Zeugnisse des knochenverarbeitenden spätmittelalterlichen Handwerks sind es, die Grabungsleiter Dr. Gerard Jentgens auf der Fläche des künftigen Intergenerativen Zentrums bergen konnte. »Wir haben es hier mit einer Fundkonzentration von Rohlingen und Halbfertig-Fabrikaten einer Knochenschnitzerwerkstatt zu tun«, beschreibt Jentgens. Mehr als ein Dutzend der filigranen, aus Tierknochen hergestellten Stücke konnte das Grabungsteam bereits bergen, weitere Objekte sind wahrscheinlich noch im Boden verborgen. Darunter ist auch ein Messergriff mit kreisförmig ausgebauten Verzierungen, die eine farbige Einlage besitzen. Steilkämme mit langen Zinken, ein Rohrstück mit sehr feinen Verzierungen und Knochen, die frisch vom Fleischer geliefert worden waren und mit abgetrennten Knochenenden auf ihre Weiterverarbeitung warteten sind weitere Objekte aus dem Fundkomplex.

Dass hier, nahe dem Fundort der karolingischen Glockengussgrube, auch im Spätmittelalter weitere Handwerker ihren Berufen nachgingen, belegt zudem ein gläserner Gniddel. Der diskusförmige Glaskörper diente zum Glätten der Webkanten an den Webstühlen. Auch Spinnwirtel gehören zum Fundgut. »Wir haben einen wunderbaren Einblick in die Arbeit der Handwerker gewinnen können, die hier im 13. Jahrhundert, Anfang des 14. Jahrhunderts ihre Waren herstellten«, so Jentgens. Auch diese Funde beschäftigen nun die Restauratoren in Münster. Der eigentliche Werkstattbau wartet allerdings noch auf seine Entdeckung, darauf hoffen die Archäologen jedenfalls mit dem weiteren Fortschritt der Ausgrabung.

Der Bau eines Mehrfamilienhauses am Ostring öffnete ein weiteres Zeitfenster für die Archäologen. Hier kam in direkter Nähe des 1536 erstmals erwähnten Lorenkenturms der innere Graben der Stadtbefestigung zum Vorschein. 1311 ist Dülmen zur Stadt erhoben worden, danach erfolgte die Befestigung mit Stadtmauer und Graben. Im 16. Jahrhundert wurden die Tore verstärkt und ein weiterer Graben angelegt. 1761 schließlich wurde die Stadtbefestigung zerstört. Archäologisch erforscht ist sie bislang noch wenig. Bei der jetzigen Ausgrabung kamen innerhalb von drei Tagen Überreste des fünf Meter tiefen inneren Stadtgrabens zu Tage. Dieser dürfte eine geschätzte Breite von 14 Metern gehabt haben.

»An der Grabensohle fanden wir neben Geäst und organischem Material auch mehrere Teichmuscheln«, erläutert Grabungsleiter Dr. Gerard Jentgens. »Das zeigt, wie gut die Qualität des Wassers im Stadtgraben war, der von der Tiber gespeist wurde.« Andererseits konnte die Grabung auch mit Legenden aufräumen, die sich bis heute gehalten haben. Demnach bewachte der Lorenkenturm in allen Versionen der Überlieferung nach den Einlauf der Tiber. Dem ist aber nicht so, der Bach floss ganz offensichtlich an anderer Stelle. Demnächst wird auch am Overbergplatz in Dülmen gebaut. Dort werden die Archäologen ebenfalls die Baumaßnahmen begleiten. »Hier werden wir hoffentlich weitere Erkenntnisse zur Stadtbefestigung gewinnen können und mit den jetzigen Ergebnissen einen vollständigen Einblick erhalten«, resümiert Peine.