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Grabhügel »Bornhöck« gibt Geheimnisse preis

Kategorie: Ausgrabungen
20.08.2015 -   LDA LSA / AB

Einmalige Einblicke in die Architektur frühbronzezeitlicher Herrschergräber

Mit einer Höhe von ehemals mehr als 20 m und einem Durchmesser von 65 m stellt der vor knapp 4.000 Jahren errichtete Grabhügel »Bornhöck« bei Dieskau (Saalekreis) das bekannte frühbronzezeitliche Fürstengrab von Leubingen locker in den Schatten. Doch im Gegensatz zu diesem wurde der Bornhöck in den 1870er Jahren zum großen Teil undokumentiert abgetragen. Das, was von dem einstigen Riesengrabhügel übrig blieb, wird seit 2014 von Wissenschaftlern des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt und der Martin-Luther-Universität Halle untersucht. Am Dienstag präsentierten die Forscher die Ergbnisse der zweiten Ausgrabungskampagne.

Ausgrabung am frühbronzezeitlichen Grabhügel »Bornhöck«. Foto: © LDA Sachsen-Anhalt / Torsten Schunke

Ausgrabung am frühbronzezeitlichen Grabhügel »Bornhöck«. Foto: © LDA Sachsen-Anhalt / Torsten Schunke

Bei der Frage nach der Entstehung von Arm und Reich in menschlichen Gesellschaften gibt es in der archäologischen Forschung Deutschlands zwei Fixpunkte: dies sind die bereits im 19. Jahrhundert bzw. 1907 ergrabenen frühbronzezeitlichen »Fürstengräber« von Leubingen (heute Lkr. Sömmerda / Thüringen) und Helmsdorf (Lkr. Mansfeld-Südharz). Beide Fürstengräber konnten mittels der Dendrochronologie (Baumringe) ungewöhnlich exakt datiert werden (Leubingen 1942 v. Chr.; Helmsdorf 1840 v. Chr.).

Unter dem in der Archäologie forschungsgeschichtlich entstandenen Begriff »frühbronzezeitliches Fürstengrab« wird ein konkreter Grabtypus verstanden: gegenüber den »normalen « Bestattungen dieser Zeit in Flachgräbern, werden die »Fürsten« in einer aus massiven Holzbalken errichteten zeltdachförmigen Grabkammer unter einem großen Hügel beigesetzt. Zu den Beigaben gehörte stets ein umfangreiches aber weitgehend identisches Goldornat bestehend aus Nadeln, Armringen und Goldspiralen sowie aus bronzenen und steinernen Waffen und Geräten (Beile, Dolche, Meißel, Äxte). Aus diesem Gesamtbild wird zweifellos deutlich, dass diese sich am Beginn der Bronzezeit erstmals abzeichnenden Fürsten weitreichende zentrale Machtbefugnisse besaßen und an der Spitze einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft standen.

Seit Langem stellten sich zwei zentrale Fragen: Zum einen die nach den übrigen anzunehmenden Grabhügeln, da für zumindest jede Generation während der Frühbronzezeit ein vergleichbarer Grabhügel existiert haben muss. Zum anderen ob es sich um jeweils einen zentralen Fürsten der mitteldeutschen Region handelt oder ob oberhalb dieser nochmals eine Herrschaftsebene vorhanden war. Dafür spricht ein bereits im 19. Jahrhundert entdeckter frühbronzezeitlicher Goldschatz in der Region von Dieskau, der durch die Mitgabe von goldenen Waffen die Grabausstattungen von Leubingen und Helmsdorf bei Weitem übertrifft. Weitere Anzeichen dafür könnten sich hinter weiteren im 18. und 19. Jahrhundert ursprünglich noch existierenden Riesenhügeln, die in der Regel zur Verbesserung der Äcker und Vergrößerung der Ackerflächen abgetragen wurden, verbergen.

Handelte es sich hier um Riesengrabhügel vorgeschichtlicher Fürsten oder um andere Phänomene? Gab es in der Dieskauer Region zur Zeit der Himmelsscheibe von Nebra einen Fürsten, der alle anderen überstrahlte? Liegt hier zur Zeit der Himmelsscheibe womöglich der bislang unbemerkte frühbronzezeitliche Herrschaftssitz?

Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen, die eng mit dem Verständnis der Himmelsscheibe von Nebra zusammenhängen, analysierten Archäologen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle die Spuren mehrerer verschwundener Riesenhügel mit modernen Methoden. Sie stießen dabei auf den »Bornhöck«, den sie als möglichen frühbronzezeitlichen Großgrabhügel identifizierten. In mittlerweile zwei Kampagnen im Juli 2014 und von Mai bis August 2015 wurden die Reste des Hügels zeitweise im Rahmen einer Lehrgrabung mit Studierenden der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg archäologisch untersucht.

Mit seiner enormen Größe von mehr als 20 m Höhe und 65 m Durchmesser war er einst eine weithin sichtbare Landmarke, die die Grenze zwischen Preußen und Sachsen markierte. Im 19. Jh. wurde er wegen Planungen zum Braunkohlenabbau und zur Bodenverbesserung im Umfeld abgetragen und in diesem Zuge beraubt. Der Verbleib der dabei sehr wahrscheinlich zutage getretenen Fundobjekte ist unklar. Durch die Untersuchungen konnten aber zahlreiche wichtige Erkenntnisse zur Architektur des Hügels selbst gewonnen werden: die dachförmige Grabkammer im Zentrum war – wie in Leubingen – aus doppelt gestellten, massiven, Eichenbohlen errichtet, die mit tonnenschweren Steinblöcken abgedeckt worden waren; sicherlich um die Grabkammer so langfristig vor Raubgräbern zu schützen. Dafür wurde auch gebrochener Sandstein und Porphyr verwendet, der aus mehreren Kilometern Entfernung aus dem Stadtgebiet von Halle antransportiert worden ist. Über dem Steinkern von 18 m Durchmesser wurden tausende Kubikmeter Erde angehäuft – keine gewöhnliche Erde, sondern der Boden einer älteren frühbronzezeitlichen Siedlung, durchsetzt mit vielen tausend Knochen und Scherben. Selbst detaillierte Aussagen über den Bauablauf konnten gewonnen werden: So wurden unter anderem die Zurichtungsplätze der Holzbalken, die Steinschlagplätze, die Trampelhorizonte der Bauarbeiter sowie die Fahrspuren der für den Transport des Baumaterials genutzten Wagen entdeckt. Eine sorgfältige Analyse der verbliebenen Hügelschüttung bestätigte die Vermutung eines frühbronzezeitlichen Fürstenhügels. Die Radiokarbondatierung ergab, dass dieses Grabmonument in der ersten Hälfte des 19. Jh. v. Chr. oder etwas später errichtet worden ist.

Trotz der neuzeitlichen Beraubung geben die Grabungsbefunde schon jetzt einen einmaligen Einblick in die Architektur frühbronzezeitlicher Herrschergräber und damit auch in die Sozialstrukturen dieser Zeit. Erstmals kann Aufbau und Gestaltung eines solchen Fürstengrabhügels nun detailliert nachvollzogen werden.

Kommentare

Matthias Dittombée, 02.12.2015 21:06
Also, das ist sehr interessant, wie muß unsere mitteldeutsche Landschaft mal ausgesehen haben, bevor man an die sinnlose Zerstörung der Hügelgräber gegangen ist. Wenn es heutzutage möglich ist,die Standorte derselben neu zu lokalisieren, dann müßte es auch eine ernsthafte Diskussion über eine Wiedererrichtung geben. Man sollte Landbesitzer, Gemeinden, Fremdenverkehrsämter, Museen, Kulturministerien, und Naturschutzverbände an einen Tisch bringen, ein Konzept und die Finanzierung erstellen. Dann wäre ein zusammenhängender archäologischer Lehrpfad sinnvoll, ausgeschildert und mit Tafeln versehen. Das wäre das Mindeste an Wiedergutmachung, was den Frevel der Banausen etwas ausgleichen würde. Hügelgräber mögen "nur" aus Erde und Steinen bestehen, aber sie nicht weniger wert als Frauenkirche und Stadtmauern.
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