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Goldene Zeiten in Niedersachsen

Kategorie: Funde & Befunde
24.02.2012 -   NLD / CS

Die Nordeuropäische Erdgasleitung NEL ist eine große Herausforderung und zugleich Chance für die Archäologie, denn die 36 m breite Trasse schneidet über 200 km durch 10.000 Jahre Kulturgeschichte Niedersachsen. Im Zuge der baubegleitenden Ausgrabungen wurde im letzten Jahr ein bronzezeitlicher Goldschatz entdeckt.

Mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung durch die Investoren WINGAS, E.ON-Ruhrgas Gasunie und Fluxys G dokumentieren und bergen unter der Koordination des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD) eine Vielzahl von Spezialisten aus Denkmalpflege, Grabungsfirmen und Forschungseinrichtungen die Zeugnisse der Vergangenheit.

In Niedersachsen wird der gesamte Trassenverlauf lückenlos archäologisch untersucht. Es hat sich gezeigt, dass nur etwa 10 bis 20 % der im Bodenarchiv noch erhaltenen Fundstellen vor Baubeginn bekannt waren. Die archäologische Denkmalpflege hatte mit dieser Größenordnung gerechnet und dort Vorabgrabungsflächen ausgewiesen, wo ein hohes archäologisches Potenzial erwartet wurde. Auf einer solchen "Verdachtsfläche" in der Gemarkung Gessel, Stadt Syke im Landkreis Diepholz wurde Anfang April 2011 ein sensationeller Fund gemacht, der jetzt nach der unter Laborbedingungen durchgeführten Freilegung und ersten Analyse am Mittwoch, den 22.2.2012 der Öffentlichkeit vorgestellt werden kann.

Bei einer zielgerichteten Prospektion mit Hilfe eines Metalldetektors wurde zunächst ein Bündel von stark korrodierten Bronzenadeln, ein kleines goldenes Spiralröllchen und ein größeres verziertes Goldobjekt entdeckt, das zunächst als Armreif angesprochen wurde. Aus wissenschaftlichen Gründen wurde der gesamte Komplex noch am selben Tag im Block geborgen und zur weiteren Freilegung und Untersuchung in die Restaurierungswerkstatt des NLD nach Hannover überführt.

Die Röntgenuntersuchung des Erdblocks mit dem Hort erlaubte eine erste Einschätzung des Umfanges. Einer Spezialfirma gelang es, mit einer neuen Methode ein hochauflösendes CT-Bild zu generieren, das zur Unterstützung der Freilegungsarbeiten in eine dreidimensionale Stereolithografie umgesetzt wurde. Dieser dreidimensionale Ausdruck gibt die Lage jedes einzelnen Objektes in seiner komplexen Anordnung detailgetreu wieder.

117 Objekte aus reinem Gold mit einem Gesamtgewicht von ca. 1,8 kg kamen bei der Freilegung im Labor zum Vorschein. Die Anordnung der einzelnen Objekte spricht für die Niederlegung in einem Beutel aus Tuch oder Fell, der mit vier Bronzenadeln verschlossen wurde. Spezialisten des NLD und des Landeskriminalamtes konnten die daran erhaltenen organischen Fasern an den Bronzenadeln als Leinen identifizieren. Eine Probe dieser Faserreste wird eine Altersbestimmung mit Hilfe der Radio-Karbon-Methode ermöglichen. Schon im CT zeigte sich deutlich, dass es sich bei den Fundobjekten vorwiegend um Spiralen aller Art und Größe sowie um einen Wendelring, einen offenen Armring sowie um eine Fibel (Gewandspange) handelt. Als jüngste Stücke in diesem Schatzfund mit Objekten aus einem sehr breiten Zeitraum datieren die eingerollte Fibel und die großen, massiven Ringe diesen Fundkomplex in die mittlere Bronzezeit, also in etwa in die zweite Hälfte des 14. vorchristlichen Jahrhunderts.

Die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Professor Dr. Johanna Wanka, sagte bei der Präsentation des Hortfundes, dass zwar der Glanz des Goldes für viele Menschen faszinierend sei, wichtiger für das Verstehen unserer eigenen Geschichte sei aber der archäologische Wert dieses Fundes. "Der Wissenszuwachs über das Leben unserer Vorfahren ist durch solch einen außergewöhnlichen Jahrhundertfund viel größer, als der reine Materialwert des Goldes." Ministerin Wanka kündigte gleichzeitig ein Forschungsprojekt an, welches sich mit den frühen Goldfunden in Niedersachsen und ihren Beziehungen zu anderen Ländern beschäftigen wird.

Der Goldfund von Gessel wird die Wissenschaft wohl noch lange beschäftigen. In einem ersten Schritt konnten die Archäometallurgen am Institut für Anorganische Chemie der Leibniz Universität Hannover mit Verfahren wie Röntgenfloureszenzanalytik, Laserablationsmassenspektrometrie und Rasterelektronenmikroskopie bereits Hinweise auf die Herkunft des Goldes, Herstellungstechniken und die Entstehung des ungewöhnlichen Belages auf den Funden geben. Warum der Goldfund von Gessel dem Boden anvertraut wurde, ist nicht bekannt. Interpretationen als Händlerversteck, Versteckfund oder Weihefund sind möglich. Die Frage nach den Intentionen einer Hortdeponierung ist allerdings wesentlich komplizierter, als sich dies mit den eben angeführten Schlagworten umschreiben lässt. Hierzu und zu weiteren Fragen wird im Zuge der soeben begonnenen weiteren interdisziplinären wissenschaftlichen Untersuchung und Aufarbeitung des Hortfundes von Gessel weiter zu berichten sein.

Dr. Stefan Winghart, Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege machte deutlich: "Archäologische Sensationen fallen nicht vom Himmel, sie sind vielmehr das Ergebnis akribischer und geduldiger wissenschaftlicher Arbeit. Nur flächendeckende Untersuchungen, wie sie das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege systematisch durchführt, führen zu neuen Erkenntnissen. Der Goldhort von der NEL-Pipeline wird Antwort auf viele Fragen geben, die die Archäologie bisher nicht oder nicht hinreichend beantworten konnte."

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