01.07.2016 - 15:22:40

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)
Nachrichten > Tagungen

Glanzstück der Bronzezeit oder Fälschung?

Kategorie: Tagungen, Funde & Befunde
26.02.2016 -   Landesmuseum Hannover / AB

Eine Tagung zur Goldscheibe von Moordorf

Seit einiger Zeit arbeiten Archäologen und Naturwissenschaftler an der Enthüllung eines Geheimnisses: Ist die Goldscheibe von Moordorf echt oder modern gefälscht? Bei einer Tagung im Landesmuseum Hannover wurden nun verschiedene Argumente ins Feld geführt und eine vorläufige Bewertung vorgenommen.

Stammt die Goldscheibe von Moordorf aus der Bronzezeit oder nicht? Die Experten sind sich nicht einig. Die weniger als einen Millimeter dicke Scheibe ist mit Sonnensymbolen konzentrisch verziert. Goldscheiben sind aus der Bronzezeit Nord-, West und Mitteleuropas bekannt. Foto © Landesmuseum Hannover

Stammt die Goldscheibe von Moordorf aus der Bronzezeit oder nicht? Die Experten sind sich nicht einig. Die weniger als einen Millimeter dicke Scheibe ist mit Sonnensymbolen konzentrisch verziert. Goldscheiben sind aus der Bronzezeit Nord-, West und Mitteleuropas bekannt. Foto © Landesmuseum Hannover

Der bronzezeitliche Goldschmuck aus dem bayrischen Bernstorf steht wegen der extrem hohen Reinheit des Metalls im Verdacht, gefälscht zu sein. In diesen Verdacht ist die gleichfalls bronzezeitliche Goldscheibe aus Moordorf (Ostfriesland) im Landesmuseum Hannover geraten, deren außergewöhnlich hoher Goldgehalt ebenso als Hinweis auf eine mögliche Fälschung gedeutet wird.

Um der Diskussion eine wissenschaftliche Grundlage zu verschaffen, haben das Landesmuseum Hannover und das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege am 20.2.2016 eine Fachtagung über die berühmte Goldscheibe von Moordorf veranstaltet. Auf dem ganztägigen Workshop legten Fachleute verschiedener Disziplinen ihre Untersuchungsergebnisse zu diesem bedeutenden Exponat vor, das 1926 vom Landesmuseum angekauft worden ist und als besonders bemerkenswertes Objekt des Sonnenkultes über Niedersachsen hinaus gilt. Am Ende der Tagung zeichnete sich keine Einigung ab, denn die beteiligten Disziplinen gelangten zu unterschiedlichen Bewertungen der Echtheit.

Neue Bestimmungen der Goldzusammensetzung in zwei unterschiedlichen Labors, namentlich des Instituts für Anorganische Chemie der Leibniz-Universität Hannover (Robert Lehmann) und des Curt- Engelhorn-Zentrum für Archäometrie Mannheim (Ernst Pernicka), bestätigten den sehr hohen Goldgehalt der Moordorfer Scheibe. Da so reines Gold in der Natur nicht vorkommt und Verfahren zur Goldreinigung erst ab dem 6. Jh. v.Chr. belegt sind, beziffert Ernst Pernicka die Wahrscheinlichkeit einer neuzeitlichen Goldlegierung für die Moordorfer Scheibe mit 70%.

Archäologische Untersuchungen von Spezialisten zur Herstellung und Verzierung derartiger Goldfunde aus der Bronzezeit (in Niedersachsen ca. 2200-750 v.Chr.) gelangten hingegen zu dem Schluss, dass die Goldscheibe eine Arbeit aus der Bronzezeit und insofern mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit echt ist. Aufgrund spezifischer Herstellungund Lagerungsspuren, die an der Scheibe zu beobachten sind, konnte Stephan Veil vom Landesmuseum Hannover eine authentische Biographie entwerfen. Alle technischen Merkmale stimmen mit bekannten bronzezeitlichen Goldfunden überein, berichtete Barbara Armbruster aus Toulouse. Wolfgang David vom Keltenmuseum Manching unterstrich in einer Analyse die bronzezeitliche Stilistik der Ornamente und die Einmaligkeit der Komposition.

Die spannende Entdeckungsgeschichte des Fundes, die das Landesmuseum schon in den 1920er Jahren recherchiert hat, widerspricht der Echtheitsthese nicht, kann sie aber auch nicht beweisen. Neil Wilkin vom Britischen Museum in London, dem die Scheibe bereits 1920 angeboten worden war, aber einen geringeren Preis zahlen wollte, stellte die Entscheidung in den Kontext damaliger Ankaufspraxis.

Weitere Spezialuntersuchungen wie die Datierung von Bodenspuren an der Scheibe sollen dieses Dilemma klären helfen. Die Tagungsbeiträge sollen ausführlich in der archäologischen Fachzeitschrift »Die Kunde« des Landesmuseums Hannover publiziert werden.

Kommentare

Rainer Antkowiak, 27.02.2016 14:37
Hat man an der Goldscheibe von Moordorf eine flächendeckende Dickenmessung vorgenommen? An den dabei gemessenen Toleranzen ließe sich vielleicht feststellen, ob sie mit ahistorischer Technik maschinell ausgewalzt worden ist. Auch der gleichmäßige Auswalzvorgang an sich feststellen.
Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 4.0 von 5. 1 Stimme(n).
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Jan Schütte, 29.02.2016 19:01
@Rainer
Sofern gewalzt wurde. Könnte auch gegossen worden sein.
Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 5.0 von 5. 1 Stimme(n).
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Rainer Antkowiak, 01.03.2016 09:30
Beim Walzen entsteht eine Walztextur. Die Kornstruktur des Metalls wird in Walzrichtung gestreckt. Die Körner zeigen eine einheitliche Orientierung. Mit der Röntgenfeinstrukturanalyse ließen sich die Kristalle ausmessen.
Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Kommentar hinzufügen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.

* - Pflichtfeld