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Die Metallurgie hat vermutlich nicht nur einen Ursprung

Kategorie: Forschung, Veröffentlichungen
03.09.2017 -   Uni Heidelberg / AB

Wissenschaftler lösen ein kontrovers diskutiertes Problem der Technikgeschichte / Kupferschlacke aus Çatalhöyük ist Zufallsprodukt

Wann und wo haben Menschen die Metallverarbeitung erfunden? Eine Antwort auf diese lange diskutierte Frage der Technikgeschichte haben jetzt Wissenschaftler der Universität Heidelberg gemeinsam mit Forschern aus London und Cambridge (Großbritannien) gefunden: Danach hat die Metallurgie keineswegs nur einen Ursprung, sondern hat sich vermutlich an verschiedenen Orten in etwa gleichzeitig entwickelt. Zu dieser Einschätzung kommen die Experten, nachdem sie den 8.500 Jahre alten Fund von Kupferschlacke in der steinzeitlichen Siedlung Çatalhöyük in Vorderasien erneut untersucht und dabei auch die chemische Zusammensetzung anderer Artefakte aus Kupfer analysiert haben.

Die Kulturgeschichte der Menschheit wird allgemein grob in Stein-, Bronze- und Eisenzeit eingeteilt. Wenig bekannt ist jedoch, dass bereits zu Beginn der so genannten Jungsteinzeit vor rund 10.000 Jahren im Fruchtbaren Halbmond von der Levante über Ostanatolien bis in das Zagrosgebirge im Iran Kupfermetall verarbeitet wurde. »Dennoch können wir nicht von einer richtigen Metallurgie sprechen, weil es sich durchwegs um gediegen Kupfer, also Naturkupfer handelt«, erläutert Prof. Dr. Ernst Pernicka, wissenschaftlicher Direktor des Curt-Engelhorn-Zentrums Archäometrie an der Universität Heidelberg, das seinen Sitz in Mannheim hat. Kupfer kommt in der Natur als Metall vor und wurde wohl nur, so der Wissenschaftler, als besondere Art von Stein angesehen. Weil aber die Produktion von Metallen aus Erzen eine neue Epoche in der Menschheitsgeschichte einläutet, ist es eine wichtige Frage, wann und wo dies erstmals geschah und ob die Metallverarbeitung tatsächlich nur einen einzigen Ursprung hat.

Lange Zeit galt eine kleine Menge von Kupferschlacke aus der neolithischen Siedlung von Çatalhöyük als frühester Beleg für die pyrometallurgische Gewinnung von Kupfer aus Erzen. Diese Siedlung existierte von rund 7.100 bis 6.000 vor Christus und gilt als wichtigster vorderasiatischer Fundort, der Einblicke in die Entwicklung des Siedlungswesens überhaupt ermöglicht. Die Kupferschlacke fand sich in Schichten, die auf 6.500 vor Christus datiert wurden und war damit 1.500 Jahre älter als der früheste Nachweis für Kupferverhüttung weltweit. »Der Fund schien damit den Geburtsort der Metallurgie anzuzeigen, von dem aus sich diese Technik langsam in alle Richtungen verbreitete«, so Prof. Pernicka, der zugleich die Forschungsgruppe Archäometrie und Archäometallurgie am Institut für Geowissenschaften der Universität Heidelberg leitet.

Neue Untersuchungen, unter anderem im Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie, haben jedoch gezeigt, dass die Schlacke als Zufallsprodukt bei einem Hausbrand entstanden ist. Grüne, als Pigment verwendete Kupfererze wurden durch die große Hitze dieses Brandes verschlackt. Die Schlacke hat dabei eine andere chemische Zusammensetzung als eine aus Blechen gefaltete Perle, die aus gediegen Kupfer besteht und zu den Artefakten der steinzeitlichen Siedlung gehört. Damit ist eine neue Situation in der wissenschaftlichen Bewertung der Kupferschlacke von Çatalhöyük entstanden: Die frühesten Belege für die Gewinnung von Kupfer aus Erzen um 5.000 vor Christus sind einerseits in Südosteuropa und andererseits im Iran zutage gekommen. Mit den aktuellen Forschungsergebnissen ist es daher wahrscheinlich geworden, dass sich diese epochale Entwicklung der Menschheit doch an mehreren Orten in etwa gleichzeitig vollzogen hat. »Wir haben damit ein kontrovers diskutiertes technikgeschichtliches Problem gelöst«, betont Prof. Pernicka.

Die Forschungsergebnisse wurden im Journal of Archaeological Science veröffentlicht.

Publikation

M. Radivojević, Th. Rehren, S. Farid, E. Pernicka, D. Camurcuoğlu: Repealing the Çatalhöyük extractive metallurgy: The green, the fire and the »slag«. Journal of Archaeological Science (published online 15 August 2017)
DOI: 10.1016/j.jas2017.07.001